Jugend und Social Media: Fluch oder Segen?

In Südtirol gaben 81 Prozent der befragten Jugendlichen an, täglich soziale Medien zu verwenden. Auch international bestätigen Erhebungen diese Tendenz. So verbringen über die Hälfte der amerikanischen Teenager mindestens vier Stunden täglich in sozialen Netzwerken, im Durchschnitt rund 4,8 Stunden pro Tag. Mehr als ein Drittel der Jugendlichen ist praktisch ständig online mit Freunden in Kontakt. Diese Zahlen verdeutlichen, wie stark Social Media im Leben der jungen Generation verankert ist. Doch welche Auswirkungen hat die intensive Nutzung auf ihre psychische Gesundheit, ihr Sozialverhalten und ihre schulische Entwicklung? Im Folgenden werden Chancen und Risiken von Social Media für Jugendliche, untermauert durch aktuelle Studienergebnisse, beleuchtet.Â
Psychische Gesundheit
Soziale Medien bieten Jugendlichen neue Möglichkeiten der sozialen Interaktion und Selbstentfaltung, können jedoch auch Risiken für die psychische Gesundheit mit sich bringen. Zahlreiche Studien weisen darauf hin, dass ein übermäßiger Social-Media-Konsum mit negativen psychischen Folgen einhergehen kann. Gleichzeitig zeigen sich aber auch positive Effekte bei bewusstem Umgang.
Mögliche negative Auswirkungen auf die psychische Gesundheit:
- Depressive Verstimmung und Angst: Jugendliche, die sehr viel Zeit in sozialen Netzwerken verbringen (über drei Stunden täglich), zeigen deutlich häufiger Symptome von Depression und Angststörungen. Eine Längsschnittstudie in den USA ergab, dass mehr als drei Stunden Social Media pro Tag das Risiko für psychische Belastungen verdoppeln kann.
- Niedergeschlagenheit und Stress: In Deutschland fand die DAK-Mediensuchtstudie 2023/24, dass Jugendliche mit problematischer Social-Media-Nutzung überdurchschnittlich häufig von Niedergeschlagenheit, Angstgefühlen und Stress berichten. Rund 6,1 Prozent der Minderjährigen haben ein als pathologisch eingestuftes Nutzungsverhalten entwickelt, weitere 24,5 Prozent nutzen soziale Medien in riskanter Weise. Ein Wert, der sich seit 2019 verdreifacht hat .
- Körperbild und Selbstwert: Die ständige Konfrontation mit idealisierten Bildern auf Plattformen wie Instagram kann das Selbstwertgefühl junger Nutzer untergraben. Experten warnen, dass unrealistische Schönheitsideale in Social Media die Körperwahrnehmung verzerren und das Risiko von Essstörungen erhöhen können. So zeigte auch eine Südtiroler Jugendstudie, dass viele Jugendliche den in sozialen Netzwerken propagierten perfekten Körpern nacheifern. In einer aktuellen Untersuchung waren Teenager, die über fünf Stunden täglich in sozialen Netzwerken aktiv sind, fast dreimal so häufig unzufrieden mit ihrem eigenen Körper und 60 Prozent öfter von Suizidgedanken oder Selbstverletzungsimpulsen betroffen.Â
- Schlafmangel und Erschöpfung: Exzessiver Social-Media-Konsum insbesondere in den Abendstunden wirkt sich negativ auf den Schlaf-Wach-Rhythmus aus. Jugendliche mit „social-media-süchtigem“ Verhalten gehen häufig sehr spät schlafen und schlafen zu wenig, was zu Müdigkeit und Konzentrationsproblemen am nächsten Tag führt.
Mögliche positive Effekte der Social-Media-Nutzung:
- Soziale Unterstützung und Zugehörigkeit: Soziale Medien ermöglichen Jugendlichen, sich mit Gleichaltrigen auszutauschen und gegenseitig Rückhalt zu geben. Eine Mehrheit der Teenager berichtet, dass Social Media ihnen hilft, sich akzeptiert zu fühlen (58 Prozent) und Menschen zu haben, die sie in schwierigen Zeiten unterstützen (67 Prozent).
