Kehrerbrücke in Stegen: Neubau – aber Erhalt der faschistischen Liktorenbündel

Seit kurzem wird in Stegen die Kehrerbrücke abgerissen. Die Begründung der Stadtgemeinde Bruneck klingt nach einer gewöhnlichen Baumaßnahme: Der Zustand der Brücke sei zu schlecht für eine Sanierung, daher sei ein Neubau die bessere Lösung. Auch der Hochwasserschutz soll mit dem Neubau verbessert werden. Ein Plan, der sich technisch betrachtet nicht von anderen Bauprojekten unterscheidet – aber politisch wird er brisant, wenn man die Details genauer betrachtet.
Die Fortführung faschistischer Symbolik im Neubau
Es ist kaum zu fassen, aber es ist Tatsache: Laut Planunterlagen wird ein „bestehendes Brückenendstück“ übernommen und „versetzt“ – und genau an diesem Endstück sitzen die Liktorenbündel. Wer nun behauptet, „Das hat doch keine Bedeutung mehr“, irrt gewaltig. Diese Symbole wurden während des faschistischen Regimes absichtlich gesetzt, und ihre Präsenz im öffentlichen Raum hat weiterhin eine starke Wirkung. Wer Brückenendstücke „versetzt“, versetzt nicht nur alte Betonteile – er versetzt auch die Bedeutung dieser Symbole. Und das passiert im Jahr 2026. Es ist eine bewusste Entscheidung, diese Symbolik nicht zu entfernen, sondern sie in die Gegenwart zu transportieren.
Zudem wird aus den Unterlagen ersichtlich, dass auch der Rest der Brücke im nahezu identischen Stil zur alten Brücke errichtet wird. Die neue Kehrerbrücke übernimmt die massive, blockhafte Formensprache der alten Brücke und erhält eine „gestockte Betonoberfläche“. „Gestockter Beton“ beschreibt eine Technik, bei der die Oberfläche von Beton grob bearbeitet wird, um eine raue, fast steinerne Struktur zu erzeugen. Diese Technik verleiht dem Beton das Aussehen und die Haptik von Naturstein und sorgt dafür, dass die neue Brücke optisch nicht wie ein moderner Neubau aussieht, sondern mehr wie ein „restauriertes“ oder „aufgearbeitetes“ Bauwerk, das der alten Brücke sehr ähnlich ist.
Plaikners Antwort – ein Feigenblatt für eine Fortführung der Vergangenheit
UT24 wollte den Grund für diese Entscheidung verstehen und konfrontierte Matthias Plaikner, den Amtsdirektor für privates Bauwesen. Plaikner erklärte, dass er in diesem Fall „nicht zuständig“ sei. Auf das Nachhaken, warum die neue Brücke im „selben Stil“ gebaut werde, widersprach er jedoch und versicherte, der Stil würde sich „unterscheiden“, die Brücke werde „höher gebaut“, zudem werde „aus zwei Brücken eine Brücke“.
Diese Antwort ist nicht nur vage, sondern auch irreführend. Die Brücke wird laut den Planunterlagen tatsächlich nur um 20 cm höher gebaut – eine minimale Anpassung, die die Brücke keinesfalls in ihrer gesamten Erscheinung verändert. Auch die „Zusammenführung von zwei Brücken zu einer“ stellt keine grundlegende stilistische Veränderung dar – es handelt sich lediglich um eine technische Anpassung, aber nicht um eine ästhetische Neuerung. Was bleibt, ist die „gestockte Betonoberfläche“ und die massive Formensprache, die absichtlich alt und monumental wirkt. Die wahre „Neuerung“ – wenn man diese so nennen will – ist ein neues Geländer, das auf die Brücke kommt.
Innerhofer spricht Klartext
Der Schützenbezirk Pustertal hat das Projekt in einem Video-Statement direkt kritisiert. Bezirksmajor Thomas Innerhofer sprach klar aus, was viele denken: „Die faschistischen Liktorenbündel, die sich auf der Brücke befinden, dürfen nicht wieder in altem Glanz erstrahlen“, sagte er. Das ist eine klare moralische Aussage, die den Finger genau auf die wunde Stelle legt: Diese Symbolik hat in der heutigen Zeit keinen Platz mehr, und es ist ein Skandal, sie weiterhin im öffentlichen Raum präsent zu halten.
Auch die Süd-Tiroler Freiheit Bruneck schließt sich der Kritik an: „Ich hoffe, das komische Zeug (die Liktorenbündel, Anm. d. Red.) kommt weg, weil schön ist das nicht“, kommentiert die Bewegung in einem auf Facebook veröffentlichten Video-Beitrag zum Neubau der Brücke.
Der Neubau als Chance zum Neuanfang – aber eine verpasste Gelegenheit
Die zentrale Frage bleibt: Warum wird ausgerechnet das faschistische Symbol auf den Brückenenden übernommen? Es geht nicht darum, eine „historische Brücke“ zu bewahren, sondern ein Symbol politischer Unterdrückung weiter im öffentlichen Raum sichtbar zu machen. Die Entscheidung, dieses Symbol zu „versetzen“, ist keine technische Notwendigkeit – sie ist eine bewusste Fortführung des alten schmerzhaften Erbes des Faschismus, das genau in diesem Moment nicht mehr in den öffentlichen Raum gehört.
Die Kehrerbrücke hätte eine Gelegenheit sein können, ein Zeichen gegen die Last der Geschichte zu setzen. Stattdessen werden alte Symbole fortgeführt, indem sie auf subtile Weise in die Neubauplanung integriert werden. Diese Entscheidung ist ein Schlag ins Gesicht derer, die unter diesem Regime gelitten haben, und lässt vermuten, dass nicht der Neubau, sondern die Erhaltung eines bestimmten „Stils“ im Vordergrund steht.
Ein Neubau, der der Geschichte nicht gerecht wird
Der Neubau der Kehrerbrücke ist mehr als ein bloßes Bauprojekt – er ist ein politisches Statement. Und dieses Statement lautet: Die faschistische Symbolik, die die Brücke prägt, wird nicht entfernt, sondern fortgeführt. Statt die Gelegenheit zu nutzen, einen klaren Schnitt zu machen und sich von dieser belasteten Vergangenheit zu befreien, wird diese bewusst in den Neubau integriert.
Die Kehrerbrücke wird abgerissen – gut. Aber mit ihr muss auch die faschistische Symbolik verschwinden. Alles andere ist keine „unpolitische“ Bauausführung, sondern eine bewusst fortgeschriebene Präsenz.






