Wenn Fasten zur Essstörung wird

16:8, 5:2, Detox, Clean Eating: Fastenmethoden haben viele Namen und noch mehr Anhänger. Auf TikTok und Instagram teilen Influencer ihre Erfolgsgeschichten, zeigen Vorher-Nachher-Bilder und versprechen den perfekten Körper. Was für Erwachsene eine Diätmethode sein mag, wird für Jugendliche schnell zur Gefahr.
Eine Studie aus Kanada zeigt das Ausmaß: 47 Prozent der befragten jungen Frauen und 38 Prozent der Männer praktizierten in den letzten zwölf Monaten Intervallfasten. Das Problem: Diese Gruppe hatte eine deutlich höhere Wahrscheinlichkeit, Essstörungen und psychische Probleme zu entwickeln. „Bei Jugendlichen ist die Grenze zwischen gesundem Fasten und einer Essstörung extrem dünn“, erklärt Dr. Raffaella Vanzetta von der Fachstelle für Essstörungen INFES in Bozen. „Was als Versuch beginnt, sich gesünder zu ernähren, kann sehr schnell in Kontrolle, Angst und Zwang umschlagen.“
Wenn der Körper zum Feind wird
Bei Frauen zeigt sich die Essstörung häufig durch Essanfälle, selbst herbeigeführtes Erbrechen und den Gebrauch von Abführmitteln. Bei Männern äußert sie sich anders, durch Sportzwang und den Drang, den „perfekten“ muskulösen Körper zu erreichen. Amira, heute 17 Jahre alt, erzählt in einem Interview über ihre Erfahrung: Während der Corona-Pandemie verbrachte sie viel Zeit auf YouTube und TikTok. Sie schaute „Shred Challenges“ und Fitnessprogramme, bei denen es darum geht, innerhalb weniger Wochen möglichst viel Gewicht zu verlieren. „Rückblickend war Social Media echt ein riesiger Faktor bei meiner Essstörung“, sagt sie heute.
Die Macht der sozialen Medien
Eine britische Studie, die Daten aus 17 Ländern auswertete, bestätigt: Je mehr Zeit Jugendliche auf Instagram, TikTok und Co. verbringen, desto unzufriedener sind sie mit ihrem Körper. Fast 18 Prozent der Follower des Instagram-Hashtags #Fitspiration laufen Gefahr, eine Essstörung zu entwickeln. „Die Influencer werden von jungen Menschen oft als persönliche Freunde gesehen. Man eifert ihnen nach“, erklärt Medienpädagogin Barbara Buchegger. Das Problem: Die Bilder sind bearbeitet, gefiltert, inszeniert. „Aber das vergessen die Jugendlichen. Sie vergleichen sich mit einer Illusion.“ Eine aktuelle Studie zeigt, dass Jugendliche, denen es sehr wichtig ist, auf Social Media positive Rückmeldungen zu erhalten, einem höheren Risiko unterliegen, aktiv ihr Essverhalten zu verändern. Der Wunsch nach Anerkennung wird zum Auslöser einer Krankheit.
Warum Fasten süchtig machen kann
Doch warum wird aus Fasten so schnell eine Sucht? Die Antwort liegt im Gehirn. Nach zwei bis drei Tagen Fasten verändert sich der Serotonin-Stoffwechsel, was zu einer deutlichen Stimmungsstabilisierung führt. „Bei Jugendlichen ist dieser Effekt leichter auslösbar als bei Erwachsenen“, erklärt Gerald Hüther, Professor für Neurobiologie. „Wer diese stimmungsstabilisierenden Effekte des Fastens als besonders positiv empfindet, kann sehr leicht in einen Teufelskreis geraten, der nur sehr schwer zu durchbrechen ist.“ Das Fasten wird zur Strategie, mit Stress, Angst und Unsicherheit umzugehen. Was anfangs vielleicht eine Diät war, wird zur Krankheit.