- Selbstausdruck und Identitätsfindung: Jugendliche nutzen Social Media auch, um sich kreativ auszudrücken und ihre Persönlichkeit zu entfalten. Über Profilseiten, Posts und Videos können sie Interessen teilen, Feedback erhalten und so ihr Selbstwertgefühl stärken.
- Zugang zu Informationen und Hilfe: Über soziale Medien erhalten junge Leute Zugang zu vielfältigen Informationen, von Aufklärungsvideos zu mentaler Gesundheit bis hin zu Kontakten zu Beratungsstellen. Tatsächlich können soziale Medien als „Tor“ zu Hilfsangeboten dienen, indem sie z. B. psychische Online-Beratungen vermitteln oder Betroffenen die Hemmschwelle nehmen, professionelle Hilfe zu suchen. Während der COVID-19-Pandemie nutzten viele Jugendliche Instagram, WhatsApp & Co. als „soziale Zufluchtsstätten“, um trotz Isolation emotionalen Beistand zu finden.
Zusammenfassend lässt sich im Bereich psychische Gesundheit feststellen, dass Ausmaß und Art der Nutzung entscheidend sind. Moderate Social-Media-Aktivität kann durchaus positive Effekte wie gesteigertes Wohlbefinden durch soziale Unterstützung haben. Übermäßige oder suchtartige Nutzung hingegen erhöht das Risiko für Depression, Angst, Stress und andere Probleme deutlich. Experten fordern daher verstärkt Aufklärung und präventive Maßnahmen, um Jugendlichen einen gesunden Umgang mit sozialen Medien zu ermöglichen.
Sozialverhalten und zwischenmenschliche Beziehungen
Die virtuelle Vernetzung beeinflusst auch das Sozialverhalten junger Menschen. Auf der einen Seite erleichtern soziale Medien den Kontakt zu Freunden und Gleichgesinnten über Distanzen hinweg und bieten neue Formen der Gemeinschaft. Auf der anderen Seite können Phänomene wie Cybermobbing, sozialer Vergleich oder der Rückzug ins Digitale negative Folgen für zwischenmenschliche Beziehungen und die Persönlichkeitsentwicklung haben.
Chancen für das Sozialverhalten: Soziale Medien ermöglichen es Jugendlichen, freundschaftliche Beziehungen zu pflegen und sogar auszubauen. Über Chat, Kommentare und geteilte Inhalte bleiben sie tagtäglich in Verbindung, selbst wenn sie sich offline seltener sehen. Dies kann das Gemeinschaftsgefühl stärken. Viele Jugendliche finden online auch neue Freunde mit ähnlichen Interessen, die sie im eigenen Umfeld vielleicht nicht gefunden hätten. Auf diese Weise fördern Plattformen wie Instagram, TikTok oder Discord den Austausch unter Gleichaltrigen und das Entstehen von Communities (z.B für Nischen-Hobbys). Auch informieren sich junge Leute über aktuelle Themen vermehrt über Social Media und klassisches Fernsehen oder Zeitungen treten in den Hintergrund. Dadurch sind sie oft politisch interessiert und gesellschaftlich engagiert, weil sie z.B. Veranstaltungen online mitverfolgen und teilen.
Risiken und negative Folgen: Wo viele Menschen miteinander kommunizieren, treten leider auch Konflikte und negative Verhaltensweisen auf. Ein großes Problem ist das zunehmende Cybermobbing: Beleidigungen, Ausgrenzung oder Diffamierung via Internet können für Betroffene gravierende psychische Folgen haben. Laut der Südtiroler Jugendstudie 2022 sind bereits 35 Prozent der Jugendlichen von Mobbing (oft in digitaler Form) betroffen. Cybermobbing in sozialen Netzwerken wird als Risikofaktor für Depression und Suizidgedanken angesehen. Daneben fördert die ständige Präsenz der „perfekten“ Leben anderer auf Instagram und Co. einen sozialen Vergleichsdruck. Viele Jugendliche verspüren Angst, etwas zu verpassen (FOMO, fear of missing out) und setzen sich selbst unter Druck, mit den Online-Aktivitäten ihrer Peers Schritt zu halten. Dies kann zu Stress und dem Gefühl führen, ständig verfügbar sein zu müssen. Einige Jugendliche zeigen bei exzessiver Nutzung sogar einen Rückzug aus dem realen Sozialleben: Sie vernachlässigen Freundschaften und Familienzeit, um mehr online zu sein. Eltern berichten in solchen Fällen von verschlechterter Kommunikation in der Familie und Konflikten über die Bildschirmzeiten Schließlich besteht die Gefahr, dass Jugendliche auf Social Media mit unangemessenen Inhalten oder gefährlichen Personen in Kontakt kommen, was ohne entsprechende Medienkompetenz schwer zu erkennen und zu handhaben ist.
