Mehr Tote wegen Pflege-Abwanderung? Kommt Südtirol auch dorthin?

Die Frage, die sich Südtirol stellen muss, ist unangenehm, aber zwingend: Wollen wir warten, bis sich auch bei uns solche Effekte zeigen?
Die Studie zeigt: Personalmangel kann tödlich werden
Die Forscher haben eine Entwicklung untersucht, die wie ein Realtest wirkt: Der Schweizer Arbeitsmarkt zieht Pflegepersonal an – und Kliniken auf der „anderen Seite“ verlieren Leute. In grenznahen deutschen Krankenhäusern ging laut Studie das Pflegepersonal um rund 12 Prozent zurück, gleichzeitig stieg die Belastung für die Verbliebenen. Am Ende stand ein Anstieg der Krankenhaussterblichkeit um 4,4 Prozent.
Das ist die zentrale Botschaft: Pflege ist nicht ein organisatorisches Nebenthema. Wenn sie fehlt, leidet nicht nur der Betrieb – es steigt das Risiko für Patienten.
Südtirol kennt den Sog Richtung Schweiz – und hat viel zu spät reagiert
Auch in Südtirol wandern Pflegekräfte in die Schweiz und ins deutschsprachige Ausland ab. Das ist kein Geheimnis, und es ist auch keine neue Entwicklung. Neu ist höchstens, dass nun eine Studie zeigt, wie hart die Folgen im Krankenhaus am Ende ausfallen können.
Und genau deshalb fällt ein Punkt besonders ins Gewicht: Die Reaktion des Landes war nicht angemessen – und vor allem viel zu spät. Wenn man öffentlich argumentieren muss, ein Bereichsvertrag solle die Abwanderung „vor allem in die Schweiz“ bremsen, dann ist das ein Eingeständnis: Man hat den Druck lange unterschätzt, während der Markt längst entschieden hat.
Keine bekannten Daten zur Situation in Südtirol
In Südtirol gibt es zu einer eventuellen pflegebedingten Sterblichkeitswelle keine Daten und es wäre unseriös rein auf Vermutung eine solche abzuleiten.
Aber wer daraus Entwarnung ableitet, versteht den Verlauf solcher Krisen nicht. Es beginnt nicht mit einer Schlagzeile über „mehr Tote“. Es beginnt damit, dass Dienste nicht mehr besetzt werden. Dass erfahrene Leute fehlen. Dass Überstunden zur Normalität werden. Dass Fehlerwahrscheinlichkeit steigt, weil Müdigkeit steigt. Und dass im Alltag immer öfter „nur noch dringend“ behandelt werden kann.
Der Druck ist längst sichtbar – nur wird er politisch weichgezeichnet
Man muss nicht warten, bis Sterblichkeit ansteigt, um zu sehen, wie sehr ein System unter Spannung steht. Ein Beispiel: Monatelange Wartezeiten für Facharztvisiten in Südtirols Krankenhäusern. Als Ursachen werden unter anderem steigende Antragszahlen und Personalmangel angeführt. Wer es sich leisten kann, nimmt schon lange Privatvisiten in Anspruch.
Dazu kommt die Demografie: Südtirol wird älter, der Pflegebedarf steigt strukturell. In so einer Lage ist jede Abwanderungswelle doppelt gefährlich, weil die Nachfrage steigt, während das Personal schrumpft.
Die unbequeme Frage: Muss es erst schlimmer werden, bis man handelt?
Die deutsche Studie zeigt eine klare Kettenreaktion: weniger Pflegepersonal bedeutet weniger Pflegezeit pro Patienten, verschobene Eingriffe, härtere Priorisierung – und am Ende höhere Sterblichkeit, besonders bei den Verwundbarsten.
Südtirol ist klein, die Reserven sind kleiner, die Ausweichmöglichkeiten begrenzt. Genau deshalb hätte das Land früher und entschlossener handeln müssen, statt das Problem jahrelang zu verwalten. Wer jetzt noch beruhigt, spielt mit Zeit, die nicht vorhanden ist.
Südtirol steht vielleicht noch nicht dort, wo deutsche Grenzkliniken laut Studie waren. Aber die Richtung ist erkennbar. Und die Frage bleibt stehen: Wollen wir wirklich abwarten, ob es auch bei uns irgendwann heißt, dass Abwanderung von Pflegekräften die Sterblichkeit erhöht?






