So trifft die Inflation Südtiroler Familien

Samstagnachmittag, Supermarkt in Bozen. Sandra schiebt ihren Einkaufswagen zur Kasse und schaut auf den Bon. 147 Euro für einen Wocheneinkauf. Vor einem Jahr waren es noch rund 140 Euro. „Es sind nur ein paar Euro mehr“, sagt die 42-Jährige. „Aber jeden Monat summiert sich das.“
Die Zahlen, die das Landesinstitut für Statistik (ASTAT) veröffentlicht hat, geben ihr recht. Die Inflationsrate liegt in Bozen bei 1,4 Prozent. Das klingt nach wenig. Doch für eine durchschnittliche Familie bedeutet das laut einer Auswertung des italienischen Verbraucherverbandes UNC Mehrausgaben von rund 730 Euro pro Jahr.
Bozen bleibt Spitzenreiter
Bozen führt damit auch 2026 die Liste der teuersten Städte Italiens an. In ganz Italien liegt die Inflation bei ein Prozent. Zum Vergleich: In Siena beispielsweise, der zweitteuersten Stadt, mussten Familien 2025 „nur“ 649 Euro mehr ausgeben. Die Eurozone kam im Jänner auf 1,7 Prozent Inflation. Damit liegt Bozen zwar unter dem europäischen Schnitt, aber deutlich über dem italienischen Wert. Was aber bedeuten diese Zahlen konkret?
Ein Blick in den Einkaufswagen zeigt, wo das Geld hinfließt. Brot kostet in Bozen durchschnittlich sieben Euro pro Kilogramm, in Neapel sind es hingegen 2,42 Euro, der italienweite Durchschnitt liegt bei 4,21 Euro. Rindfleisch schlägt in Bozen mit 26,38 Euro pro Kilo zu Buche, in Catanzaro kostet es 16,40 Euro. Auch der Cappuccino am Morgen geht ins Geld: Mit 2,29 Euro ist er in Bozen der teuerste Italiens. In Catanzaro zahlt man gerade mal 1,35 Euro. Ein Pizzaabend kostet in der Südtiroler Landeshauptstadt durchschnittlich 14,72 Euro, wobei man da auch nur eine „einfache“ Pizza hat. In Pescara zahlt man zehn Euro.
Lebensmittel werden teurer
Laut aktuellen Daten ist besonders bei Lebensmitteln ein Anstieg spürbar. Unverarbeitete Lebensmittel verteuerten sich in Italien um 2,5 Prozent, verarbeitete um 2,2 Prozent. Frisches Obst und Gemüse, Milchprodukte und Fleisch, alles kostet mehr als noch vor einem Jahr.
An der Tankstelle zeigt sich ein ähnliches Bild. Benzin kostet in Südtirol aktuell zwischen 1,66 und 1,68 Euro pro Liter, Diesel zwischen 1,67 und 1,78 Euro. Auf der Autobahn wird es noch teurer: Bis zu 1,80 Euro pro Liter sind keine Seltenheit.
Warum ist Südtirol so teuer?
„Südtirol ist strukturell teurer als der Rest Italiens“, erklärt Stefan Perini, Direktor des Arbeitsförderungsinstituts AFI. Laut Berechnungen des AFI liegen die Lebenshaltungskosten in Südtirol zwischen 20 und 25 Prozent über dem gesamtstaatlichen Durchschnitt. Die Gründe sind vielschichtig: hohe Mieten und Immobilienpreise, teurere Dienstleistungen, höhere Lohn nebenkosten. „Aber die Löhne halten nicht Schritt“, sagt Perini. „Der durchschnittliche Tagesbruttolohn in Südtirol liegt zwar neun Prozent über dem italienischen Wert. Aber das reicht nicht, um die 20 bis 25 Prozent höheren Lebenshaltungskosten auszugleichen.“
Besonders bitter: Während die Lebenshaltungskosten in Südtirol deutlich über dem italienischen Schnitt liegen, orientieren sich die Kollektivverträge und damit die Löhne meist am gesamtstaatlichen Niveau. Das bedeutet: Südtiroler verdienen wie Italiener.
Eine Familie rechnet vor
Eine Familie aus Bozen kennt das Problem. „Wir kommen über die Runden“, sagt der Vater. „Aber Luxus können wir uns nicht leisten.“ Eine Beispielrechnung: Die Miete für eine Dreizimmerwohnung in Bozen liegt bei rund 1.200 Euro. Dazu kommen Nebenkosten von circa 180 bis 220 Euro für Strom, Heizung, Wasser, Müll. Internet und Handyverträge schlagen mit weiteren 80 Euro zu Buche. Der Wocheneinkauf für vier Personen kostet durchschnittlich 150 bis 200 Euro, macht im Monat 650 bis 700 Euro. Dazu Benzin, Versicherungen, Kleidung für die Kinder, gelegentlich ein Restaurantbesuch. „Am Monatsende bleibt nicht viel übrig, obwohl wir beide Vollzeit arbeiten“, sagt die Mutter.
Die Entwicklung der vergangenen Monate
Ein Blick zurück zeigt: Die Situation hat sich entspannt, ist aber nicht gut. Im November 2025 lag die italienische Inflationsrate noch bei 1,1 Prozent, im Dezember bei 1,2 Prozent, im Jänner 2026 nun bei ein Prozent. Zum Vergleich: 2023 lagen wir bei dramatischen 5,9 Prozent Inflation, 2022 sogar bei über acht Prozent. Die Situation hat sich also deutlich verbessert. Doch für viele Südtiroler Familien bleibt ein Problem: Die Preise, die damals gestiegen sind, sind nicht wieder auf das alte Niveau zurückgefallen. Sie bleiben.
Gewinner und Verlierer
Nicht alle Bereiche verteuern sich gleich stark. Die größten Preisanstiege gab es 2025 laut ISTAT in folgenden Bereichen:
- Wohnungsbezogene Dienstleistungen: plus 4,4 Prozent
- Tabak: plus 3,3 Prozent
- Freizeit-, Kultur- und persönliche Pflegeleistungen: plus 3,0 Prozent
- Lebensmittel (unverarbeitet): plus 2,5 Prozent
- Lebensmittel (verarbeitet): plus 2,2 Prozent
Deutlich günstiger wurde dagegen Energie. Regulierte Energiepreise sanken um 5,2 Prozent.
Der Vergleich mit Europa
Die Eurozone kam im Jänner auf 1,7 Prozent Inflation. Italien liegt mit einem Prozent deutlich darunter. Spitzenreiter in Europa sind nach wie vor einige osteuropäische Länder mit Inflationsraten von über drei Prozent. Für Südtirol bedeutet das aber wenig Trost. „Wir haben zwar eine niedrigere Inflation als der europäische Durchschnitt, aber wir haben auch niedrigere Löhne als der europäische Durchschnitt. Und höhere Lebenshaltungskosten als der italienische Durchschnitt. Das ist eine toxische Kombination“, sagt AFI-Direktor Perini.
Wie geht's weiter?
Die gute Nachricht: Experten erwarten für 2026 keine dramatischen Preissteigerungen. Der Internationale Währungsfonds IWF prognostiziert für Italien eine durchschnittliche Inflationsrate von etwa 1,5 bis zwei Prozent. Die schlechte Nachricht: Das ändert nichts am strukturellen Problem. „Die Inflation mag niedrig sein, aber die Preise bleiben hoch. Und die Löhne halten nicht mit“, sagt Perini. Das AFI fordert daher eine „harte Kurskorrektur“: Höhere Einstiegsgehälter, bessere Kollektivverträge, einen echten Ausgleich für Hochkostenräume wie Südtirol.






