Mehr Tote wegen Pflege-Abwanderung? Messner widerspricht: “Südtirol hat 17 Prozent mehr Pflegepersonal”

Wer diese Ergebnisse liest, denkt unweigerlich an Südtirol. Auch hier gilt die Schweiz als Magnet – und seit Jahren kursieren Berichte, wonach Pflegekräfte gerade aus grenznahen Gebieten abwandern. Gesundheitslandesrat Hubert Messner hält gegenüber UT24 dagegen: Die Lage sei nicht vergleichbar.
Messner: “In Südtirol gegenteilige Entwicklung”
In einer schriftlichen Stellungnahme betont Messner gegenüber UT24, Südtirol habe sich in den vergangenen Jahren nicht “ausgedünnt”, sondern aufgestockt. Zwischen 2015 und 2025 verzeichne Südtirol einen Zuwachs von 17 Prozent an Vollzeitäquivalenten im Pflegebereich. Konkret nennt er die Zahlen: 2015 seien 2.484 Vollzeitäquivalente im Pflegebereich in den Strukturen des Südtiroler Sanitätsbetriebs tätig gewesen, 2020 dann 2.846 und 2025 schließlich 2.904.
Die Schlussfolgerung des Landesrates ist klar: Selbst wenn es “vereinzelt und in gewissen Gebieten punktuell möglicherweise” zu Abwanderung komme, würden Neueinstellungen diese Abgänge “mehr als kompensieren”. Außerdem sei die Annahme einer starken Abwanderung in Südtirol aus seiner Sicht eher ein Eindruck, gestützt auf einzelne Erfahrungsberichte. Eine quantitative Erhebung oder Studie dazu liege “südtirolspezifisch jedenfalls nicht vor”.
120 Pflegekräfte fehlen – laut Messner “nur” 4 Prozent
Messner räumt gleichzeitig ein, dass nicht alles rosig sei. Aktuell fehlten in Südtirol ungefähr 120 Pflegekräfte im Gesundheitsbereich, konkret unbesetzte Pflegestellen im Stellenplan des Sanitätsbetriebs. Das entspreche einer Bestandslücke von “lediglich” vier Prozent. Diese Lücke wolle man durch Maßnahmen in Ausbildung, Anwerbung, Entwicklung und Bindung schließen.
Zugleich relativiert Messner: Fluktuation sei ein normaler Bestandteil jedes Betriebs, gerade im Gesundheitswesen – durch Stellenwechsel, Elternzeiten oder Pensionierungen würden immer wieder Lücken entstehen, die erst nachbesetzt werden müssten.
Mehr Geld, weniger Stunden: Das Land setzt auf Attraktivität
Seit seinem Amtsantritt arbeite er daran, den Sanitätsbetrieb für Fachkräfte attraktiver zu machen, um eine Dynamik wie an der deutsch-schweizerischen Grenze “nachhaltig zu verhindern”. Als wichtigste Maßnahmen nennt Messner deutliche Gehaltssteigerungen für Pflegeberufe und die Reduzierung der Wochenarbeitszeit auf 36 Stunden seit dem vergangenen Jahr. Damit seien die Gehälter annähernd an Österreich und Deutschland herangeführt worden.
Außerdem verweist der Landesrat auf “Audit Familie und Beruf”: Der Sanitätsbetrieb sei 2025 zertifiziert worden, um ein familienfreundliches Arbeitsumfeld zu unterstreichen. Zur besonders oft diskutierten Abwanderung im Oberen Vinschgau Richtung Schweiz sagt Messner: Die Löhne seien in der Schweiz zwar weiterhin etwas höher, Südtirol biete aber bessere Arbeitszeiten- und Urlaubsregelungen sowie Elternzeitregelungen, was “oft ein attraktiveres Arbeitsumfeld” bedeute.
Kommt Südtirol auch dorthin?
Messners Botschaft lautet: Südtirol ist nicht die deutsche Grenzregion, im Gegenteil – das Pflegepersonal sei insgesamt gewachsen, und die Lücke liege bei vier Prozent. Das ist eine klare Position.
Aber die Studie wirkt trotzdem wie ein Warnschild. Denn sie zeigt, wie schnell ein grenzüberschreitender Sog zu einem Risiko werden kann, wenn die Belastung in der Versorgung steigt. Südtirol mag insgesamt mehr Pflegekräfte haben als vor zehn Jahren – doch die entscheidende Frage bleibt: Sind diese Kräfte dort, wo sie gebraucht werden? Und gibt es belastbare Daten, die belegen, dass sich ein möglicher Druck in einzelnen Gebieten nicht schleichend zu einem Versorgungsproblem auswächst?






