von red 26.01.2026 16:00 Uhr

Alte Tirolensien neu gelesen (Teil 73)

Mit Auf den Spuren der Tiroler Front. Wanderungen zu den Kriegsschauplätzen 1915–1918 legt Oswald Mederle in Zusammenarbeit mit dem Tiroler Geschichtsverein (Sektion Bozen) ein eindrucksvolles Werk vor, das Militärgeschichte, Regionalgeschichte und alpine Wanderpraxis miteinander verbindet. Das Buch führt entlang der ehemaligen Frontlinie des Ersten Weltkriegs durch hochalpine Räume zwischen dem Stilfser Joch, dem Ortlergebiet, dem Lagorai, den Dolomiten und dem Karnischem Kamm. Eine Rezension von Andreas Raffeiner.

Oswald Mederle (in Zusammenarbeit mit dem Tiroler Geschichtsverein, Sektion Bozen). Auf den Spuren der Tiroler Front. Wanderungen zu den Kriegsschauplätzen 1915 – 1918, Bozen 2013.

Aufbau und Konzeption

Der klar gegliederte Band ist in fünf sogenannte „Rayons“ unterteilt, die jeweils größere Abschnitte der Tiroler Front abdecken. Innerhalb dieser Rayons werden konkrete Berge, Pässe, Stellungen und Festungswerke vorgestellt – von bekannten Schauplätzen wie dem Ortler, dem Pasubio, dem Col di Lana oder dem Monte Piano bis hin zu weniger bekannten Positionen wie Nagiä-Grom, Pizzac oder dem Gasser-Depot. Diese systematische Gliederung erlaubt es den Lesern, einzelne Touren gezielt auszuwählen oder dem Frontverlauf chronologisch und geografisch zu folgen.

Zwischen Wanderführer und Geschichtsbuch

Besonders überzeugend ist die Verbindung von landschaftlicher Beschreibung mit geschichtlicher Tiefenschärfe. Mederle beschränkt sich keineswegs auf taktische oder militärische Fakten, sondern bettet die Stellungen in ihren topografischen, logistischen und menschlichen Kontext ein. Hinweise auf Schützengräben, Seilbahnen, Stollenanlagen, Artilleriestellungen und Festungen werden durch Hintergrundinformationen zu Bau, Nutzung und beteiligten Truppen ergänzt. Auch Aspekte wie beispielsweise der Einsatz von Kriegsgefangenen oder die archäologische Erforschung der Gipfelstellungen finden Beachtung.

Erinnerungslandschaft im Hochgebirge

Das Buch macht deutlich, dass die Tiroler Front heute eine weitläufige Erinnerungslandschaft ist. Viele der dargestellten und beschriebenen Orte – so etwa der Kleiner Lagazuoi mit seinen Stollen, die Hochflächen um die Cima di Vezzena oder die Stellungen am Tonalepass – erscheinen als Freilichtmuseen, in denen Natur und Geschichte untrennbar miteinander verbunden sind. Mederle gelingt es, diese Kriegsschauplätze respektvoll und objektiv zu vermitteln, ohne sie zu romantisieren und zu verherrlichen.

Zielgruppe und Bedeutung

Der Band richtet sich an historisch Interessierte, Bergwanderer und kulturhistorisch engagierte Leser. Vorkenntnisse sind nützlich, aber nicht zwingend erforderlich. Dank der Literaturhinweise und dem Register eignet sich das Buch als Nachschlagewerk. Alles in allem leistet Auf den Spuren der Tiroler Front einen zentralen Beitrag zur Vermittlung der alpinen Kriegsgeschichte und zur Bewahrung des historischen Gedächtnisses im Alpenraum.

Fazit

Oswald Mederles Buch verbindet alpine Wanderungen mit fundierter Militär- und Regionalgeschichte des Ersten Weltkriegs. Entlang der Tiroler Front von 1915–1918 werden wichtige und beinahe schon in Vergessenheit geratene Kriegsschauplätze sachkundig, sehr gut strukturiert und landschaftlich eindrucksvoll vorgestellt. Die hier zu rezensierende und auch in italienischer Sprache vorliegende Publikation ist ein empfehlenswertes Werk für historisch interessierte Bergfreunde und alle, die Geschichte vor Ort erfahren möchten.

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Oswald Mederle (in Zusammenarbeit mit dem Tiroler Geschichtsverein, Sektion Bozen). Auf den Spuren der Tiroler Front. Wanderungen zu den Kriegsschauplätzen 1915 – 1918, Bozen 2013.

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