Gesundheitssystem in der Kritik: Große Lücken bei psychisch Kranken

Pro Jahr erkrankt in Österreich ein Viertel der 18- bis 65-Jährigen an einem psychischen Leiden. Angststörungen und Depressionen (zu jedem Zeitpunkt rund 6,5 Prozent der Erwachsenen) sind am häufigsten. Auch Bipolare Störungen, Schizophrenie (rund ein Prozent der Erwachsenen) und Suchterkrankungen lassen die Betroffenen oft lebenslang leiden. Eine Problematik liegt darin, wie gut die psychiatrische Betreuung ist. Doch es gibt auch noch ein anderes, riesiges Problem: Physische Erkrankungen und Risikofaktoren dafür, welche diese Menschen oft ganz besonders treffen.
Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Lungenleiden, Krebs
„Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen (SMI) haben im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung eine deutlich reduzierte Lebenserwartung. Verschärft wird dies durch schlechte Behandlungsergebnisse und eine geringere Versorgungsqualität, insbesondere bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Atemwegserkrankungen, Multimorbidität und Krebs. Trotz Fortschritten im Gesundheitswesen bestehen weiterhin Herausforderungen, darunter eine fragmentierte Versorgung, die unzureichende Nutzung präventiver Maßnahmen und systembedingte Ungleichheiten in der Gesundheitsversorgung von Menschen mit SMI“, schrieben Rene Ernst Nielsen (Abteilung für Klinische Medizin der Universitätsklinik Aalborg in Dänemark) und die Mitglieder eines internationalen Expertenteams, unter ihnen auch Wissenschafter der MedUnis in Wien und Graz in der Fachzeitschrift „Neuroscience Applied“ (doi: 10.1016/j.nsa.2026.106993).
Die Lebenserwartung von Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen sei „typischerweise zehn bis 20 Jahre kürzer als jene der Allgemeinbevölkerung.“ Obwohl „unnatürliche“ Todesfälle, einschließlich Suizide, zu dieser Diskrepanz beitrügen, seien aber etwa „70 Prozent der Todesfälle in dieser Bevölkerungsgruppe auf natürliche Ursachen zurückzuführen, wobei Herz-Kreislauf- und Atemwegserkrankungen die Hauptursachen darstellen“, so die Experten. Hinzu komme eine hohe Krebsrate.
Keine Fortschritte
Die Konsequenz daraus, wie die Wissenschafter feststellen: „Während die Lebenserwartung in den meisten europäischen Ländern und Staaten Nordamerikas in der Vergangenheit ständig stieg, haben Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen keine vergleichbaren Fortschritte erzielt.“
Am wichtigsten sei es deshalb, die physische Gesundheitsversorgung in die Psychiatrie fix einzubauen, wie die Expertengruppe des „European College of Neuropsychopharmacology“ feststellt. Mittel und Wege zur Prävention und besseren Behandlung somatischer Erkrankungen sind für die Allgemeinbevölkerung völlig klar, bei psychisch Kranken aber oft vernachlässigt.
Gegenstrategien
Diese Gegenstrategien fordern die Fachleute: Verbesserte Aufklärung und Anleitung zum effektiven Management von Gesundheitsrisiken wie Rauchen, Übergewicht, Bluthochdruck und Fettstoffwechselstörungen (Cholesterin) sowie zur Einhaltung der empfohlenen Einnahme von Arzneimitteln. Psychisch Kranke weisen eine oft besonders hohe Raucherquote auf. Hier sollten alle Register für einen Rauchstopp inklusive von medikamentösen Maßnahmen gezogen werden. Der dritte Punkt ist das Management von Adipositas und frühzeitiger Gewichtszunahme.
Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen sollten auch routinemäßig auf ihren Blutdruck überwacht und im Bedarfsfall behandelt werden. Dies sollte in die psychiatrische Versorgung eingebaut werden. Allein das, so die Fachleute, könne die Herz-Kreislauf-Sterblichkeit um 20 bis 30 Prozent senken. Fettstoffwechselstörungen (Cholesterin), Prädiabetes und Diabetes müssen erkannt und ausreichend therapiert werden.
Schließlich geht es um Organisatorisches, was die medizinische Versorgung von Patienten mit erheblichen psychischen Erkrankungen betrifft. Es sollte weniger auf fachspezifische Fragmentierung in der Versorgung zurückgegriffen, sondern auf die Bildung von „therapeutischen Allianzen“ zwischen Psychiatrie und somatischer Medizin gesetzt werden. Schließlich sollten diese Anliegen zusätzlich mit der Hilfe von „Patientenlotsen“ und via Pflegekoordination zur Umsetzung gelangen.
APA






