Alte Tirolensien neu gelesen (Teil 77)

Die sehr interessanten und aufschlussreichen Beiträge beleuchten Heinrichs biografische Spuren, den literarischen Stil seines Werks, die inhaltliche Ausrichtung in Bezug auf Sünde, Buße und Alltagskultur sowie den literaturhistorischen Kontext in Europa und darüber hinaus. Besonders erwähnenswert ist der interdisziplinäre Ansatz: Geschichtliche, literarische, theologische und komparatistische Sichtweisen werden zusammengeführt, um ein umfassendes und vielfältiges Bild des Mönchs und seiner Einflussnahme zu zeichnen. Eine Rezension von Andreas Raffeiner.
Biografische und historische Einordnung
Co-Herausgeber Max Siller liefert eine sehr gründliche und tiefgreifende Einführung in die Herkunft und biografischen Spuren Heinrichs von Burgeis, wobei die Rolle der Ministerialenfamilie Burgeis beleuchtet wird. Ursula Stampfer und Michael Gebhardt untersuchen, mit einer akribischen Feder ausgestattet, die Handschrift des Seelenrats, wobei sowohl die Textüberlieferung als auch poetische Elemente wie Reim und Versstruktur analysiert werden. Josef Nössing ordnet das Werk in den lokalgeschichtlichen Kontext von Bozen im 13. Jahrhundert ein und zeigt beispielhaft politische, soziale und wirtschaftliche Rahmenbedingungen jener Zeit auf.
Alltags- und Sachkultur im Seelenrat
Helmut Rizzolli und Armin Torggler beschreiben ökonomische und materielle Aspekte des mittelalterlichen Lebens wie etwa Geldwirtschaft, Reichtum, Zinsnahme und Alltagspraktiken, die im Seelenrat thematisiert werden. Diese Aufsätze veranschaulichen, dass Heinrichs Texte keineswegs bloß spirituelle, sondern auch pragmatische Ratschläge für das tägliche Leben beinhalteten.
Sünde, Buße und religiöse Praxis
Miguel Ayerbe Linares, Jasmin El-Assil, Winfried Frey, Hans Moser und Andreas Vonach analysieren wesentliche Themen wie die Sünde, die Beichte, die Buße, die narrative Dynamik des Textes und die Rezeption der Heiligen Schrift. Hier wird deutlich, wie der Seelenrat moralische und ethische Leitfäden für ein „gutes Leben“, eingebettet in eine tiefgründige theologische Argumentation, vermittelt.
Literarhistorischer und komparatistischer Kontext
Tracy Adams, Klaus Amann, Alvise Andreose, Davide Bertagnolli und Nigel Harris ordnen Heinrich von Burgeis in den europäischen literargeschichtlichen Kontext ein. Vergleiche mit französischer, italienischer, niederländischer und schwedischer Literatur sowie mit Werken wie Everyman oder L’Omme pecheur zeigen offenkundig, dass das Werk Heinrichs ein Teil eines umfassenden Geflechts religiösen und didaktischen Schriftguts des Mittelalters ist.
Außereuropäische Perspektiven
Manshu Ide und Erdincj Yücel erweitern den Blickwinkel auf außereuropäische Hochkulturen, darunter auf japanische Waka-Dichtung und die islamische Literatur des 13. Jahrhunderts. Diese Abhandlungen illustrieren, wie universelle Themen wie etwa die Sünde, die Buße und die Jenseitsvorstellungen kulturübergreifend auf literarische Weise behandelt wurden.
Fazit
Der hier besprochene Sammelband ist ein imponierendes und interdisziplinäres Werk, das Heinrich von Burgeis und sein Seelenrat auf umfassende Art beleuchtet. Er richtet sich an Mediävisten, Literaturwissenschaftler, Theologen und Historiker und vereinigt genaue Forschung mit gefälliger Lesbarkeit. Besonders herauszustreichen ist der Mix aus lokalhistorischer Detailarbeit, akademischer Tiefe, literaturwissenschaftlicher Analyse und komparatistischer Weite, der sowohl für Fachleute als auch wissbegierige Laien einen durchaus mehr als wertvollen Zugang bietet.
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Elisabeth de Felip-Jaud/Max Siller (Hg.). Heinrich von Burgeis. Der Seele Rat. Symposium zu einem hochmittelalterlichen Predigermönch (Schlern-Schriften, Bd. 367), Innsbruck 2017.






