Von Fleischverzicht zu Handyfasten: Wie sich die Fastenzeit in gewandelt hat

Es ist kurz nach 11 Uhr am Freitagvormittag. Vor dem Pfarrsaal in Bruneck bildet sich eine Schlange. Oma Maria steht ganz vorne. Seit 30 Jahren kommt sie zum Fastensuppenessen der Katholischen Frauenbewegung. „Das gehört einfach dazu“, sagt die 78 Jährige und nimmt ihre dampfende Schüssel Gemüsesuppe entgegen.
Die Suppenessen der Katholischen Frauenbewegung sind laut Pfarrer David Schwingenschuh aus der Obersteiermark richtige Renner. „Mich überrascht immer wieder, wie viele Menschen kommen. Die Suppenessen werden fast gestürmt“, erklärt der Regionalkoordinator gegenüber MeinBezirk. Und das nicht nur in Österreich. Auch in Südtirol gehören die Fastensuppen zur Tradition. Die Aktion Familienfasttag gibt es seit 1958. Der Grundgedanke ist seither derselbe. In der Fastenzeit soll man sich im Verzicht üben, sich auf den eigenen Wohlstand besinnen und sich aus Solidarität für benachteiligte Frauen weltweit einsetzen, wie die Katholische Kirche Steiermark informiert. Mit dem Erlös unterstützt die Katholische Frauenbewegung Frauenprojekte in Asien, Lateinamerika und Afrika.
Enkelin Sophie beim Digital Detox
Ganz anders sieht es bei Sophies Fastenzeit aus. Die 24-Jährige aus Bozen verzichtet seit Aschermittwoch auf Instagram und TikTok. „Ich habe gemerkt, dass ich ständig am Handy hänge. Das nervt mich selbst“, erzählt sie. Sophie gehört zu einer wachsenden Gruppe junger Menschen, die Digital Detox praktizieren. Die digitale Entgiftung bedeutet den bewussten Verzicht auf elektronische Geräte wie Smartphones, Tablets und Computer. Ganz oder teilweise.
In Südtirol bieten sogar Hotels spezielle Digital Detox Angebote an. Auf der offiziellen Tourismuswebseite heißt es: „In einigen Gegenden Südtirols bist du ganz automatisch offline. Dort, wo die Netzsignale schwach sind und kein WLAN existiert.“ Die Gäste sollen ihr Smartphone gleich am ersten Tag ausschalten. In gezielten Achtsamkeitsübungen lernen sie das Hier und Jetzt wieder zu genießen.
Wie wurde früher gefastet?
Die Fastenzeit beginnt in der katholischen Tradition am morgigen Aschermittwoch und dauert 40 Tage. Eine symbolische Zahl, die an biblische Zeiten der Vorbereitung und Erneuerung erinnert. Sonn- und Feiertage werden dabei nicht mitgezählt.
Das Fastengebot richtet sich an erwachsene Personen vom vollendeten 18. Lebensjahr bis zum Beginn des 60. Lebensjahres. Ursprüngliche Regeln der Fastenzeit sind, dass nur eine volle Mahlzeit und zwei kleine Stärkungen pro Tag zu sich genommen werden sollen.
Zwei Tage im Jahr sind außerdem Fast und Abstinenztage zugleich. Der Aschermittwoch und der Karfreitag. Besonders an diesen Tagen soll nur eine volle Mahlzeit, jedoch ohne Fleisch, gegessen werden. Generell gilt das Gebot der Abstinenz an allen Freitagen. Der religiös motivierte Verzicht auf Fleisch an diesen Tagen dient der Erinnerung an den Tod Jesu.
Für viele bedeutete Fasten früher vor allem Fleischverzicht. Suppenessen war an der Tagesordnung. Die Katholische Frauenbewegung hat diese Tradition aufgegriffen und daraus eine Solidaritätsaktion gemacht.
Was sind die neuen Formen?
Heute beschränkt sich das Fasten längst nicht mehr nur auf den Verzicht von Fleisch. Viele verzichten auf Süßes, Zigaretten oder Alkohol. Doch neue Fastenformen haben sich etabliert.
Digital Detox ist der absolute Trend. Eine Studie der Deutschen Angestellten Krankenkasse DAK zeigt: 19 Prozent der Befragten wollen auf die Nutzung digitaler Geräte verzichten. Zum Vergleich: 63 Prozent verzichten auf üppiges Essen, Süßigkeiten oder Alkohol.
Laut einer Untersuchung von Statista verbringen 16 bis 29 Jährige täglich 177 Minuten am Handy. Fast drei Stunden. Bis zum Alter von 49 Jahren sind es immer noch 151 Minuten täglich. Kein Wunder, dass das Handyfasten modern geworden ist. Ein Fastenopfer, das viele allerdings nicht durchhalten.
Der Generationenvergleich
Oma Maria lächelt, wenn sie von Sophies Handyfasten hört. „Bei uns gab’s kein Handy. Wir haben anders gefastet“, sagt sie. Aber sie findet die neue Form gut. „Hauptsache, man denkt über sein Leben nach.“ Sophie sieht das ähnlich. „Oma fastet auf ihre Art, ich auf meine. Am Ende geht es doch darum, bewusster zu leben.“ Nach einer Woche ohne Instagram merkt sie schon einen Unterschied. „Ich habe viel mehr Zeit und bin entspannter.“
Für Dr. Christian Thuile, Südtiroler Komplementärmediziner und Ernährungsexperte, ist das Ziel bei allen Fastenformen ähnlich. „Es geht um eine intensive Selbsterfahrung“, erklärt er gegenüber Südtirol1.
Was beide verbindet
Trotz aller Unterschiede haben traditionelles und modernes Fasten eines gemeinsam. Den bewussten Verzicht. Die Besinnung auf das Wesentliche. Die Erkenntnis, was man wirklich braucht.
Die Fastenzeit wird im Rahmen des Aschermittwoch Gottesdienstes mit dem äußeren Symbol des Aschekreuzes eingeleitet und zielt auf die Bereitschaft zur Umkehr und Neuausrichtung auf Gott ab. Ob Suppenessen oder Smartphone Pause. Ob Fleischverzicht oder Digital Detox. Die Fastenzeit ist eine Einladung, das eigene Leben bewusster zu gestalten. Durch Verzicht, durch mehr Achtsamkeit und durch eine stärkere Hinwendung zu Gott und den Mitmenschen.
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