Wie gefährlich ist Künstliche Intelligenz wirklich?

Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass technologische Umbrüche kein neues Phänomen sind – auch nicht in Tirol und Österreich. In Zeiten ohne Internet war Wissen schwerer zugänglich. Informationen mussten aus Büchern beschafft, in Bibliotheken gesucht oder mühsam über persönliche Kontakte eingeholt werden. Mit der Erfindung des Internets veränderte sich dieser Prozess grundlegend. Wissen wurde schneller, einfacher und für breite Bevölkerungsschichten verfügbar. Künstliche Intelligenz treibt diese Entwicklung nun auf die nächste Stufe.
Heute genügt oft ein Griff zum Smartphone und eine kurze Anfrage an einen digitalen Assistenten. KI beantwortet Fragen, erklärt komplexe Sachverhalte, erstellt Texte oder plant den Alltag. Kritiker sehen darin eine Gefahr: Wird die Menschheit dadurch bequemer, unkonzentrierter und abhängig von Technologie? Oder eröffnet KI gerade neue Möglichkeiten für Bildung, Produktivität und persönliche Weiterentwicklung?
Chancen und Risiken im Alltag
Eine eindeutige Antwort auf diese Fragen gibt es nicht. Studien zeigen, dass der ständige Rückgriff auf digitale Hilfsmittel tatsächlich Auswirkungen auf Konzentrations- und Merkfähigkeit haben kann. Laut einer Untersuchung der „University of London“ kann häufige digitale Ablenkung die kognitive Leistungsfähigkeit messbar senken. Gleichzeitig belegen andere Studien, etwa des „Massachusetts Institute of Technology“, dass KI-gestützte Lernsysteme das individuelle Lernen deutlich effizienter machen können.
Entscheidend ist also die Art der Nutzung. Künstliche Intelligenz kann zum reinen Bequemlichkeitswerkzeug werden, sie kann aber auch als digitaler Lehrer, Trainer oder Ideengeber dienen. Noch nie war es so einfach, sich neues Wissen anzueignen, Sprachen zu lernen, Trainingspläne zu erstellen oder kreative Projekte umzusetzen. KI verstärkt vorhandene Fähigkeiten – sie ersetzt sie nicht automatisch.
KI und der Arbeitsmarkt
Besonders groß ist die Sorge um den Arbeitsmarkt. In Österreich beschäftigen sich Politik, Wirtschaft und Sozialpartner seit Jahren intensiv mit den Folgen der Digitalisierung und Automatisierung. Laut einer viel zitierten Studie der „Oxford“- Universität könnten bis zu 47 Prozent der heutigen Jobs in den nächsten Jahrzehnten automatisierbar sein. Das bedeutet jedoch nicht, dass diese Berufe vollständig verschwinden. Experten gehen vielmehr davon aus, dass sich Tätigkeiten verändern werden. Routineaufgaben könnten von KI übernommen werden, während menschliche Fähigkeiten wie Kreativität, soziale Kompetenz und kritisches Denken an Bedeutung gewinnen.
Auch das Weltwirtschaftsforum kommt in seinem „Future of Jobs Report“ zu einem differenzierten Ergebnis. Ähnliche Einschätzungen teilt das österreichische Wirtschaftsforschungsinstitut (WIFO): Zwar werden durch Automatisierung Arbeitsplätze wegfallen, gleichzeitig sollen aber neue Berufsfelder entstehen – etwa im Bereich KI-Überwachung, Datenanalyse, Ethik oder Weiterbildung. Historisch betrachtet hat technischer Fortschritt zwar immer Berufe verdrängt, langfristig jedoch meist mehr neue geschaffen als zerstört.
Um die zukünftigen Entwicklungen besser einzuordnen, hat UT24 mit der KI-Expertin Frau Dr. Barbara Plank gesprochen. Die ursprünglich aus Vahrn stammende Professorin lehrt an der LMU München und ist Expertin für Künstliche Intelligenz mit Schwerpunkt „maschinelles Lernen“ und „Sprachverarbeitung“.
UT24: Viele Menschen haben Angst, ihren Job an KI zu verlieren. Ist diese Sorge berechtigt?
