Südtirols Pflegenotstand: Warum Altenheime keine Mitarbeiter finden

In Südtirol leben derzeit rund 16.000 Pflegebedürftige, von denen etwa 4.400 in Seniorenwohnheimen untergebracht sind. Der Rest, also 11.600 Menschen, wird zu Hause betreut. 60 Prozent davon von Familienangehörigen und sogenannten Badanti, 40 Prozent von verschiedenen Pflegediensten. Bis 2030 wird die Zahl der über 75-Jährigen um 13 Prozent steigen, was bedeutet, dass deutlich mehr Pflegeplätze und vor allem deutlich mehr Pflegekräfte benötigt werden.
Das Land gibt jetzt rund 255 Millionen Euro jährlich allein an Pflegegeld aus. Diese Summe wird steigen, denn die demografische Rechnung ist einfach: Mehr alte Menschen brauchen mehr Pflege, während gleichzeitig weniger junge Menschen nachrücken, die diese Pflege leisten können. Deutschland prognostiziert bis 2049 einen Bedarf von mindestens 280.000 zusätzlichen Pflegekräften, Österreich braucht bis 2030 bereits 76.000 zusätzliche Fachkräfte und bis 2050 fast 200.000. Südtirol bildet keine Ausnahme von diesem Trend.
Zu wenige wollen Pflegehelfer werden
Die Claudiana, die Landesfachhochschule für Gesundheitsberufe in Bozen, bildet Krankenpfleger und andere Gesundheitsfachkräfte aus. Doch das reicht bei weitem nicht. Beim Südtiroler Sanitätsbetrieb waren im Schuljahr 2022/2023 weder Ausbildungslehrgänge für Pflegehelfer noch Spezialisierungsmodule vorgesehen.Â
Die Landesfachschule für soziale Berufe und der KVW bieten zwar Ausbildungen an, aber es gibt zu wenige Bewerber. Wer möchte schon einen Beruf erlernen, der körperlich und psychisch extrem belastend ist, Schichtarbeit, Wochenend- und Feiertagsdienste erfordert und dabei vergleichsweise schlecht bezahlt wird?
11.000 werden von Osteuropäerinnen gepflegt
Die Lösung, die Südtirol gefunden hat, ist pragmatisch, aber problematisch. 11.000 Personen werden zu Hause betreut, meist von Frauen aus Osteuropa, den sogenannten Badanti. Schätzungen zufolge arbeiten in Südtirol rund 5.000 private, zumeist ausländische Hauspflegekräfte, die meisten aus Kroatien, Serbien, der Slowakei und Polen.
Für die Badanti ist es oft eine wirtschaftliche Notwendigkeit. „Wenn man geschieden ist und der Ex-Mann kein Geld bezahlt, muss man schauen, zu überleben“, sagt Zuzana, eine slowakische Pflegerin, die seit zwölf Jahren in Südtirol arbeitet. Trotz Matura an einem Gymnasium würde sie für einen Job daheim nicht mehr Geld bekommen. Das reicht niemals für Essen, Miete und Nebenkosten. In Südtirol verdient sie deutlich mehr, aber zu welchem Preis?
Das größte Problem ist die Sprache. „Ich verstehe nicht, wie sich diese vorstellen zu arbeiten“, sagt Zuzana. „Ohne Sprache kann man im Notfall schließlich nicht einmal die Rettung kontaktieren.“ Die Sozialgenossenschaft humanitas24 beschäftigt allein an die 100 Frauen, die in ganz Südtirol verteilt als Pflegerinnen arbeiten. Das Land hat erkannt, dass Sprachförderung dringend notwendig ist, und bietet mittlerweile Onlinekurse an. An der Landesberufsschule für soziale Berufe gibt es einen 140 Stunden umfassenden Kurs mit sieben Modulen, der neben Sprachkenntnissen auch Grundkenntnisse der Geriatrie und Erste-Hilfe-Kurse umfasst.
Wohnungsnot als Ursache?
Ein oft übersehenes Problem ist die Wohnungsnot in Südtirol. Gewerkschaften und der Unternehmerverband Südtirol haben wiederholt betont, dass die Wohnungssituation ein zentrales Hindernis ist: „Um unsere Jugend bei der Wohnungssuche zu unterstützen, um heimische Talente in Südtirol zu halten, von außerhalb wieder zurückzubringen bzw. von anderswoher anzuziehen, brauchen wir leistbare Wohnungen, insbesondere Mietwohnungen.“ Unternehmen sind von immer größerer Personalknappheit betroffen, weil Arbeitskräfte aus dem Ausland nicht kommen. Nicht weil sie den Job nicht wollen, sondern weil sie keine Wohnung finden.
