Mahlknecht: „Achammer ist Teil des Problems, nicht der Lösung“

UT24 hat mit dem freiheitlichen Vize-Obmann Otto Mahlknecht über die offenen Baustellen, die Verantwortung der Politik – und über die Frage gesprochen, warum der Konflikt bis heute ungelöst ist.
Herr Mahlknecht, die Freiheitlichen haben das von der SVP präsentierte Maßnahmenpaket für die deutsche Schule kritisiert. Sie sind aber Teil der Landesregierung. Hätten Sie nicht längst intervenieren können?
Wir sind Teil der Regierung, aber das bedeutet nicht, dass wir Freiheitlichen alles entscheiden oder in die Arbeit einzelner Landesräte eingreifen können. Wir äußern berechtigte – und aus unserer Sicht überfällige – Bedenken zu den unausgereiften Vorschlägen der SVP-Arbeitsgruppe Schule. Seit über einem Jahr sprechen wir intern über die Herausforderungen der deutschen Schule, aber von Seiten der SVP herrscht hartnäckig Gesprächsverweigerung. Unsere freiheitliche Arbeitsgruppe hat ihre Vorschläge längst ausgearbeitet, doch trotz mehrerer Aufforderungen wird ein echter Dialog verweigert.
Und das Bemerkenswerte: Innerhalb der SVP gibt es durchaus unterschiedliche Sichtweisen. Trotzdem hat der Landeshauptmann bis heute nie alle Beteiligten an einen Tisch gebracht, um die Sache sauber auszudiskutieren. Stattdessen gehen einzelne mit nicht abgestimmten, halbfertigen Ideen an die Presse – das verkompliziert alles nur weiter.
Die aktuelle Debatte ist ja bereits vor über einem Jahr mit dem Fall „Goetheschule“ hochgekocht. Steht die deutsche Schule wirklich vor einem Abgrund?
Nein – so dramatisch ist es nicht, da muss man die Kirche im Dorf lassen. Der deutschen Schule in Südtirol geht es trotz aller Herausforderungen insgesamt gut. Aber wir stehen vor neuen Problemen: durch die starke Zuwanderung und den Umstand, dass sehr viele Italiener ihre Kinder bewusst in die deutsche Schule schicken.
Verstehen Sie mich nicht falsch: Wir Freiheitlichen begrüßen ausdrücklich, dass viele italienische Familien unsere Sprache und Kultur schätzen. Das ist positiv für Südtirol. Aber organisatorisch müsste man gegensteuern, damit deutsche Kinder nicht zu kurz kommen – denn die deutsche Schule ist primär für sie gedacht.
Und genau hier hapert es: In mehreren Bozner Grundschulen und Kindergärten gibt es heute kaum mehr deutschsprachige Kinder. Das ist kein Skandal, aber ein realer Befund. Und er verlangt Maßnahmen, die funktionieren – nicht nur wohlklingende Phrasen.
Kritiker sagen: Wir müssen offen sein, Integration steht über allem. Was entgegnen Sie?
Wir Freiheitlichen sind absolut für Integration. Das italienische Schulsystem beruht ja seit Jahrzehnten auf dem Grundgedanken der Inklusion – von der Abschaffung der Sonderklassen bis zur Einführung individueller Bildungspläne.
Aber Integration hat Grenzen. Drei deutschsprachige Kinder können in einer ersten Klasse nicht gleichzeitig siebzehn andere mitziehen – das funktioniert schlicht nicht.
In der Goetheschule wurde übrigens keine einzige Inklusionsnorm verletzt. Beide regulären Klassen waren bezüglich Geschlecht, Migrationshintergrund, besonderen Bedürfnissen und Leistungsniveau ausgewogen. Lediglich der Sprachstand unterschied sich – und Sprachstand ist rechtlich nicht gleichzusetzen mit „Leistungsniveau“.
Das Problem ist also nicht mangelnde Inklusion, sondern eine Fehlinterpretation der Regeln durch das Schulamt. Und selbst wenn man diese Regeln anders auslegen wollte, könnte die Landesregierung den betreffenden Beschluss mit einem einfachen Satz entschärfen.
Landesrat Achammer lehnt jede Diskussion über eine ausgewogenere Klasseneinteilung ab. Sind die Freiheitlichen damit gescheitert?
