Nach dem Delago-Shitstorm: Solidarität ist richtig – aber warum gilt sie so selten, wenn Deutsch angegriffen wird?

Das ist gut so. Das ist notwendig. Und ausdrücklich unterstützenswert. Denn wer eine Sportlerin wegen ihrer Muttersprache öffentlich abwertet, greift nicht nur eine einzelne Person an, sondern stellt die Legitimität historischer Sprachen in unserem Gebiet grundsätzlich infrage.
Zur Einordnung für unsere Leser: Ausgangspunkt war Delagos erster Weltcupsieg in Tarvis. Rai Ladinia interviewte sie anschließend – dem Auftrag eines Minderheitensenders entsprechend auf Ladinisch. Auf den sozialen Netzwerken folgte darauf eine Reihe abfälliger Kommentare und Assimilationsforderungen nach dem Motto: Wer „für Italien“ antritt, habe gefälligst Italienisch zu sprechen, sonst solle er sich nicht mit italienischen Symbolen zeigen.
Wir haben das klar benannt: Das ist kein „Missverständnis“, sondern ein altbekannter Assimilationsreflex. Minderheitensprachen werden toleriert, solange sie leise bleiben. Sobald sie öffentlich sichtbar werden, sollen sie wieder verschwinden.
Guglielmi: „Klima inquietante“ und „lealtà monolingue“
Der Regionalassessor Guglielmi verurteilt die Episode deutlich. Er spricht von einer „schweren und besorgniserregenden“ Angelegenheit und solidarisiert sich mit Delago, die „nur“ deshalb zur Zielscheibe wurde, weil sie Ladinisch gesprochen hat.
Besonders relevant ist seine Diagnose des dahinterliegenden Musters: Er spricht von einem „clima inquietante“ (beunruhigenden Klima), das von „richieste di lealtà monolingue“ (Forderungen nach einsprachiger Loyalität) geprägt sei. Genau das ist der Kern solcher Kampagnen: Pluralismus wird nicht als Normalität anerkannt, sondern als Loyalitätsproblem umgedeutet.
Guglielmi betont zudem, Ladinisch sei – wie alle historischen Sprachen unseres Territoriums – keine Spaltung, sondern eine „ricchezza“ (Bereicherung), die zu schützen und aufzuwerten sei. Und er hält fest, dass Athleten sowie alle Bürger die Freiheit haben müssen, sich in der eigenen Sprache zu äußern, ohne dafür beleidigt oder unter Verdacht gestellt zu werden.
Solidarität ja – aber warum so selten, wenn Deutsch betroffen ist?
Genau an dieser Stelle muss jedoch eine unbequeme Frage erlaubt sein. Solidarität ist nur dann glaubwürdig, wenn sie konsequent ist. Und deshalb stellt sich in Südtirol zwangsläufig die Frage: Warum gibt es so oft keinen vergleichbaren Aufschrei und keine offiziellen Bekundungen, wenn die deutsche Sprache betroffen ist?
Wenn Deutsch im öffentlichen Raum wieder einmal delegitimiert wird, wenn es als „überflüssig“ oder als „Zumutung“ hingestellt wird, wenn Einsprachigkeit als vermeintlicher Normalzustand durchgedrückt werden soll – dann bleibt es nicht selten erstaunlich still. Das ist nicht nur falsch, sondern politisch gefährlich: Es erzeugt den Eindruck, dass Minderheitenschutz selektiv ernst genommen wird, abhängig davon, welche Sprache gerade den größeren medialen Resonanzraum hat.
Gleichheit im Minderheitenschutz: Sprache ist kein Verhandlungsthema
Hier muss Gleichheit herrschen. Minderheitensprachen gehören geschützt – ohne Relativierung, ohne taktische Zurückhaltung und ohne Doppelstandards. Das Recht, in der eigenen Sprache zu sprechen, ist unverhandelbar. Wer heute zu Recht Ladinisch verteidigt, muss morgen mit derselben Klarheit aufstehen, wenn Deutsch attackiert wird.
Die Lehre aus dem Fall Delago darf nicht sein, dass Institutionen dann reagieren, wenn der öffentliche Druck groß genug wird. Die Lehre muss sein, dass Schutz, Respekt und klare Haltung gegenüber allen Minderheitensprachen Normalität sind – jeden Tag, sichtbar und für alle.






