Trikolore-Pathos in Innichen: Wenn ein Kranz zur Machtdemonstration wird

Genau deshalb erscheint das Ganze nicht als pietätvolle Pflichtübung, sondern als kalkulierte Inszenierung: moralische Worte („Versöhnung“, „Frieden“, „Brüderlichkeit“) – und darunter die altbekannte Botschaft staatlicher Deutungshoheit. Wer in dieser Rolle auftritt, erinnert nicht nur, er versucht zu definieren, wie erinnert werden soll.
Ein Ort, der nicht neutral sein kann
Das Beinhaus ist kein gewöhnlicher Soldatenfriedhof. Es ist ein Monument, das in einer Zeit errichtet wurde, in der Gedenken politisch instrumentalisiert wurde – monumental, demonstrativ, grenznah. Wer das ausblendet und so tut, als handle es sich um eine unproblematische Gedenkstätte, verschiebt den Rahmen: Aus Trauer wird Bühne, aus Erinnerung wird Staatsritual. Genau dieser Mechanismus löst in Südtirol jedes Mal Alarmglocken aus, wenn Rom dort Auftritte zelebriert.
Denn die Frage ist nicht, ob man der Toten gedenken darf. Die Frage ist, ob man einen historisch belasteten Ort benutzt, um Gegenwartspolitik in würdige Bilder zu verpacken.
Ein faschistischer Bau mit Auftrag: „stumm-monumentale Wachtposten“
Wer die Entstehungsgeschichte kennt, erkennt sofort, warum solche Inszenierungen wie eine Provokation wirken müssen. Ein offizieller Infotext der Südtiroler Landesverwaltung hält fest: 1931 verfügte das faschistische Regime die Auflassung vieler Soldatenfriedhöfe; ein eigenes Kommissariat sollte stattdessen Beinhäuser errichten. Architektur und Symbolsprache orientierten sich demonstrativ an monumentalen römischen Vorbildern – typisch für den Faschismus – und dienten der Vereinnahmung des Weltkriegsgedenkens.
Das Ziel war ausdrücklich, eine Kontinuität zwischen Kriegserfahrung und Faschismus herzustellen, die Toten zu „Märtyrern“ der faschistischen „Ideale“ umzudeuten und auf eine „Erziehung zum Krieg“ hinzuwirken. Besonders entlarvend: In den neu „gewonnenen“ Provinzen sollten diese Beinhäuser als „stumm-monumentale Wachtposten“ die „heiligen Grenzen“ beschützen. In Südtirol wurden sie deshalb an den wichtigen Grenzübergängen errichtet – Burgeis (1939), Gossensaß (1937), Innichen (1939).
Genau dieser historische Auftrag ist der Grund, warum man hier nicht so tun kann, als wäre jeder staatliche Auftritt automatisch „versöhnlich“. Wer das Beinhaus als Kulisse nutzt, bedient unweigerlich die Symbolik, die in dieses Bauwerk hineinkonstruiert wurde.
„Versöhnung“ als Etikett – und darunter Staatspropaganda
Rauti spricht von Versöhnung und Frieden, präsentiert Zahlen der Beigesetzten, beschwört moralische Pflicht. Aber Versöhnung ist kein Hashtag und kein Begleittext zu einem Fototermin. Versöhnung beginnt dort, wo man die Geschichte eines Ortes ehrlich benennt – samt der politischen Absicht, die in seiner Errichtung steckte. Wer stattdessen nur Pathos liefert, betreibt Erinnerungsmarketing.
Und genau hier liegt der Kern: Moralvokabular kann in Südtirol wie ein Weichzeichner wirken. Es nimmt dem Auftritt die Schärfe in der Außendarstellung – ändert aber nichts daran, dass der Staat am symbolisch aufgeladenen Monument Präsenz markiert. Wer „Frieden“ sagt und gleichzeitig ein Zeremoniell inszeniert, das nach staatlicher Selbstbestätigung aussieht, produziert keinen Ausgleich, sondern eine Botschaft: Wir definieren den Ort, wir definieren die Deutung.
