Warum Gleichberechtigung im Krieg Pause macht

Männer sollen an der Front sterben, Frauen nicht
Die jüngste Aussage der SPÖ-Politikerin Selma Yildirim zur Wehrpflicht für Frauen ist ein Lehrbeispiel für selektive Gleichstellung. Über eine Wehrpflicht für Frauen könne man „erst reden, wenn echte Gleichberechtigung erreicht ist“, sagt sie. Solange Frauen im Schnitt weniger verdienen und mehr unbezahlte Sorgearbeit leisten, sei es unzumutbar, sie auch zum Militärdienst heranzuziehen.
Übersetzt heißt das: Solange Frauen in manchen Bereichen benachteiligt seien, sollen Männer weiterhin exklusiv jene Pflicht tragen, bei der es im Ernstfall um Verwundung, Trauma und Tod geht. Gleichberechtigung ja – aber bitte nur dort, wo es um Posten, Privilegien und symbolische Anerkennung geht. Nicht dort, wo es um Schützengräben, Minenfelder und Särge geht.
Sind nur Männer entbehrlich?
Die Argumentationslinie ist bemerkenswert. Wer gleiche Rechte fordert, müsste konsequenterweise auch gleiche Pflichten akzeptieren. Doch genau diese Logik wird hier umgedreht: Ungleichheit in einem Bereich dient als Rechtfertigung für Ungleichheit in einem anderen – und zwar immer zu Lasten derselben Gruppe: der Männer.
Niemand bestreitet, dass Frauen mehr unbezahlte Arbeit leisten oder in Führungspositionen weniger häufig vertreten sind. Aber was hat das mit der Frage zu tun, wer im Verteidigungsfall sein Leben riskiert? Seit wann wird Lebensgefahr in Gehaltsstatistiken verrechnet? Seit wann ist der Soldat im Schützengraben eine Art Ausgleichszahlung für den ohnehin strittigen Gender-Pay-Gap?
Der unausgesprochene Kern dieser Haltung lautet: Männer sind im Zweifel entbehrlich. Ihr Leben ist verhandelbar, ihre Körper sind staatliche Ressource. Frauen hingegen sollen geschützt werden – selbst dann, wenn sie in allen anderen gesellschaftlichen Bereichen als gleich stark, gleich fähig und gleich autonom gelten. So entsteht eine Form von Feminismus, die Gleichstellung als Einbahnstraße versteht: rauf auf die Karriereleiter, rein in die Machtpositionen, aber bitte nicht in die Kasernen. Emanzipation bis zum Konferenztisch, nicht bis zum Schützengraben.
Gleichheit nur, solange sie angenehm ist
Echte Gleichberechtigung wäre unbequemer. Sie würde bedeuten, dass auch Frauen nicht nur das Recht haben, Kampfpilotin zu werden, sondern im Ernstfall auch die Pflicht, es zu sein. Sie würde bedeuten, dass Staatsbürgerpflichten nicht nach Geschlecht sortiert werden – selbst wenn das bedeutet, dass Töchter ebenso wie Söhne in Uniform eingezogen werden.
Solange aber selbst erklärte Gleichstellungsvertreterinnen bei der letzten, ultimativen Verantwortung kneifen, bleibt der Verdacht: Es geht weniger um Gleichberechtigung als um Vorteilsgleichgewicht. Oder anders gesagt: Gleichheit, solange sie angenehm ist – und Sonderstatus, sobald es gefährlich wird.