Die WOBI-Wartelisten sind lang und wer eine Sozialwohnung bekommt, gehört zu den Glücklichen. Für Pflegekräfte, die oft schlecht bezahlt werden, ist der private Wohnungsmarkt in Südtirol unbezahlbar. Eine durchschnittliche Wohnung in Bozen kostet Mieten, die ein Pflegehelfer mit seinem Gehalt kaum stemmen kann. Die Konsequenz ist, dass potenzielle Arbeitskräfte fern bleiben oder nach kurzer Zeit wieder umkehren.
Im Landtag wurde das Thema mehrfach diskutiert. Das Team K brachte Entschließungsanträge ein, um den veränderten Familienstrukturen gerecht zu werden und mehr kleinen Wohnraum zu schaffen. Die Wohnreform 2025, die derzeit beim Rat der Gemeinden begutachtet wird, sieht vor, dass das WOBI in Gebieten mit Wohnungsnot ein Vorkaufsrecht erhält, um 30 Prozent des Wohnraums in Form von günstigen Mietwohnungen für den Mittelstand bereitzustellen. Ob das reicht, ist fraglich.
Vergleich Deutschland und Österreich: Dort ist die Krise noch schlimmer
Deutschland und Österreich kämpfen mit denselben Problemen. Deutschland benötigt bis 2049 mindestens 280.000 zusätzliche Pflegekräfte, Österreich bis 2030 bereits 76.000 und bis 2050 fast 200.000 Personen. In Deutschland wurden bereits Pflegeheime geschlossen, weil das Personal fehlt. In Hamburg mussten 2024 fünf Pflegeheime mit insgesamt 550 Plätzen dichtmachen, zwei weitere Schließungen mit 140 Plätzen sind für 2025 angekündigt.
Die Ursachen sind überall dieselben: demografischer Wandel, schlechte Arbeitsbedingungen, geringe Bezahlung, hohe Belastung. In Deutschland liegt der Ersatzbedarf aufgrund von Pensionierungen bis 2030 bei etwa 42.000 Personen, der Zusatzbedarf aufgrund der demografischen Entwicklung bei 34.000. In Österreich wird der erste Unterdeckung bereits für 2024 erwartet. Die Studienautoren befürchten, dass der Personalbedarf spätestens ab 2024 nicht mehr gedeckt werden kann.
Österreich zahlt seit 2022 monatliche Ausbildungsbeiträge von mindestens 600 Euro für alle, die eine Ausbildung in Pflege und Betreuung absolvieren. Dies soll die Pflegeausbildung attraktiver machen. Deutschland hingegen setzt verstärkt auf ausländische Arbeitskräfte: In Österreich ist der Anteil der eingewanderten Krankenpflege- und Geburtshilfefachkräfte mit 20 Prozent der drittgrößte in der EU, hinter Luxemburg mit 30 Prozent und Irland mit 26 Prozent. Private Anbieter wie Sekura rekrutieren Pflege- und Betreuungskräfte mittlerweile sogar aus Kolumbien.
Lösung? Was tut die Politik?
Südtirols Politik reagiert langsam und mit Maßnahmen, deren Wirkung fraglich ist. Im November 2022 hat der Südtiroler Landtag einen Beschlussantrag der SVP einstimmig angenommen, mit dem die Landesregierung verpflichtet wurde, das „wegweisende“ Pflegemodell Burgenland zu prüfen und gegebenenfalls auch in angepasster Form in Südtirol umzusetzen. Das Burgenland-Modell sieht vor, dass pflegende Angehörige und sogar Nachbarn oder Vertrauenspersonen offiziell als Pflegekräfte angestellt werden können und dafür ein reguläres Gehalt bekommen.
Passiert ist seither faktisch nichts. Im April 2024 fragte die Landtagsabgeordnete Maria Elisabeth Rieder vom Team K bei der Soziallandesrätin nach, ob es in Sachen Burgenland-Pflegemodell Neuigkeiten gebe. Landesrätin Rosmarie Pamer musste mitteilen, dass „nach einer ersten Erörterung ein ressortübergreifender technischer Tisch eingerichtet“ werde, „der die konkrete Umsetzbarkeit erörtert.“Â
Was fehlt, sind echte Anreize: höhere Gehälter, bessere Arbeitsbedingungen, mehr Wohnraum für Pflegekräfte, bezahlte Ausbildungen wie in Österreich. Das Land gibt zwar 255 Millionen Euro jährlich für Pflegegeld aus, aber wenig davon fließt in die Verbesserung der Arbeitsbedingungen für jene, die die Pflege tatsächlich leisten. Bis 2030 werden in Südtirol im Vergleich zu heute rund 13 Prozent mehr Menschen leben, die über 75 Jahre alt sind. Die Zeit läuft ab und die Politik reagiert mit Arbeitskreisen, Prüfaufträgen und Beschlussanträgen, während die Altenheime heute schon keine Mitarbeiter finden.
Die Frage ist nicht mehr, ob Südtirol ein Pflegeproblem hat. Die Frage ist, ob die Politik handelt, bevor das System zusammenbricht.






