Trikolore-Schärpe als Reviermarkierung

Es gibt Bilder, die mehr über politische Haltungen verraten als lange Reden. Der Auftritt des Pfattner Gemeindereferenten Mario Gramegna bei der offiziellen Feier zum sogenannten „Tag der nationalen Einheit“ in Leifers gehört zweifellos dazu. Während der Bürgermeister von Leifers die Trikolore-Schärpe in seiner Funktion rechtmäßig trug, erschien daneben mit Mario Gramegna auch ein Gemeindereferent aus Pfatten mit diesem staatlichen Symbol.
Genau darin liegt der springende Punkt. Denn die Trikolore-Schärpe ist kein dekoratives Beiwerk für Festakte, kein Accessoire für ehrgeizige Mandatare und kein politisches Kostüm, mit dem man sich für einen Vormittag staatsmännisch aufwerten kann. Sie ist ein klar geregeltes Amtssymbol, das nicht nach Belieben getragen werden darf. Gemeindemandatare dürfen sie nicht einfach bei offiziellen Veranstaltungen anlegen. Eine eng begrenzte Ausnahme besteht nur in besonders geregelten Fällen, etwa wenn jemand als delegierter Standesbeamter eine Trauung vollzieht. Gerade deshalb ist der Auftritt bei einem politischen Festakt und nicht in einem solchen Ausnahmefall so aufschlussreich.
Kein bloßer Formalfehler
Wer diesen Vorfall kleinreden will, verkennt seine Bedeutung. Es geht hier nicht um eine Nebensächlichkeit und nicht um einen zufälligen protokollarischen Ausrutscher. Wenn ein Gemeindereferent bei einer offiziellen Feier mit einer Schärpe auftritt, die an eine klar definierte institutionelle Funktion gebunden ist, dann wirft das grundlegende Fragen auf: zum Amtsverständnis, zum Respekt vor Regeln und zur politischen Kultur.
Denn entweder kennt man die Grenzen des eigenen institutionellen Auftretens nicht, oder man kennt sie und ignoriert sie bewusst. Beides ist gleich schlimm. Wer ein öffentliches Amt bekleidet, hat sich nicht nur politisch, sondern auch symbolisch innerhalb klarer Grenzen zu bewegen. Gerade dort aber scheint bei manchen Mandataren ein bemerkenswert lockerer Umgang mit staatlichen Insignien eingezogen zu sein.
Amt und Anmaßung
Wenn Mario Gramegna bei dieser Feier mit Trikolore-Schärpe erscheint, dann geht es eben nicht bloß um einen optischen Fehlgriff. Es geht um Anmaßung. Es geht um das Bedürfnis, sich mit einem Hoheitssymbol zu schmücken, das der eigenen Funktion bei einem solchen Anlass nicht zukommt. Und es geht um ein Politikverständnis, das aus Symbolen eine Form der Machtinszenierung macht.
Die Schärpe wird so zur politischen Staffage. Sie dient dann nicht mehr der klaren Kennzeichnung einer institutionellen Funktion, sondern der Selbstdarstellung. Wer sie auf diese Weise verwendet, will nicht bloß teilnehmen, sondern sichtbar Bedeutung beanspruchen. Gerade das macht den Vorgang so bezeichnend.
Die Trikolore als politisches Signal
In Südtirol kommt eine weitere Ebene hinzu. Die Trikolore ist hier nie nur ein neutrales Staatssymbol. Sie steht immer auch in einem historischen und politischen Zusammenhang. Wer sie demonstrativ in Szene setzt, setzt ein Zeichen. Und wer dies bei einer Veranstaltung tut, die von vielen Angehörigen der deutschen und ladinischen Volksgruppe nicht als verbindend, sondern als einseitige staatliche Selbstfeier wahrgenommen wird, verstärkt genau diesen Eindruck noch.
Wenn dann ausgerechnet ein Gemeindereferent mit Trikolore-Schärpe auftritt, drängt sich eine Lesart geradezu auf: Hier soll nicht bloß repräsentiert, sondern markiert werden. Der öffentliche Raum wird zur Bühne, die Schärpe zum Signal, der Auftritt zur Geste politischer Besitzanzeige. Viel deutlicher kann man kaum zeigen, worum es manchen Akteuren tatsächlich geht.
Kein Einzelfall
Besonders bedauernswert ist, dass der Vorfall von Leifers nicht wie ein einmaliger Ausrutscher wirkt. Vielmehr fügt er sich in ein Muster ein, das in Südtirol seit Jahren immer wieder sichtbar wird. Man gewinnt den Eindruck, dass manche Gemeindemandatare staatliche Symbole nicht als streng gebundene Insignien verstehen, sondern als frei verfügbares Material für den großen Auftritt.
Genau darin liegt das eigentliche Problem. Es geht nicht nur um ein Stück Stoff in Grün-Weiß-Rot. Es geht um die dahinterstehende Haltung. Um die Vorstellung, man könne sich durch Insignien institutionelle Größe verleihen. Um das Bedürfnis, politische Präsenz nicht durch Arbeit, Seriosität und Glaubwürdigkeit herzustellen, sondern durch Symbolik, Pose und demonstrative Staatsnähe.
Wenig Gespür für Südtirol
Gerade in Südtirol wäre ein anderes Verhalten angebracht. Wer hier politische Verantwortung trägt, sollte wissen, dass der Umgang mit nationalen Symbolen Fingerspitzengefühl verlangt. Stattdessen erlebt man immer wieder dieselbe Mischung aus mangelnder Sensibilität, protokollarischer Selbstüberschätzung und politischer Markierungslust.
Mario Gramegnas Auftritt in Leifers steht damit exemplarisch für einen Stil, der in diesem Land seit Jahrzehnten wirkt. Nicht der Respekt vor den Besonderheiten Südtirols spricht daraus, sondern das demonstrative Bedürfnis, nationale Zugehörigkeit sichtbar vor sich herzutragen. Nicht Ausgleich und Augenmaß stehen im Vordergrund, sondern die Lust an der Geste.
Ein entlarvendes Bild
Der Vorfall ist deshalb mehr als ein peinlicher Auftritt am Rande einer Feier. Er ist ein entlarvendes Bild für jene politische Mentalität, die man in Südtirol nur zu gut kennt: viel Trikolore, viel Pose, viel Geltungsdrang – aber wenig Demut gegenüber dem eigenen Amt und wenig Respekt vor den Grenzen der eigenen Funktion.
Wer ein Symbol trägt, das an eine klar definierte Rolle gebunden ist, obwohl er diese Rolle in diesem Moment gar nicht innehat, macht sich nicht größer, sondern kleiner. Und wer meint, damit Autorität auszustrahlen, offenbart in Wahrheit vor allem Unsicherheit, Anmaßung und ein bemerkenswert lockeres Verhältnis zu den Regeln, auf die man sich sonst so gerne beruft.
Unter dem Strich bleibt von diesem Auftritt genau jenes Bild, das viele Südtiroler längst satthaben: viel Symbolpolitik, viel nationale Pose, aber wenig Gespür für das Land und seine Wirklichkeit.






