Ostern: Zwischen Tradition und Schokoladenhasen

Eine 74-Jährige aus dem Vinschgau erinnert sich noch genau: „Der Gründonnerstag gehörte dem Eierfärben. Nicht mit bunten Päckchen aus dem Supermarkt, sondern mit Zwiebelschalen, roter Beete und Spinat. Für Rot nahm man rote Beete oder Zwiebelschalen, für Grün Petersilie oder Spinat, für Gelb Kamille oder Kurkuma. Es war ein Ritual, das Stunden dauerte und bei dem die ganze Familie am Tisch saß“, erzählt sie. Am Palmsonntag wurde der Palmbesen gebunden, aus Weidenkätzchen und Olivenzweigen, geschmückt mit Frühlingsblumen, bunten Bändern und verzierten Ostereiern. Nach der Weihe in der Kirche kam er ins Haus, wo er bei Gewittergefahr im Herd verbrannt wurde, um Unwetter abzuwenden. Auch der „Palmesel“ durfte nicht fehlen: Wer als Letzter am Frühstückstisch erschien, trug diesen wenig schmeichelhaften Titel.
Am Ostersonntag war die Messe Pflicht, für alle, ohne Ausnahme. Danach wurde das Osteressen aufgetischt. Hartgekochte Eier, gekochter Schinken und Speck, Würste und das Osterbrot, dazu Kren, also Meerrettich, der am Karsamstag frisch gerieben wurde. Die Speisen wurden zuvor in der Kirche gesegnet und erst nach dem Kirchgang auf den Tisch gebracht. Nach dem Essen folgte das „Goggele Pecken“, bei dem zwei Personen ihre Eier gegeneinander schlugen, zuerst Spitze gegen Spitze, dann die flacheren Seiten. Wessen Ei heil blieb, hat gewonnen. Ein simples Spiel, das aber Jahr für Jahr für Lachen und ein wenig Streit sorgte.
Heute sieht die Osterzeit meist anders aus. Ein 28-Jähriger erzählt, dass er Ostern meistens mit einem verlängerten Wochenende verbringt, manchmal zu Hause, manchmal verreist. Die Messe? Eher selten. Den Palmbesen? Hat er als Kind noch gesehen, heute nicht mehr. Stattdessen aber Schokoladeneier aus dem Supermarkt, ein großes Familienessen am Sonntag, falls alle Zeit haben, und vielleicht ein Osterspaziergang, wenn das Wetter mitspielt.
Das ist kein Südtiroler Phänomen. Der Wandel passiert überall. Und es ist nicht per se schlecht. Aber es stellt sich die Frage: Was geht verloren, wenn Feiertage zu langen Wochenenden werden? Gerade in Südtirol galten tief verwurzelte Bräuche als Kitt der Gemeinschaft, in der Familie, als auch im Dorf. Wenn dieser Kitt bröckelt, merkt man es vielleicht erst, wenn er ganz weg ist.
In manchen Familien werden die Eier noch immer mit Naturfarben gefärbt. Ostern in Südtirol ist nicht verschwunden. Es hat sich nur verwandelt, leiser, leichter, weniger verbindlich. Ob das ein Verlust ist oder einfach die Zeit, die weitergeht, muss wohl jeder für sich entscheiden.