Keine Toleranz für Italianisierung durch die Hintertür
Besonders ärgerlich ist, wenn dabei nicht einmal die Sensibilität aufgebracht wird, den Ortsnamen Innichen zu respektieren – gerade in offiziellen Statements und an Gedenkorten. In Südtirol ist Ortsnamenspolitik keine Nebensache, sondern Teil der historischen Erfahrung. Wer hier Versöhnung predigt, sollte nicht gleichzeitig sprachliche Machtgesten reproduzieren, die viele als Fortsetzung einer Politik der Überformung empfinden. Der Ton macht die Musik – und die falschen Namen sind in diesem Kontext keine Marginalie.
Es geht nicht um Sprachpurismus. Es geht darum, ob man verstanden hat, in welcher Landschaft man steht.
Die Schützen warnten schon 2013 – und der Konflikt ist nicht „vorbei“
Dass solche Auftritte Sprengkraft haben, ist seit Jahren dokumentiert. Die Schützen haben bereits 2013 in aller Schärfe reagiert und zu Recht eine Kranzniederlegung am Innichner Beinhaus als Skandal bezeichnet. Denn wer mit staatlichem Pomp antritt, tut das nicht „ahnungslos“, sondern nimmt die Reibung zumindest billigend in Kauf – oder erweckt zumindest diesen Eindruck.
Gerade deshalb ist die wiederkehrende Überraschung über Südtiroler Kritik unglaubwürdig. Wer an diesem Ort handelt, weiß, dass er nicht nur gedenkt, sondern auch sendet.
Wohltuend und politisch klug: Kompatscher und Innichner Bürgermeister blieben fern
In dieser Lage ist ein Detail zentral – und es verdient ausdrücklich Lob: Landeshauptmann Arno Kompatscher und der Bürgermeister von Innichen waren bei dieser Ehrung nicht anwesend. Das ist kein Protokollproblem, sondern ein notwendiges Signal demokratischer Selbstachtung. Südtiroler Institutionen dürfen sich nicht als Staffage hergeben, wenn Rom einen politisch aufgeladenen Ort für eine Verteidigungs-Inszenierung nutzt. Abstand ist hier keine Unhöflichkeit, sondern Verantwortung.
Denn beim Beinhaus geht es um Symbolik. Und genau deshalb ist es richtig, dort nicht mitzuspielen – nicht aus Trotz, sondern aus Respekt gegenüber einer sensiblen Erinnerungslage und gegenüber einer Bevölkerung, die diese Monumente nicht losgelöst von ihrer Entstehungsabsicht betrachtet.
Was jetzt notwendig wäre: weniger Pomp, mehr Wahrheit
Wenn das Verteidigungsministerium in Südtirol tatsächlich „Versöhnung“ will, dann braucht es einen radikal anderen Zugang.
Erstens: ehrliche Kontextualisierung. Wer dort offiziell auftritt, muss die problematische Entstehungsgeschichte und die Instrumentalisierung solcher Monumente klar benennen – nicht um sie zu rechtfertigen, sondern um sie nicht weiter zu verschleiern.
Zweitens: Entmilitarisierung. Kein Staatsritual, keine martialische Ästhetik, keine nationalistische Symbolsprache als Hauptbotschaft. Still gedenken kann man ohne Bühne.
Drittens: Respekt vor Südtirols Realität. Dazu gehört sprachliche Sensibilität ebenso wie die Einsicht, dass man Erinnerung nicht von oben verordnet, schon gar nicht an Orten, die als Machtzeichen gebaut wurden.
Solange diese Mindeststandards fehlen, bleibt „Versöhnung“ ein Etikett – und der Kranz ein Machtzeichen. Südtirol muss solche Gesten einordnen, entzaubern und widersprechen, wenn nötig. Und wenn Land und Gemeinde dem Spektakel fernbleiben, dann ist das kein Skandal. Der Skandal ist, dass man ausgerechnet am Innichner Beinhaus immer noch glaubt, man könne Staats-Pathos als Frieden verkaufen. Wer Frieden will, sollte aufhören, Macht zu inszenieren.