Bildung und schulische Leistungen
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist der Einfluss der Social-Media-Nutzung auf Bildungserfolg und Konzentration. Die Digitalisierung bietet Jugendlichen zwar neue Lernmöglichkeiten, doch exzessive Social-Media-Nutzung kann sich auch negativ auf die Schule und kognitive Entwicklung auswirken .
Negative Auswirkungen auf Aufmerksamkeit und Leistung: Mehrere Studien legen nahe, dass intensiver Social-Media-Konsum mit schwächeren schulischen Leistungen einhergehen kann. Eine aktuelle Untersuchung der Universität Mailand-Bicocca (2025) mit 6.000 Mittel- und Oberschülern ergab, dass Schüler, die bereits sehr früh (z.B. mit elf bis zwölf Jahren) ein Social-Media-Profil besitzen, in der Sprache und Mathematik deutlich schlechtere Ergebnisse erzielen als jene, die erst nach dem 14. Lebensjahr sozial vernetzt sind. Der Leistungsrückgang hängt demnach eher mit Social Media zusammen und weniger mit Chat-Apps oder Videospielen. Die Forscher führen dies darauf zurück, dass soziale Netzwerke allgegenwärtig und während der Hausaufgabenzeit sowie vor dem Schlafengehen leicht zugänglich sind. Wenn Jugendliche sich beim Lernen ständig von Instagram, TikTok & Co. ablenken lassen, leidet die Konzentrationsfähigkeit und sie verarbeiten Lehrstoffe weniger effektiv. Auch in Südtirol schlug eine Jugendbefragung Alarm: Social Media verdrängt dort oft klassische Freizeitbeschäftigungen wie Sport oder Lesen, was ebenfalls auf Kosten der schulischen Leistungsfähigkeit gehen kann. Experten beobachten zudem, dass Jugendliche unter dem Einfluss sozialer Medien verstärkt den gesellschaftlichen Erwartungen nacheifern wollen (z.B. in puncto Lifestyle oder Konsum), was zu zusätzlichem Druck und weniger Fokus auf die Schule führen kann.
Potenzielle positive Aspekte für das Lernen: Richtig eingesetzt, können soziale Medien auch Lernprozesse unterstützen. Über YouTube, Instagram oder spezialisierte Plattformen können sich Jugendliche Wissen aneignen, sei es durch Lernvideos, Tutorials oder den Austausch in Lerngruppen. In Südtirol gibt es beispielsweise Initiativen, die über Instagram und Facebook wissenschaftliche Inhalte für Jugendliche aufbereiten und so Interesse an MINT-Themen fördern. Viele Schulen und Bildungseinrichtungen nutzen geschlossene Facebook-Gruppen oder Messenger, um organisatorische Infos zu teilen oder Diskussionen anzuregen. Über Social Media können Schüler zudem kreative Projekte präsentieren (z. B. Kunst auf Instagram) und Feedback erhalten, was ihre Motivation steigern kann. Nicht zuletzt fördert der kritische Umgang mit Online-Informationen die Medien- und Informationskompetenz, eine Schlüsselqualifikation im 21. Jahrhundert.