Nein, gescheitert sind wir nicht – aber Achammer handelt aus einer Perspektive, die die Problemlagen in den Städten nicht widerspiegelt. Er und die Schulamtsleiterin kommen aus kleinen Dörfern im Pustertal, wo die Situation völlig anders ist. Aus Bozner Sicht wirkt ihr Umgang mit der Goetheschule schlicht weltfremd.
In Bozen, im Unterland und an anderen Brennpunkten haben wir Einschulungsjahrgänge, in denen sehr viele Kinder kaum oder gar kein Deutsch sprechen. Da funktioniert ein Null-acht-fünfzehn-Integrationskonzept aus einem Bergdorf nicht mehr.
Ich habe von vielen Lehrkräften gehört, dass sie hinter der Direktorin standen. Eine Lehrerin sagte mir: „Ich beschäftige mich seit 20 Jahren mit Integration in genau diesem Umfeld – und jetzt kommen Achammer und Falkensteiner und wollen uns belehren?“
Was in der Goetheschule passiert ist, war keine Sonderklasse, kein Schulversuch und kein Ghettoprojekt. Es waren drei reguläre Klassen mit unterschiedlichen Förderkonzepten – so wie es im Sinne der Kinder sinnvoll ist. Verboten wurde alles aus politischen Gründen, nicht aus pädagogischen.
Was würden Sie tun, wenn Sie Schullandesrat wären?
Für mich ist die muttersprachlich deutsche Schule einer unserer größten Schätze – den müssen wir verteidigen. Integration ist wichtig, aber der Minderheitenschutz hat oberste Priorität. Das Autonomiestatut erlaubt und verpflichtet uns zu Unterricht in der deutschen Muttersprache; das darf nicht ausgehöhlt werden.
Wenn in Klassen die Mehrheit der Kinder die Unterrichtssprache nicht versteht, leidet die Qualität des Unterrichts, und deutsche Muttersprachler verlieren ihr „Recht auf Niveau“. In solchen Fällen braucht es eine differenzierte Klasseneinteilung, die Inklusion und Minderheitenschutz sinnvoll kombiniert.
Was würde ich konkret tun? Zunächst würde ich den bestehenden Beschluss der Landesregierung Nr. 112/2023 zur Klasseneinteilung so präzisieren, dass in stark heterogenen Schulen sichergestellt ist, dass deutschsprachige Kinder in mindestens einer ersten Klasse eine klare Mehrheit bilden. Das ist rechtlich völlig unproblematisch und würde viel Druck aus dem System nehmen.
Gleichzeitig braucht es zusätzliche Ressourcen für deutsche Muttersprachler, wenn sie in einer Klasse die Minderheit darstellen. Andere Gruppen erhalten in solchen Fällen längst Förderstunden – es wäre nur logisch, das auch für deutsche Kinder vorzusehen, damit ihr muttersprachlicher Unterricht nicht leidet.
Und schließlich müssen wir verhindern, dass deutsche Kinder beim Italienischunterricht benachteiligt werden. Wenn in einer Klasse überwiegend italienische oder ausländische Kinder sitzen, orientiert sich der Italienischunterricht automatisch an deren Niveau. Für deutsche Muttersprachler ist das viel zu hoch. Hier braucht es flexible Modelle, etwa Leistungsgruppen oder abgestufte Angebote, damit niemand auf der Strecke bleibt.
Wie soll es jetzt weitergehen? Ist ein Stillstand zu befürchten?
Stillstand wäre fatal. Aber Achammer muss endlich aufhören, mit Begriffen wie „Sonderklassen“ zu polarisieren oder zu behaupten, wir würden nicht-deutschsprachige Kinder auf die Dörfer verteilen wollen. Das ist Unsinn und nie gefordert worden.
Die SVP-Arbeitsgruppe hat sogar gute Vorschläge erarbeitet. Andere jedoch – wie das zusätzliche Kindergartenjahr für sprachschwache Kinder – sind schlicht realitätsfern. Wir können nicht Zweieinhalbjährige und Sechsjährige zusammen betreuen, und wir haben schon jetzt zu wenig Personal.
Diese Kinder brauchen gezielte Sprachförderung – aber in der Schule, in klar strukturierten Klassenmodellen, nicht durch künstliche Verzögerungen.
Ich will keine fertigen Lösungen diktieren. Ich will, dass man sich endlich an einen Tisch setzt und die offenen Punkte koordiniert. Die deutsche Schule ist weder Eigentum von Achammer noch der SVP. Hier braucht es den Landeshauptmann als Moderator, der die Koalition an einen Tisch bringt und klare Entscheidungen einfordert.






