Wasser in Südtirol: Erste Warnstufe ausgerufen – und der Tourismus läuft auf Hochtouren

Seit Pfingsten liegt ein Hochdruckgebiet über Südtirol und sorgt für die erste Hitzewelle des Jahres – mit Spitzen bis zu 35 Grad. Die Ständige Beobachtungsstelle über die Wasserressourcen in den Ostalpen hat bereits die erste Warnstufe für das Einzugsgebiet der Etsch ausgerufen. Grund: ein schneearmer Winter und kaum noch Reserven in den Höhenlagen. Die Landesagentur für Umwelt und Klimaschutz appelliert an die Bevölkerung, verantwortungsvoll mit Wasser umzugehen. Bauern entlang der Etsch sind besorgt.
Das blaue Gold wird knapp
Südtirol gilt als Wasserland. Mehr als 1.700 Quellen und hundert Tiefbrunnen versorgen das Land, das Trinkwasser ist von bester Qualität, die Bäche rauschen durch die Täler. Im Normalfall wäre mehr als genug Wasser für alle da. Doch der Normalfall ist längst nicht mehr der Alltag.
Die aktuelle Warnstufe ist keine Überraschung – sie ist das Ergebnis eines langen Trends. Und sie trifft auf eine Situation, die das Problem erst richtig sichtbar macht: Südtirol erlebt seit Jahren einen touristischen Dauerbetrieb, der an die Ressourcen des Landes geht. Nirgends zeigt sich das deutlicher als beim Wasser.
Wassernotstand – aber nur für manche
Das Muster kennen wir aus den vergangenen Jahren. Im Juli 2022 unterzeichnete Landeshauptmann Arno Kompatscher eine Wassernotstandsverordnung. Die Botschaft an die Bevölkerung war klar: sparen, sparen, sparen. Den Rasen wässern? Verboten, zumindest zwischen 9 und 20 Uhr. Private Gärten, Parks, Grünflächen: alles einschränken. Dazu der allgemeine Appell, den Verbrauch „auf das notwendigste Minimum zu beschränken“. Auch 2023 drohte Kompatscher erneut mit demselben Schritt.
Jetzt, im Mai 2026, ist die Warnstufe bereits da – und der Sommer hat noch nicht einmal richtig begonnen. Bereits in vergangenen Jahren kam es im Unterland zu frühen Trockenperioden, aber so früh im Jahr wie heuer war die Lage selten.
Was in all diesen Appellen auffällt: Die Einschränkungen treffen vor allem die Einheimischen – Bauern, Familien, Gemeinden. Der Tourismus hingegen läuft weiter wie gewohnt. Die Wellnessanlage öffnet pünktlich. Der Whirlpool dampft. Der Außenpool wird befüllt.
500 Liter für den Gast – 238 für den Einheimischen
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Laut dem Wassernutzungsplan des Landes verbraucht ein Tourist in Südtirol täglich knapp 500 Liter Trinkwasser. Ein Einheimischer kommt laut ASTAT auf 238 Liter – also weniger als die Hälfte. Kein Wunder: mehrfaches Duschen, täglicher Wäschewechsel, Sauna, Dampfbad, Innen- und Außenpool, Whirlpool, Salzwasserbecken. In einem typischen Südtiroler Vier-Sterne-Wellnesshotel kann man sich aussuchen, welches der Becken man zuerst benutzt. Für die Einheimischen lautet die Ansage hingegen: Rasen nicht wässern.
Und die Gäste werden nicht weniger. Schon 2025 knackte Südtirol die Marke von 38 Millionen Nächtigungen – wieder ein neuer Rekord. Die Wintersaison 2025/26 legte sogleich nach: 14,78 Millionen Übernachtungen allein von November bis April, ein Plus von 3,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Jeder dieser Gäste verbraucht im Schnitt doppelt so viel Wasser wie ein Einheimischer. Die Rechnung macht sich fast von selbst.
Fallbeispiel Brixen: Wasser muss bergauf gepumpt werden
Besonders anschaulich zeigt sich das Problem rund um Brixen. St. Andrä oberhalb der Bischofsstadt ist ein beliebter Ferienort, direkt am Fuß des Skigebiets Plose. Die Zahl der Hotels wächst, der Wasserbedarf steigt. Und die lokalen Quellen am Ploseberg reichen in der Hochsaison nicht mehr aus.
Die Lösung? Wasser aus Schalders – das traditionell rund 70 Prozent des Brixner Trinkwassers liefert und von dort eigentlich bergab in die Stadt fließt – muss aufwendig von Brixen hinauf nach St. Andrä gepumpt werden. Was die Natur bergab fließen lässt, wird mit Energie wieder hochgedrückt – damit der Wellnessbereich läuft. Die Kosten dafür trägt die Allgemeinheit.
Und genau dieses System steht jetzt unter Druck – mitten in einer Hitzewelle, mit kaum noch Schnee in den Höhenlagen und einer Warnstufe, die so früh im Jahr noch selten war.
Und wer zahlt am Ende?
Der Bauer, der sein Feld tagsüber nicht mehr beregnen darf. Die Familie, die den Garten trocknen lässt. Die Gemeinde, die Wasserinfrastruktur auf Kosten aller ausbaut, damit die nächste Hotelanlage versorgt werden kann. Der Einheimische, der für denselben Museumsbesuch, dasselbe Schwimmbad und dieselbe Bergbahn deutlich tiefer in die Tasche greifen muss als der Tourist mit seiner kostenlosen Gästekarte.
Wasser ist in Südtirol noch kein knappes Gut. Aber es wird knapper – und die Last, die daraus entsteht, wird nicht gleichmäßig verteilt. Sie landet dort, wo sie am wenigsten hingehört: beim Einheimischen.
Die erste Warnstufe ist ausgerufen, die Temperaturen klettern auf 35 Grad, die Schneereserven sind aufgebraucht – und Südtirol erwartet seinen nächsten Rekord-Sommer. Solange ein Tourist doppelt so viel Wasser verbraucht wie ein Einheimischer, solange Wellnessanlagen sprudeln während Bauern ihre Felder nicht wässern dürfen, und solange die Infrastrukturkosten des Massentourismus auf die Allgemeinheit abgewälzt werden – solange ist „nachhaltiger Tourismus“ in Südtirol vor allem eines: ein leeres Versprechen.
Am Ende zahlen die Südtiroler die Zeche. Und das kann nicht die Lösung sein.
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