von mmh 31.03.2026 15:16 Uhr

„Hinschauen statt wegschauen“: Suizidrisiko im Alter deutlich erhöht

Mit dem Alter steigt das Suizidrisiko. 2023 haben sich in Österreich 600 Menschen über 60 das Leben genommen, ältere Männer sind besonders gefährdet. Die Präsidentinnen des Seniorenrates, Ingrid Korosec und Birgit Gerstorfer, haben am Dienstag bei einer Pressekonferenz mehr Aufmerksamkeit für das Thema eingemahnt. Korosec sprach von einem „gesamtpolitischen Versagen“ und forderte eine Strategie gegen Alterseinsamkeit, aber auch jeder und jede Einzelne trage Verantwortung.

APA/dpa

Viele ältere Menschen würden ein zufriedenes Leben führen. Es gebe aber eine vulnerable Gruppe, auf die besonders geachtet werden muss, betonte der Leiter des Kriseninterventionszentrums Wien, Thomas Kapitany. Ältere Menschen haben mit besonderen Belastungen zu kämpfen. Der Übergang in den Ruhestand werde oft als Verlust von Struktur und sozialer Anerkennung erlebt, dazu kommen gesundheitliche Probleme, der Verlust nahestehender Menschen, Einschränkungen bei der Selbstständigkeit, Probleme bei der Bewältigung des Alltags oder Sorgen über eine leistbare Pflege.

Kommen Gefühle von Einsamkeit, Hilflosigkeit und der Abhängigkeit von anderen auf, könne das bei älteren Menschen zur Entwicklung von Suizidabsichten führen, so Kapitany. Es sei wichtig, für dieses erhöhte Risiko bei Älteren ein Bewusstsein zu schaffen. Gemeinsam mit dem Seniorenrat wurde deshalb eine Broschüre des Kriseninterventionszentrums zum Thema erneuert und im großen Stil in Umlauf gebracht.

"Über Schwelle drübertrauen"

Diese richtet sich an Betroffene, aber auch Angehörige und professionelle Helfer. Sie kann unter heruntergeladen werden oder in Papierform bestellt werden. Auch die Telefonseelsorge (142) wurde als Angebot für Menschen hervorgehoben, die über ihre Sorgen und mögliche Suizidabsichten sprechen wollen. Ein besonderes Augenmerk muss man laut dem Leiter des Kriseninterventionszentrums auf Männer legen, die sich immer noch schwerer tun würden, sich bei psychischen Problemen Hilfe zu holen.

Wenn man merke, dass sich jemand verändert und zurückzieht, sei es wichtig, diese Person anzusprechen, riet Kapitany. Man könne dann auch sensibel hinterfragen, ob sie die Lebensfreude verloren habe oder gar an Suizid denke. Dieses Ansprechen führe keineswegs dazu, dass jemand Suizidgedanken erst entwickle, sondern zu Erleichterung, weil die quälenden Gedanken ausgesprochen werden können. Das eröffne Möglichkeiten, Hilfe zu bekommen. „Es ist wichtig, sich über diese Schwelle drüberzutrauen“, ermunterte er.

„Diese Menschen wollen nicht sterben, aber sie wollen nicht so weiterleben“, hob Korosec hervor und appellierte für „Hinschauen, nicht Wegschauen“. Jeder und jede Einzelne sei gefordert, auf seine Mitmenschen zu achten. Gerade in der Großstadt sei die Vereinsamung ein Problem.

Einsamkeit als Gesundheitsrisikofaktor

Von der Politik forderte die Chefin des ÖVP-nahen Seniorenbunds, Einsamkeit als eigenständigen Gesundheitsrisikofaktor anzuerkennen und eine bundesweite Offensive gegen Alterseinsamkeit zu starten, „damit jeder daran denkt“. Von Hausärzten müsse es mehr Zusammenarbeit mit sozialen Diensten geben, immerhin seien diese oft besonders gut über die Situation ihrer älteren Patientinnen und Patienten informiert. Kapitany hob in dem Zusammenhang hervor, dass es auch mehr Augenmerk auf Depressionen im Alter brauche. Diese würden immer noch oft übersehen, wären aber gut behandelbar.

Korosec forderte außerdem mehr Wertschätzung für die ältere Generation und deren „Integration statt Isolation“. Einmal mehr warb sie für verbesserte Möglichkeiten, in der Pension freiwillig weiter berufstätig zu bleiben. Das wäre auch als Prävention gegen Einsamkeit „sehr, sehr hilfreich“.

Digitalisierung kann Isolation verstärken

Gerstorfer, Präsidentin des SPÖ-nahen Pensionistenverbands, hob in diesem Zusammenhang die Angebote der Seniorenorganisationen und anderer Verbände hervor. Fixe Termine seien wichtige Anhaltspunkte, um Menschen zu treffen. „Das ist, was uns gesund erhält.“ Sozialer Rückzug könne psychische Erkrankungen begünstigen und auch die Tendenz, das Leben zu verneinen. Gerstorfer sah deshalb einen Auftrag an die Gesellschaft, Organisationen und Gemeinden, die ältere Generation in die Gemeinschaft einzubinden. „Das ist eine Frage der Sozialpolitik.“

Erneut betonte sie dabei das Thema Digitalisierung, das die Isolation Älterer ungewollt verstärke. Manche würden sogar das Busfahren vermeiden, weil sie mittlerweile vom Ziehen des Tickets überfordert seien. Der Erhalt analoger Angebote sei deshalb auch ein Hebel gegen Alterseinsamkeit. Sie warb außerdem für Projekte etwa aus skandinavischen Ländern, wo die Gemeinden ältere Menschen gezielt aufsuchen und nach deren Interessen fragen und über Gemeinschaftsaktivitäten informieren.

(Sie sind in einer verzweifelten Lebenssituation und brauchen Hilfe? Sprechen Sie mit anderen Menschen darüber. Hilfsangebote für Personen mit Suizidgedanken und deren Angehörige bietet das Suizidpräventionsportal des Gesundheitsministeriums. Unter finden sich Kontaktdaten von Hilfseinrichtungen in Österreich. Der Telefonseelsorge-Notruf ist rund um die Uhr und kostenfrei unter 142 zu erreichen. Infos für Jugendliche gibt es unter )

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