Tag der Erinnerung: Foibe, Vertreibung und die Pflicht zur ganzen Wahrheit

Dieser Tag ist aber gesellschaftlich umkämpft: zwischen würdigem Gedenken und politischer Vereinnahmung. Gerade deshalb darf man ihn nicht als Anlass zum „Feiern“ missverstehen, sondern muss ihn als das nehmen, was er sein soll: ein Tag der Erinnerung. Und gerade deshalb muss man ehrlich sein: Wer diesen Tag ernst nimmt, muss die Opfer klar benennen – und die Vorgeschichte ebenso klar.
Was „Foibe“ sind
„Foibe“ sind ursprünglich natürliche Karstschächte und Felsspalten. Historisch steht der Begriff für ein Kapitel von Gewaltverbrechen: Viele Italiener wurden verhaftet, verschleppt, erschossen oder „zum Verschwinden gebracht“ und ein Teil der Getöteten wurde in solche Schächte oder in ähnliche Gruben geworfen.
Zur Redlichkeit gehört aber auch: „Foibe“ wird in der öffentlichen Debatte oft als Sammelbegriff verwendet – für Tötungen, Verschleppungen und Verschwindenlassen insgesamt –, nicht nur für den konkreten Tod „im Karstschacht“. Und es gab auch nicht-italienische Opfer, etwa Slowenen und Kroaten, die als Gegner der neuen Macht oder als politisch unzuverlässig galten. Aber der Schwerpunkt dieses Tages der Erinnerung liegt auf den italienischen Opfern und den Folgen für die italienischen Gemeinschaften.
Wer die Täter waren
Die unmittelbaren Täter 1943/45 waren Kräfte der jugoslawischen Partisanenbewegung sowie die sich herausbildenden Sicherheits- und Verwaltungsorgane der neuen kommunistischen Macht. Wichtig ist dabei: 1943 und 1945 verliefen nicht identisch. 1943 – nach dem Zusammenbruch der italienisch-faschistischen Ordnung und in einer chaotischen Bürgerkriegs- und Partisanensituation – mischten sich lokale Abrechnungen, Vergeltung und ein Machtvakuum, in dem Gewalt leichter eskalierte und außer Kontrolle geriet. 1945 – mit dem Vormarsch dieser Partisanen- und Sicherheitskräfte, der Übernahme der Kontrolle in den umkämpften Gebieten und der Etablierung neuer Herrschaft – trat vielerorts die Logik der Machtsicherung und politischen Säuberung stärker in den Vordergrund. In beiden Phasen kam es zu Massenverhaftungen, standrechtlichen Erschießungen, Deportationen in Haft und Lager sowie zum Verschwindenlassen.
Die Schreckensherrschaft davor: Italiens Faschismus als Brandbeschleuniger
Und jetzt der Teil, der im politischen Schlagabtausch in Italien am liebsten weggelassen wird: Die Gewalt von 1943/45 steht am Ende einer langen Vorgeschichte, in der das faschistische Italien eine zentrale Verantwortung trägt. In den Grenzgebieten wurde über Jahre ein Projekt der Zwangsanpassung betrieben: Sprache wurde aus Schulen und Ämtern gedrängt, Vereine und Zeitungen wurden eingeschüchtert oder zerschlagen, kulturelle Sichtbarkeit sollte verschwinden. Menschen sollten lernen, dass ihre Identität im öffentlichen Raum nicht erwünscht ist. Das ist keine harmlose Episode, sondern eine Politik der Entwürdigung – und sie hat Gesellschaften vergiftet.
Mit dem Krieg wurde aus Entwürdigung offene Repressionspraxis. In besetzten Gebieten wurde mit Kollektivstrafen, Geiselpolitik, Deportationen, Internierungen und Vergeltungsaktionen gearbeitet – oft in einer Brutalität, die Zivilisten bewusst mittraf. Das ist der Punkt, an dem man das Wort Schrecksherrschaft ohne Übertreibung verwenden kann: Wenn Gewalt zum Verwaltungsinstrument wird, wenn Angst zur Methode wird, wenn die Grenze zwischen Militär und Zivilist bewusst verwischt wird, dann entsteht ein Klima, in dem die nächste Stufe der Enthemmung wahrscheinlicher wird. Das erklärt, warum sich 1943/45 ein Umfeld bilden konnte, in dem „Abrechnung“ als scheinbar plausible Antwort erschien. Erklären heißt: Ursachen benennen. Es heißt ausdrücklich nicht: entschuldigen.
Kontext erklärt – aber rechtfertigt nicht
Man muss diese Unterscheidung scharf halten, sonst kippt jede Debatte in Lagerdenken. Vorheriges Unrecht macht späteres Unrecht nicht richtig. Faschistische Unterdrückung erklärt, warum Hass, Angst und Rache sich aufstauen konnten – sie rechtfertigt keine Erschießungen ohne Verfahren, keine willkürlichen Verhaftungen, keine Verschleppungen, kein Verschwindenlassen. Wer anfängt, Verbrechen gegeneinander aufzurechnen, landet fast zwangsläufig bei der Entmenschlichung: Die einen Toten gelten dann als „zählbar“, die anderen als „selbst schuld“. Genau das ist die moralische Falle, aus der Erinnerung eigentlich herausführen sollte.
Warum Instrumentalisierung den Opfern ein zweites Mal Unrecht tut
Ungerecht wird es, wenn der Tag der Erinnerung politisch so bespielt wird, als wäre Italien ausschließlich Opfer gewesen. Dann werden die italienischen Opfer nicht geschützt, sondern vereinnahmt: als Munition in einer Gegenwartsdebatte, als Beweisstück für nationale Unschuld. Und parallel wird die faschistische Verantwortung Italiens zur Randnotiz oder ganz ausgeblendet. Das ist nicht nur historisch falsch, es ist auch respektlos – weil es Opfer zu Symbolen macht und Geschichte in eine moralische Verrechnung verwandelt.
Was ein erwachsener Tag der Erinnerung leisten müsste
Ein reifer Umgang braucht zwei Sätze, die man gleichzeitig sagen muss. Erstens: Ja, es gab überwiegend italienische Opfer der Foibe-Gewalt und der Verschleppungen, und sie verdienen würdiges Gedenken. Zweitens: Diese Gewalt ist ohne die faschistische Schreckensherrschaft Italiens davor nicht ehrlich zu verstehen. Wer nur Satz eins sagt, betreibt Mythos. Wer nur Satz zwei sagt, lässt Opfer allein. Gerecht ist nur eine Erinnerung, die beides aushält: Mitgefühl ohne Propaganda und Kontext ohne Relativierung.






