von red 16.03.2026 16:00 Uhr

Alte Tirolensien neu gelesen (Teil 78)

Das Werk „Volksmusik in Tirol und Südtirol seit 1900“ bietet einen umfassenden Überblick über Geschichte, Forschung, musikalische Merkmale und Pflege der Volksmusik in Tirol und Südtirol. Es verbindet historische Forschung, musikethnologische Analyse und kulturelle Praxis.

Thomas Nußbaumer. Volksmusik in Tirol und Südtirol seit 1900. Von „echten“ Tirolerliedern, landschaftlichen Musizierstilen, „gepflegter“ Volksmusik, Folklore und andren Erscheinungen der Volkskultur, Innsbruck/Wien/Bozen 2008.

Neben der Entwicklung der wissenschaftlichen Volksmusikforschung werden auch Instrumente, Liedformen, Tänze, Bräuche und Institutionen beschrieben, die zur Bewahrung und Weiterentwicklung dieser Musiktradition beitragen. Eine Rezension von Andreas Raffeiner.

Schon in der Einleitung setzt sich der Verfasser mit terminologischen Problemen auseinander. Der Begriff „Volksmusik“ wird auf kritische Weise reflektiert, da er geschichtlich unterschiedlich verwendet wurde und sowohl wissenschaftliche als auch ideologische Bedeutungen angenommen hat. Besonders im alpinen Raum wurde Volksmusik oft mit Vorstellungen von Ursprünglichkeit, Authentizität und regionaler Identität verbunden. Der Autor zeigt jedoch, dass diese Zuschreibungen keineswegs immer eindeutig sind und dass Volksmusik traditionelle und neuere musikalische Elemente umfassen kann. Folglich schafft die Einführung einen wegweisenden theoretischen Ausgangspunkt für die nachkommenden Abschnitte.

Ein zentraler Teil des Buches widmet sich der Forschungshistorie. Nußbaumer zeichnet zunächst die frühen Bemühungen zur Sammlung und Dokumentation von Volksliedern nach. Eine zentrale Rolle spielt dabei die Arbeit von Franz Friedrich Kohl, dessen Sammlung „Echte Tiroler-Lieder“ zu den frühen Versuchen gehört, althergebrachte Lieder systematisch zu erfassen und zu veröffentlichen. Diese Sammlungen prägten maßgeblich (und wortwörtlich tonangebend) das Bild der Tiroler Volksmusik, auch wenn sie häufig von bestimmten Vorstellungen über Authentizität und Ursprünglichkeit beeinflusst waren.

Mit der Gründung des Tiroler Volksliedarchivs zu Beginn des letzten Jahrhunderts begann eine Phase der institutionalisierten Volksmusikforschung. Die durchdachte und methodische Sammlung und Archivierung von Liedern und Instrumentalmusik gestattete eine wissenschaftlichere Auseinandersetzung mit der musikalischen Überlieferung. Der Autor zeigt jedoch auch, dass die Forschung nicht unabhängig von politischen Entwicklungen war. Während der Zeit des Nationalsozialismus wurde Volksmusik zum Teil ideologisch instrumentalisiert und in einen politischen Kontext gestellt. Diese Phase der Forschungsgeschichte wird kritisch beleuchtet und ihre Folgen auf die späteren wissenschaftlichen Arbeiten werden reflektiert.

Besondere Aufmerksamkeit erhält die Feldforschung des Musikethnologen Alfred Quellmalz, der zwischen 1940 und 1942 umfangreiche Aufnahmen in Südtirol durchführte. Der Autor beschreibt sowohl die politischen und organisatorischen Rahmenbedingungen dieser Forschung als auch die methodischen Ansätze der beteiligten Forschergruppe. Die Sammlung von Quellmalz stellt eine der zentralsten Quellen zur Dokumentation der Volksmusik in dieser Region dar. Parallel dazu werden die wissenschaftlichen Voraussetzungen dieser Arbeit kritisch bewertet, insbesondere im Hinblick auf die damaligen Vorstellungen von historischen Liedschichten und regionalen Traditionen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sich die Volksmusikforschung weiter und nahm zunehmend kritischere Aspekte ein. Wissenschaftler wie Karl Horak und später Manfred Schneider trugen dazu bei, neue methodische Ansätze zu etablieren, insbesondere eine stärker kontextbezogene Feldforschung. Dabei wurde nicht nur die Musik selbst analysiert, sondern auch ihr sozialer und kultureller Zusammenhang. Institutionen wie beispielsweise das Mozarteum spielten eine wesentliche Rolle bei der Weiterentwicklung der musikalischen Volkskunde und bei der Ausbildung neuer Forscher.

