von lif 16.02.2026 11:26 Uhr

Wenn niemand mehr serviert

So viele Mitarbeiter wie noch nie. Und trotzdem fehlt überall Personal.

Symbolbild

Die Zahlen klingen zunächst erfreulich. Im Südtiroler Gastgewerbe arbeiten aktuell mehr Menschen als je zuvor. 37.500 Beschäftigte im Jahresdurchschnitt 2023, ein Plus von 1.714 Personen gegenüber 2022. In den ersten zehn Monaten 2024 lag die Beschäftigung noch einmal um 3,7 Prozent höher als im Vorjahr. Das meldet das Landesinstitut für Statistik ASTAT.

Doch die Realität in den Betrieben sieht anders aus. „Der Mitarbeitermangel hat sich auf alle Sparten ausgedehnt“, erklärt Judith Rainer, HGV Bezirksobfrau Pustertal und Gadertal, gegenüber Puschtra. Die Branche wächst so rasant, dass die Zahl der Mitarbeiter nicht Schritt halten kann. Was nach außen wie ein Boom aussieht, fühlt sich für viele Betriebe wie eine Dauerkrise an.

Die Zahlen sprechen eine klare Sprache

Die Beschäftigung im Gastgewerbe ist laut HGV der Wirtschaftssektor mit der stärksten Zunahme an Mitarbeitern. Von November 2023 bis April 2024 waren durchschnittlich 31.100 Menschen im Hotel und Gastgewerbe beschäftigt. Eine Zunahme um 4,5 Prozent zum selben Zeitraum des Vorjahres. Die Berufe mit der höchsten Zunahme sind die Servierfachkraft mit plus 6,1 Prozent, gefolgt von Koch, Rezeption und Etagenmitarbeiter, so das Amt für Arbeitsmarktbeobachtung. Trotz dieser positiven Entwicklung sind auf den Online Jobportalen hunderte offene Stellen im Gastgewerbe ausgeschrieben.

Warum niemand mehr in der Küche stehen will

Die Gründe für den Personalmangel sind vielfältig. Stefan Perini, Direktor des Arbeitsförderungsinstituts AFI, nennt gegenüber Puschtra mehrere Faktoren. Einige Fachkräfte haben sich umorientiert. Viele ausländische Arbeitskräfte seien in ihre Ursprungsländer zurückgekehrt, etwa in die Slowakei, da sich die Lebensqualität dort verbessert hat. Doch das Hauptproblem liegt woanders. Die Arbeitsbedingungen. Eine Studie der Handelskammer Bozen zu Südtirols Gastgewerbe zeigt es deutlich. Eindeutig negativ schneiden die Arbeitsbedingungen ab. Zu lange Arbeitszeiten, Arbeiten am Wochenende und an Feiertagen. Die schwierige Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Hinzu kommt die hohe psychische Belastung durch Stress und körperliche Belastung.

Konkrete Zahlen liefert eine Studie zu den Arbeitsbedingungen in der Europaregion. Rund 44 Prozent der Angestellten im Gastgewerbe arbeiten mehr als 40 Stunden pro Woche. Die Landwirtschaft und das Gastgewerbe stechen bei den Wochenarbeitstagen hervor. Sechs und zum Teil sogar sieben Arbeitstage pro Woche sind die Regel.

Wie Betriebe gegensteuern

Viele Gastbetriebe haben erkannt, dass sie umdenken müssen. „Aufgrund der demografischen Entwicklung und des Arbeitskräftemangels schließen immer mehr Gastbetriebe unbefristete Verträge ab, auch wenn die Gastbetriebe das ganze Jahr über nicht ausgelastet sind“, erklärt HGV Direktor Raffael Mooswalder. Die Zahlen belegen den Trend. Das Beschäftigungswachstum im Gastgewerbe hat sowohl unbefristete Arbeitsplätze geschaffen, diese stiegen um 7,1 Prozent, als auch befristete Arbeitsplätze, mit einem Plus von 2,9 Prozent. Unbefristete Verträge wachsen also deutlich schneller.

In einem umkämpften Arbeitsmarkt geht es zunehmend darum, die Mitarbeiter noch stärker an die Betriebe zu binden, so Mooswalder. Immer mehr Betriebe bieten unterschiedliche Arbeitszeitmodelle und weitere Zusatzleistungen an. Der vom HGV und den Gewerkschaften ins Leben gerufene sanitäre Zusatzfonds mySanitour+ bietet den Mitarbeiter eine ganze Reihe an Gesundheitsleistungen.

Digitalisierung als Ausweg

Auch die Digitalisierung soll helfen, den Personalmangel abzufedern. Das Land Südtirol fördert mit einem Programm bis 2028 die Digitalisierung von Kleinstunternehmen. Für 2025 stehen 240.000 Euro bereit. Bezuschusst werden bis zu 60 Prozent der anerkannten Ausgaben, maximal 9.000 Euro pro Betrieb. Gefördert werden unter anderem die Optimierung von Webseiten, E Commerce Lösungen, Social Media Management und digitale Kommunikation. Auch Software zur Digitalisierung von Organisations und Geschäftsmodellen wird unterstützt, wie die Handelskammer informiert. Der Handels und Dienstleistungsverband hds hat gemeinsam mit Mitgliedsunternehmen aus dem IT Sektor maßgeschneiderte Lösungen für die Digitalisierung ausgearbeitet. „Digitalisierung ist keine Option, sondern eine Notwendigkeit“, betont der hds.

Die Kehrseite der Medaille

Trotz aller Bemühungen bleibt die Situation angespannt. Die Arbeiterkammer Wien berichtet in einer Analyse, dass das Gastgewerbe durch besonders viele Arbeitsrechtsverletzungen auffällt. Die Einhaltung arbeitsrechtlicher Bestimmungen, korrekte Entlohnung und das Ausbezahlen von Überstunden seien in der Branche leider noch immer keine Selbstverständlichkeit.

Handelskammerpräsident Michl Ebner sieht die Herausforderung. „Innovative Arbeitszeitmodelle wie Job Sharing sowie Angebote für berufstätige Eltern würden die Attraktivität der Arbeitsplätze im Gastgewerbe erhöhen“, betont er. HGV Präsident Manfred Pinzger ergänzt: „Der HGV ist sich bewusst, dass man neue Konzepte und Arbeitsmodelle braucht, um Beruf und Freizeit und Beruf und Familie noch besser in Einklang bringen zu können.“

Was das für den Tourismus bedeutet

Die langfristigen Folgen des Personalmangels sind noch nicht absehbar. Südtirols Tourismus boomt. Doch ohne ausreichend Personal können Betriebe dieses Wachstum nicht bewältigen. Die Frage ist nicht, ob Südtirol genug Gäste anzieht. Die Frage ist, ob genug Menschen da sind, um sie zu bewirten.

Drei Viertel der Abgänger aus gastgewerblichen Schulen arbeiten fünf Jahre nach der Ausbildung weiterhin im Gastgewerbe, so eine Studie der Handelskammer. Das ist ein gutes Zeichen. Doch es reicht nicht aus. Die Branche steht vor einer Weichenstellung. Bessere Arbeitsbedingungen, planbare Arbeitszeiten und faire Entlohnung sind keine Luxuswünsche mehr. Sie sind die Voraussetzung dafür, dass Südtirols Gastgewerbe auch in Zukunft funktioniert.

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