Bildschirmzeit: Umfang und Empfehlungen
Nicht nur die Inhalte, auch der Zeitumfang der Mediennutzung spielt eine entscheidende Rolle. Für Kinder und Jugendliche gibt es medizinische Empfehlungen, dieses Pensum zu beschränken: Die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin rät etwa, zwölf bis 16-Jährige maximal ein bis zwei Stunden pro Tag vor dem Bildschirm zu verbringen. Jüngere Kinder zwischen neun und zwölf Jahren sollten demnach sogar höchstens 45 bis 60 Minuten täglich Medien konsumieren.
Die Realität sieht allerdings oft anders aus. Verschiedene Studien und Befragungen zeigen, dass die tatsächliche Bildschirmzeit heutiger Teenager weit über den Richtwerten liegt. In den USA ergab eine Untersuchung, dass Jugendliche im Schnitt fast neun Stunden pro Tag online sind und hierbei seien Zeiten für Schularbeiten noch nicht einmal mitgerechnet. Andere Erhebungen kommen auf durchschnittlich sieben bis acht Stunden täglicher Bildschirmnutzung. Etwa 51 Prozent der US-Teenager gaben an, mindestens vier Stunden pro Tag in sozialen Netzwerken zu verbringen und ältere Jugendliche (17-Jährige) kamen im Schnitt auf 5,8 Stunden täglich. Mädchen verbringen laut den Studien tendenziell noch mehr Zeit in Social Media als Jungen (~5,3 h vs. 4,4 h in einer Gallup-Studie).
Diese ausgedehnte Bildschirmzeit hat Auswirkungen auf den Alltag junger Menschen. Je mehr Stunden vor Displays verbracht werden, desto weniger Zeit bleibt für körperliche Aktivität, Hausaufgaben, Lesen oder Schlaf. Studien zeigen klare Zusammenhänge zwischen überhöhter Bildschirmzeit und Gesundheitsproblemen: Neben den bereits erwähnten psychischen Folgen wie Depression oder Angst begünstigt zu viel Medienkonsum Bewegungsmangel und damit verbunden auch Übergewicht. Besonders kritisch ist die nächtliche Smartphone-Nutzung, da sie den Schlaf verkürzt und durch das blaue Bildschirmlicht die Schlafqualität mindert. Eine WHO-Studie warnte, dass fortgesetzte problematische Social-Media-Nutzung die langfristige Entwicklung beeinträchtigen könnte, wenn etwa Schlafentzug und Stress die körperliche und geistige Gesundheit untergraben. Auch Schulabläufe leiden, wenn Jugendliche übermüdet zum Unterricht erscheinen. In einer amerikanischen Befragung berichteten viele Eltern, dass Social Media regelmäßig Hausaufgaben und Familienaktivitäten störe.
Um negative Folgen einzudämmen, empfehlen Experten und Ärzte, klare Regeln zur Bildschirmzeit einzuführen. Beispiele sind „bildschirmfreie Zeiten“ oder technische Hilfsmittel wie Zeitlimit-Apps. Wichtig ist auch, dass Eltern als Vorbilder fungieren.
Fluch und Segen zugleich
Einerseits eröffnen Plattformen beispiellose Möglichkeiten zur Vernetzung, Selbstverwirklichung und Informationsgewinnung. Andererseits bergen sie ernstzunehmende Risiken für die mentale Gesundheit, das Sozialleben und die schulische Leistung, vor allem wenn die Nutzung maßlos wird. Studien zeichnen ein deutliches Bild: Übermäßiger Social-Media-Konsum kann zu Depressionen, Angstzuständen, Mobbing-Erfahrungen und Leistungsabfall beitrage, während ein bewusster Umgang und moderate Nutzung positive Effekte wie soziale Unterstützung, Kreativitätsentfaltung und Wissenszuwachs ermöglichen. Entscheidend ist daher, Jugendliche medienmündig durch Aufklärung, Vorbilder und klaren Regeln zu machen.Â
Medienkompetenz-Programme, offene Gespräche über Online-Erlebnisse und technische Schutzmechanismen sind wichtige Bausteine, um jungen Menschen zu helfen, die Vorteile sozialer Medien zu nutzen, ohne unter die Räder zu kommen. Letztlich gilt: Die Jugend sollte die sozialen Medien beherrschen, nicht umgekehrt.Â






