von ih 06.11.2025 15:58 Uhr

Baby mit Handy ruhig gestellt – harmlos oder gefährlich?

Ein Leserfoto, das UT24 diese Woche erreicht hat, dürfte für Diskussionen sorgen: Ein Baby, kaum ein Jahr alt, sitzt im Kinderwagen in einer McDonald’s-Filiale und starrt auf ein Smartphone. „Kein Wunder, dass so viele Kinder heute Autismus haben“, kommentiert der Einsender. Doch stimmt das wirklich? Was weiß die Forschung über die Auswirkungen von übermäßigem Bildschirmkonsum bei den Jüngsten – und gibt es Belege für einen Zusammenhang mit Autismus? UT24 ist der Sache auf den Grund gegangen.

Foto: UT24

Studie zeigt: Bildschirmkinder lernen langsamer

Eine große japanische Studie mit mehr als 7.000 Kleinkindern (Takahashi et al., JAMA Pediatrics, 2023) zeigt: Schon eine Stunde Bildschirmzeit pro Tag bei Einjährigen kann zwei Jahre später zu Verzögerungen beim Sprechen und Problemlösen führen.

Auch kanadische Forscher fanden Ähnliches: Kinder mit viel Bildschirmzeit im Alter von 2 Jahren schnitten mit 3 und 5 Jahren deutlich schlechter in Sprachtests ab (Madigan et al., JAMA Pediatrics, 2019).

Schlechter Schlaf, weniger Gespräche

Laut einer neuen US-Studie (Brushe et al., JAMA Pediatrics, 2024) hören Kinder, wenn der Fernseher oder das Handy läuft, viel weniger Sprache von den Eltern – und sprechen selbst auch weniger.

Gleichzeitig belegen Meta-Analysen (Janssen et al., 2020), dass mehr Bildschirmzeit = weniger Schlaf bedeutet.

Autismus? Keine Beweise!

Immer wieder kursiert der Verdacht, dass Handys Autismus auslösen könnten.  Doch eine große systematische Analyse von Ophir et al., JAMA Network Open (2023) kommt zu einem klaren Ergebnis: Es gibt keinen wissenschaftlichen Beweis, dass Bildschirmzeit Autismus verursacht.

Autismus, so erklären die Forscher, ist neurobiologisch bedingt, stark genetisch beeinflusst und nicht durch Mediennutzung ausgelöst. Was Studien jedoch dennoch zeigen: Kinder mit bereits bestehenden Entwicklungsauffälligkeiten oder sozialer Unsicherheit reagieren empfindlicher auf Reizüberflutung durch Bildschirme.

WHO & Kinderärzte: „Weniger ist besser!“

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt:

  • Unter 2 Jahren: keine Bildschirmzeit, außer Videochat mit Oma oder Opa.

  • 2–5 Jahre: maximal eine Stunde pro Tag, nur gemeinsam mit den Eltern.

Auch die American Academy of Pediatrics (AAP) warnt: Zu viel Bildschirmzeit ersetzt wertvolle Momente mit Blickkontakt, Sprache und Spiel – die für die Entwicklung entscheidend sind.

Handy als Babysitter? Lieber nicht!

Viele Eltern greifen in Stressmomenten zum Smartphone – verständlich, aber riskant. Denn das Baby wird zwar ruhiggestellt, lernt aber weniger, sich selbst zu beruhigen oder auf Reize zu reagieren.

Eine Kinderärztin, die nicht namentlich genannt werden möchte, erklärt dazu auf Nachfrage von UT24:

Eltern sollten sich nicht schämen – aber bewusst damit umgehen. Das Handy darf kein Ersatz für Nähe, Sprache und Aufmerksamkeit sein.

Kinderärztin gegenüber UT24

So schützen Eltern ihr Kind

  • Unter 2 Jahren: Handy aus, außer beim Videochat

  • Ab 2 Jahren: höchstens 1 Stunde pro Tag, gemeinsam schauen

  • Keine Bildschirme beim Essen oder vor dem Schlafengehen

  • Lieber Bücher, Musik oder gemeinsames Spielen

Verantwortungsvoller Umgang gefragt

Das McDonald’s-Foto des UT24-Lesers zeigt, wie normal Handys im Babyalltag geworden sind – aber auch, wie vorsichtig man damit umgehen sollte.

Denn auch wenn Autismus nicht direkt vom Smartphone-Konsum kommt: Zu viel Bildschirmzeit kann Sprache, Schlaf und soziales Lernen deutlich bremsen. Ein verantwortungsvoller Umgang ist daher ratsam.

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