von Alexander Wurzer 16.02.2026 17:58 Uhr

Nationalistischer Missbrauch von Südtiroler Schulkindern

Das Land Südtirol feiert eine Aktion, mit der Schulklassen kostenlos zu den olympischen Biathlonbewerben nach Antholz gebracht wurden. Offiziell klingt das nach Sportförderung, Gemeinschaft und „olympischem Geist“. Doch wer die Bilder aus der Südtirol Arena betrachtet, kommt kaum um eine unbequeme Feststellung herum: Diese Initiative war nicht nur ein Schulausflug – sie wirkt wie eine Bühne für nationale Inszenierung.

Von der Klasse auf die Tribüne: Rund 1400 Kinder und Jugendliche konnten die Biathlonbewerbe der Olympischen Winterspiele Milano Cortina 2026 in der Südtirol Arena in Antholz hautnah miterleben. (Foto: LPA)

Denn auf den Tribünen sieht man vor allem eines: italienische Flaggen, massenhaft. Südtirol-Fahnen tauchen, wenn überhaupt, nur vereinzelt auf. Das ist keine Kleinigkeit. Bei Großereignissen sind Symbole Teil der Botschaft. Und die Botschaft, die aus dieser Tribünenoptik spricht, lautet nicht „Südtirol ist Gastgeber“, sondern „Italien feiert sich selbst“. Ausgerechnet in Antholz, ausgerechnet mit Südtiroler Kindern als Kulisse.

Woher kamen all diese Fahnen?

Natürlich kann niemand seriös behaupten, es sei bewiesen, dass Fahnen verteilt wurden. Aber ebenso wenig muss man so tun, als sei die Frage unzulässig. Im Gegenteil: Sie drängt sich auf. Ist es wirklich glaubhaft, dass Hunderte Kinder aus Südtirol in dieser Dichte und Einheitlichkeit italienische Flaggen von zu Hause mitgebracht haben? Oder wurden die Fahnen vor Ort ausgegeben – durch Veranstalter, Helfer, Betreuer oder Sponsoren? Gab es Zonen, in denen staatliche Fanartikel bewusst gestreut wurden? Wurden Schulgruppen so platziert, dass ein bestimmtes Bild entsteht?

Solange das niemand klar beantwortet, bleibt der Verdacht im Raum, dass hier mit Kindern ein optisch und politisch nützliches Stadionbild produziert wurde.

Schule ist kein Rekrutierungsfeld für staatliche Symbolik

Ein Sporttag kann und soll Freude machen. Aber Schule darf nicht zum Lieferanten für PR-Bilder werden. Gerade in Südtirol, wo Identität, Sprache und Minderheitenschutz sensible Themen sind. Wenn bei einer landesweit organisierten Schulaktion im eigenen Land fast ausschließlich die Symbolik des Zentralstaates sichtbar ist, dann ist das nicht „unpolitisch“. Das ist eine klare Schieflage – und genau deshalb ist Kritik nicht nur erlaubt, sondern notwendig.

Südtirol als Gastgeber unsichtbar – Kinder als Statisten

Das eigentliche Ärgernis liegt in der Asymmetrie: Man holt Südtiroler Kinder nach Antholz und verkauft das als „historischen Moment“ – doch das Bild, das hängen bleibt, ist das einer italienischen Nationalkulisse. Wenn Südtirol im eigenen Land auf den Rängen zur Randerscheinung wird, dann läuft etwas grundsätzlich falsch. Und wenn Kinder dabei zu Statisten einer staatlichen Erzählung werden, dann ist das keine harmlose Symbolfrage mehr, sondern ein politischer Missbrauch.

Transparenz wäre das Mindeste

Das Land sollte weniger Selbstlob verteilen und stattdessen offenlegen, wie dieser Auftritt zustande kam. Ein paar klare Fragen reichen:

Wurden italienische Fahnen im Stadionbereich an Schulgruppen verteilt – ja oder nein?
Wenn ja: von wem, in welchem Rahmen, mit welcher Begründung?
Gab es Hinweise an Schulen oder Begleitpersonen zum Umgang mit staatlichen Symbolen?
Wurde Südtirol-Symbolik in irgendeiner Form sichtbar gemacht oder bewusst vernachlässigt?

Wer eine Initiative organisiert, die Kinder in ein derart symbolgeladenes Umfeld führt, muss auch Verantwortung für die Wirkung übernehmen.

Sport ja – Instrumentalisierung nein

Niemand stellt infrage, dass Kinder Sport erleben sollen. Aber es ist eine Schweinerei, wenn aus einem Schulausflug ein nationalistisches Schaubild wird – und wenn ausgerechnet Südtiroler Kinder die Kulisse dafür liefern. Olympia wird gern mit Werten wie Frieden, Respekt und Fairness beworben. Dann sollte man diese Werte zuerst dort ernst nehmen, wo es am empfindlichsten ist: bei Kindern – und bei der Frage, ob man sie für nationale Botschaften einspannt.

Südtirol braucht keine Belehrung durch italienische Fahnen. Südtirol braucht Sichtbarkeit, Respekt – und Verantwortliche, die begreifen, dass Symbolik nicht zufällig entsteht, sondern gemacht wird.

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