Im dritten Hauptteil des hier zu rezensierenden Buches widmet sich Nußbaumer den musikalischen Charakteristika der überlieferten Volksmusik in Tirol und Südtirol. Dabei wird zunächst die Frage gestellt, ob überhaupt von einer einheitlichen „Volksmusiklandschaft Tirol“ gesprochen werden kann. Die Untersuchung zeigt, dass die musikalischen Traditionen der Region eine große Vielfalt aufweisen und stark von lokalen und regionalen Besonderheiten geprägt sind. Besonders im Bereich des Volkslieds werden melodische Strukturen, Mehrstimmigkeit, Rhythmik und Phrasierung analysiert. Diese musikalischen Merkmale verdeutlichen, dass sich die Tiroler Volkslieder durch bestimmte stilistische Eigenheiten auszeichnen, gleichzeitig jedoch auch Einflüsse aus benachbarten Regionen aufgenommen haben.

Neben dem Gesang spielt auch die instrumentale Volksmusik eine bedeutende Rolle. Der Autor beschreibt verschiedene Formen der Tanzmusik sowie eine Reihe traditioneller Instrumente und regionaler Spielweisen. Dazu gehören unter anderem die Tanzgeigertradition im Zillertal und im Passeiertal, das solistische Gitarrenspiel in sogenannter Zigeunerstimmung, die Tiroler Volksharfe, das Osttiroler Hackbrett sowie die Ziehharmonika im zentralen Südtirol und im Vinschgau. Auch weniger bekannte Instrumente wie das Raffele werden behandelt. Darüber hinaus werden Instrumentalensembles und überlieferte Volkstänze als wichtige Bestandteile der musikalischen Tradition beschrieben.

Ein weiterer Schwerpunkt des Buches liegt auf der Funktion von Musik innerhalb sozialer und kultureller Zusammenhänge. Der Autor zeigt, dass Volksmusik häufig eng mit Bräuchen und Ritualen verbunden ist. Anhand konkreter Beispiele, beispielsweise dem Klöckeln im Sarntal oder der musikalischen Gestaltung von Fasnachtsbräuchen, wird deutlich, dass Musik eine wichtige Rolle in gemeinschaftlichen Festen und traditionellen Praktiken spielt. Gleichzeitig wird auch der Einfluss des Tourismus thematisiert. Mit dem Aufkommen des Fremdenverkehrs entstand eine Form des sogenannten Folklorismus, bei dem Volksmusik für ein Publikum inszeniert und teilweise verändert wurde. Der Autor analysiert diese Entwicklung kritisch und zeigt, wie sich dadurch neue Formen der Präsentation und Wahrnehmung traditioneller Musik herausgebildet haben.

Im letzten Teil des Buches beschäftigt sich der Autor mit der Pflege der Volksmusik in der Gegenwart. Er untersucht, wie traditionelle Musizierpraktiken erhalten und weitergegeben werden. Unterschiedliche Initiativen, Veranstaltungen und Wettbewerbe haben dazu beigetragen, das Interesse an Volksmusik zu fördern und junge Musiker für diese Tradition zu gewinnen. Besonders hervorzuheben ist der Alpenländische Volksmusikwettbewerb in Innsbruck, der als bedeutsame Plattform für Nachwuchsmusiker gilt. Auch Vereine und kulturelle Organisationen spielen eine wichtige Rolle bei der Pflege und Vermittlung der Volksmusik.

Alles in allem gelingt es dem Verfasser des zu rezensierenden Werkes, ein differenziertes Bild der Volksmusik in Tirol und Südtirol zu zeichnen. Die Verbindung von geschichtlicher Forschung, musikalischer Analyse und kulturwissenschaftlicher Perspektive macht das Buch zu einer zentralen Basis für die weitere Beschäftigung mit diesem Thema. Besonders überzeugend ist die kritische Auseinandersetzung mit früheren Forschungsansätzen sowie die Betonung der sozialen und kulturellen Zusammenhänge, in denen Volksmusik entsteht und weitergegeben wird. Damit zeigt die Untersuchung, dass Volksmusik nicht bloß als musikalischer Bestand verstanden werden kann, sondern als Teil eines komplizierten kulturellen Systems, das eng mit regionaler Identität, gesellschaftlichem Wandel und historischen Entwicklungen verbunden ist.

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Thomas Nußbaumer. Volksmusik in Tirol und Südtirol seit 1900. Von „echten“ Tirolerliedern, landschaftlichen Musizierstilen, „gepflegter“ Volksmusik, Folklore und andren Erscheinungen der Volkskultur, Innsbruck/Wien/Bozen 2008.

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