22 Prozent zeigen gestörtes Essverhalten
Weltweit zeigt etwa ein Fünftel der Kinder und Jugendlichen ein gestörtes Essverhalten. Eine spanische Studie mit über 63.000 Teilnehmern aus 16 Ländern ergab, dass 22 Prozent der Jugendlichen Symptome aufweisen, wobei Mädchen mit 30 Prozent deutlich häufiger betroffen waren als Jungen mit 17 Prozent. Experten gehen davon aus, dass die Dunkelziffer noch höher liegt. Viele Betroffene verheimlichen ihre Krankheit aus Scham. Erst wenn das Gewicht dramatisch sinkt oder körperliche Beschwerden auftreten, wird das Problem sichtbar. In Deutschland zeigt bereits jedes fünfte Kind zwischen elf und 17 Jahren Symptome einer Essstörung. Die Corona-Pandemie hat die Situation verschärft: Mehr Zeit am Bildschirm, mehr Social Media, mehr Vergleiche.
Die Warnsignale erkennen
- Plötzliches starkes Interesse an Kalorien, Diäten und Gewicht
- Heimliches Essen oder das Verstecken von Lebensmitteln
- Übermäßige Sorge um die Körperfigur
- Vermeidung von gemeinsamen Mahlzeiten
- Extreme Stimmungsschwankungen
- Sozialer Rückzug
- Exzessiver Sport, der zwanghaft wirkt
- Ständiges Wiegen und Kontrollieren des Körpers
Die körperlichen Folgen
Die gesundheitlichen Schäden einer Essstörung sind massiv. Bei Magersucht wird der Körper nicht ausreichend mit Nährstoffen versorgt und die Folgen sind Müdigkeit, Frieren, zu langsamer Herzschlag, Kreislaufbeschwerden, Konzentrationsprobleme. Die Knochendichte nimmt ab, es droht Osteoporose. Haarausfall, trockene Haut, bei starkem Untergewicht sogar eine feine Behaarung am ganzen Körper. Zudem bleibt bei jungen Frauen oft die Menstruation aus. Das kann langfristig die Fruchtbarkeit beeinträchtigen. Durch Erbrechen entstehen Schäden an Zähnen und Speiseröhre, durch Abführmittel Verdauungsprobleme und Elektrolytstörungen, die zu gefährlichen Herzrhythmusstörungen führen können.
Was Eltern tun können
Experten empfehlen Eltern mit ihren Kindern über soziale Medien zu sprechen. Themen sollten sein: Wie werden Bilder bearbeitet? Warum sehen Influencer so perfekt aus? Welche wirtschaftlichen Interessen stecken dahinter? „Es geht darum, Medienkompetenz zu vermitteln“, sagt Dr. Vanzetta. „Jugendliche müssen verstehen, dass die Körper, die sie online sehen, bearbeitet, gefiltert und inszeniert sind.“
Wichtig sei auch, das Selbstwertgefühl der Kinder unabhängig vom Aussehen zu stärken. „Konzentrieren Sie sich auf die Stärken und Fähigkeiten Ihres Kindes, nicht auf sein Äußeres“, raten Psychologen. Ein Tagebuch kann helfen, in dem täglich drei Dinge notiert werden, die das Kind an sich selbst schätzt.
Hilfe in Südtirol
Wer Hilfe braucht, findet sie in Südtirol an mehreren Stellen:
INFES – Fachstelle für Essstörungen
Talfergasse 4, Bozen
Tel: 0471 970 039
E-Mail: info@infes.it
Erstberatungen kostenlos und anonym – auch für Angehörige, Freunde und Lehrpersonen
Villa Eea – Therapiezentrum für Essstörungen
Carduccistraße 19, Bozen
Tageszentrum mit maximal 12 Plätzen für Betroffene ab 14 Jahren
Angeschlossene Wohngemeinschaft für längere Betreuungsverläufe
Young+Direct – Jugendberatung
Johann Wolfgang von Goethe Straße 42, Bozen
Tel: 0471 060 430
Jugendtelefon: 0471 155 15 51
WhatsApp: 345 081 70 56 (Mo-Fr, 14:30-19:30 Uhr)
Ambulatorien für Essstörungen
- Bozen: Lorenz-Böhler-Straße 5, Tel: 0471 908 545
- Meran: Krankenhaus Meran, Rossinistraße 1, Tel: 0473 251 250
- Brixen: Krankenhaus Brixen, Tel: 0472 813 250
- Bruneck: Spitalstraße 11, Tel: 0474 581 136