Dr. Plank: KI Modelle wie ChatGPT—sogenannte LLMs, Large Language Models–sind klar der Beginn einer neuen Ära: Technologie die bleiben wird. Und genauso wie es bei der Erfindung der Elektrizität einen Strukturwandel gab, man denke z.B. an den Job des Kerzenmachers, oder ein Hufschmied beim Aufkommen von Autos, wird sich die Beschäftigung ändern. So ein Prozess dauert — daher ist die Sorge oft viel größer, als nötig – ich sehe weniger die Wegrationalisierung von Jobs, als mehr einen Wandel der Aufgaben innerhalb eines Jobs, z.B. wird es für Softwareentwickler immer wichtiger, Softwarecode gut testen zu können, statt ihn von Grund auf neu zu schreiben.
UT24: Macht KI den Menschen fauler?
Dr. Plank: KI macht den Menschen nicht grundsätzlich fauler. Sie kann im Gegenteil bei vielen Routineaufgaben den Menschen unterstützen. Problematisch wird es aber, wenn Menschen sich zu sehr auf die KI verlassen und nicht verantwortungsbewusst mit ihr umgehen. Wenn man aufhört, selbst nachzudenken, Aufgaben vollständig von der KI generieren lässt und Ergebnisse ungeprüft übernimmt, besteht die Gefahr, dass wichtige Fähigkeiten verkümmern. KI sollte daher als unterstützendes Werkzeug verstanden werden – nicht als Ersatz für eigenes Denken, Kreativität und Verantwortung. Letztlich hängt es also nicht von der KI selbst ab, sondern davon, wie bewusst und reflektiert wir sie einsetzen.
UT24: Wie kann man Künstliche Intelligenz konkret gut und sinnvoll nutzen?
Dr. Plank: Als unterstützendes Werkzeug sollte die KI eingesetzt werden – nicht als Ersatz für eigenes Denken. Sie kann helfen, Ideen zu strukturieren, Texte zu überarbeiten, Informationen zusammenzufassen oder neue Perspektiven aufzuzeigen. Wichtig dabei ist aber ein verantwortungsbewusster Umgang: Man sollte keine privaten oder sensiblen Daten eingeben, Ergebnisse kritisch prüfen und die Verantwortung für die Nutzung nicht an die KI abgeben. Letztlich steht man für das Produkt am Ende selbst verantwortlich dar.
UT24: Frau Plank, wie gefährlich ist Künstliche Intelligenz wirklich?
Dr. Plank: KI birgt sowohl Risiken als auch große Chancen. Gefährlich kann sie werden, wenn sie missbraucht wird – etwa durch Bots, die sich als echte Menschen ausgeben, oder durch gezielte Desinformation, die politische Meinungsbildung verzerrt. Deshalb ist es wichtiger denn je, kritisch zu denken, Informationen zu hinterfragen und klare Regeln sowie ein gewisses Maß an Regulierung für KI zu schaffen. Gleichzeitig bietet KI enorme Vorteile: Sie kann Menschen weltweit vernetzen, Sprachbarrieren durch automatische Übersetzungen überwinden, beim Reisen Texte und Gespräche spontan übersetzen oder durch autonome Systeme wie Robotaxis neue Mobilitätsformen ermöglichen.
Am Ende hängt vieles vom Menschen selbst ab. Wir entwickeln KI – und durch unseren verantwortungsvollen oder unreflektierten Umgang formen wir alle gemeinsam als Benutzer von KI auch ihre Zukunft. KI ist daher nicht nur Risiko oder Chance, sondern vor allem eine große Möglichkeit, unsere gemeinsame Zukunft bewusst mitzugestalten.
Was bedeutet KI konkret für Tirol?
Künstliche Intelligenz ist weder Heilsbringer noch Untergangsszenario – auch nicht für Tirol. Gerade in einer Region mit starkem Tourismus, vielen kleinen und mittleren Betrieben sowie einer wachsenden Start-up-Szene kann KI Prozesse erleichtern, Fachkräfte entlasten und neue Geschäftsfelder eröffnen. Sie ist eine der mächtigsten Technologien unserer Zeit und wird unseren Alltag und den Arbeitsmarkt nachhaltig verändern. Ob diese Veränderung positiv oder negativ ausfällt, hängt weniger von der KI selbst ab als von unserem Umgang mit ihr. Bildung, klare Regeln und ein bewusster Einsatz sind entscheidend, damit KI den Menschen unterstützt – und nicht ersetzt.






