Allein im Dorf: Wie sich Südtirol verändert

In Südtirol leben heute fast 95.000 Menschen allein in ihrer Wohnung. Das ist eine enorme Veränderung, denn in den 1970er Jahren machten Einpersonenhaushalte nur 13,6 Prozent aller Haushalte aus. Heute sind es 40 Prozent und damit die mit Abstand größte Gruppe. Das geht aus den aktuellen Daten des Landesinstituts für Statistik ASTAT hervor (UT24 berichtete).
Wer lebt allein?
Die Zahlen zeigen ein klares Bild: Nur 8,1 Prozent der Alleinlebenden sind jünger als 30 Jahre. Der Großteil ist zwischen 30 und 64 Jahre alt. 37,2 Prozent sind Senioren über 65 Jahre. Bei den alleinlebenden Frauen bilden die über 80 Jährigen mit 11.516 Personen die größte Gruppe. Bei den Männern sind es hingegen die 55 bis 59 Jährigen mit 5.204 Personen. Der Anstieg bei den Männern hat sich seit 1971 fast versechsfacht und ist vor allem auf Scheidungen zurückzuführen. Meist bleiben die Kinder bei den Müttern, die Väter leben allein.
Wenn der Dorfladen für immer schließt
Die Folgen für die Dörfer sind spürbar. In Gufidaun stand Monika Oberpertinger 45 Jahre lang im Dorfladen hinter der Theke. Ende 2024 schloss sie für immer die Tür. Das bedeutet nicht nur das Ende der Nahversorgung, sondern auch den Verlust eines wichtigen Treffpunkts, besonders für ältere Menschen. Das berichtet der Meraner Stadtanzeiger.
In Enneberg gibt es bereits seit zehn Jahren kein Lebensmittelgeschäft mehr. Nun entsteht dort einer der ersten digitalisierten Selbstbedienungsläden Südtirols. Ein Projekt des Nationalen Plans für Aufbau und Resilienz, das mit EU Geldern finanziert wird. Der Laden soll vor allem älteren Menschen, Familien und Personen ohne Auto helfen. Angeboten werden lokale Produkte wie Speck, Eier, Gemüse und Milchprodukte.
Philipp Moser, Präsident des Handels und Dienstleistungsverbands hds, warnt: „Beobachten wir die Entwicklungen in Deutschland oder Österreich, so sehen wir, dass viele Orte unterversorgt sind, weil es einfach keine Geschäfte mehr gibt.“ Die Nahversorgung stehe unter Druck. Durch Preissensibilität, den wachsenden Online Handel, steigende Kosten und die Nachfolgefrage. Viele Inhaber stehen vor dem Generationswechsel. Nicht überall findet sich jemand, der die Verantwortung übernimmt.
Wohnungen passen nicht mehr
Die veränderten Familienstrukturen stellen auch den Wohnbau vor Herausforderungen. Fast 90.000 Menschen leben in Südtirol in Einpersonenhaushalten, mehr als 80.000 davon sind über 30 Jahre alt. Das Problem: Viele Alleinlebende wohnen in zu großen und teuren Wohnungen, während für Familien keine passenden Wohnungen zur Verfügung stehen, erklärt Team K in einer Aussendung.
Maria Elisabeth Rieder vom Team K bringt es auf den Punkt: „Bei der Planung von WOBI Neubauten müssen wir die sich verändernden Familienstrukturen berücksichtigen. Der Bedarf an kleineren Wohneinheiten für Einzelpersonen steigt.“ Das Team K schlägt vor, beim Neubau von Sozialwohnungen auf Flexibilität zu setzen. Große Wohneinheiten sollten in teilbare Einheiten umgewandelt werden können. So könnten Menschen in ihrem gewohnten sozialen Umfeld bleiben, auch wenn sich ihre Familienstruktur ändert.
Die Bautätigkeit hat bereits auf den Trend reagiert: Wohnungen mit vielen Zimmern und großer Wohnfläche sind rückläufig, wie ASTAT meldet. Doch der Bedarf an kleinen, leistbaren Wohnungen ist noch lange nicht gedeckt.
Neue Wohnformen für Senioren
Für ältere Alleinlebende entstehen neue Angebote. In Südtirol gibt es 78 Seniorenwohnheime mit rund 4.600 Betten, wie die Autonome Provinz Bozen auf ihrer Webseite informiert. Dazu kommen Seniorenwohnungen mit begleitetem oder betreutem Wohnen. Diese Kleinwohnungen werden von Gemeinden, Stiftungen oder dem sozialen Wohnbauinstitut errichtet und erfüllen architektonische Kriterien für ein selbstständiges Leben im Alter.
Alterung schreitet voran
Das Durchschnittsalter in Südtirol liegt mittlerweile bei 44 Jahren. Vor 20 Jahren waren es noch 40 Jahre. Die Lebenserwartung beträgt 82,7 Jahre bei Männern und 86,6 Jahre bei Frauen. Das ist höher als im italienweiten Schnitt, wie die Südtiroler Wirtschaftszeitung SWZ berichtet. Die jüngste Gemeinde ist Feldthurns mit 39,1 Jahren, die älteste Prettau mit 47,8 Jahren. Auch Bozen (45,5 Jahre) und Meran (45,0 Jahre) gehören zu den Gemeinden mit der ältesten Bevölkerung, so ASTAT.
Was bedeutet das für die Zukunft?
Der demografische Wandel stellt die Dörfer vor Herausforderungen. Wer weniger mobil ist oder bewusst weniger Auto fahren will, braucht ein Angebot vor Ort. Nahversorgung ist auch Klimaschutz. Durch weniger Verkehr, kurze Lieferketten und regionale Wertschöpfung, betont der hds.
Die Plattform Land, eine Allianz von 15 Wirtschafts und Sozialorganisationen, setzt sich für funktionierende Dienste ein. Dazu gehören Nahversorgung, soziale und medizinische Dienste sowie schnelle Internetverbindungen. Ein Hauptanliegen ist die Innenentwicklung der Dörfer, um weniger Flächen zu verbrauchen und Leerstände zu nutzen, wie UnserTirol24 berichtet.
Trotz aller Herausforderungen: Im Gegensatz zu vielen anderen Alpenregionen sind Südtirols ländliche Räume von keinen verbreiteten Abwanderungsbewegungen betroffen. Mehr als die Hälfte der Südtiroler (56,5 Prozent) lebt in Gemeinden mit unter 10.000 Einwohnern, zeigen die ASTAT Zahlen.
Die Attraktivität des ländlichen Raums liegt in der hohen Lebensqualität, der Ruhe und der schönen Landschaft, wie die Handelskammer Bozen in einem Bericht festhält. Ein Manko ist jedoch die Erreichbarkeit: In einigen Gemeinden ist die Anbindung an das öffentliche Verkehrsnetz nicht zufriedenstellend. Vor allem in den Abendstunden.
Jeder Einkauf ist eine Entscheidung
„Eine flächendeckende Nahversorgung fällt nicht vom Himmel“, sagt hds Präsident Moser. „Jeder Einkauf ist eine Entscheidung darüber, wie unser Dorf und unser Stadtviertel morgen aussehen.“
Die Entwicklung der Einpersonenhaushalte ist nicht mehr umkehrbar. Es braucht neue Lösungen: flexible Wohnformen, innovative Nahversorgungskonzepte und eine vorausschauende Planung. Nur so bleiben Südtirols Dörfer auch in Zukunft lebenswert.
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