von ih 27.10.2025 17:23 Uhr

„Für Sprache und Kultur muss man tagtäglich kämpfen“ – UT24-Exklusiv-Interview

Bei der Landesversammlung der Süd-Tiroler Freiheit am vergangenen Samstag war mit Koloman Brenner ein besonderer Gast aus Ungarn anwesend. Der Sprachwissenschaftler, Politiker und Vizepräsident des ungarischen Parlaments sprach dort über Minderheitenschutz, Autonomie und die politische Lage in seinem Heimatland. UT24 hat ihn in Bozen exklusiv zum Interview getroffen.

Koloman Brenner, Vizepräsident des Ungarischen Parlaments in Budapest und Angehöriger der Deutschen in Ungarn. - Foto: UT24

Vertreter der Deutschen in Ungarn über Südtirol

Koloman Brenner, Angehöriger der deutschen Minderheit in Ungarn, nahm am Samstag auf Einladung der Süd-Tiroler Freiheit an der diesjährigen Landesversammlung auf Schloss Maretsch teil. „Es ist für mich immer eine besondere Freude und Ehre, hier reden zu dürfen“, sagt er im Gespräch mit UT24. Bereits 2015 habe er bei einer Tagung in Südtirol über Autonomiemodelle referiert – ein Thema, das ihn bis heute begleitet.

„Ich vertrete die deutsche Minderheit in Ungarn auch persönlich. Und es ist mir wichtig, dass wir für die Autonomie der Völker einstehen“, so Brenner im UT24-Gespräch. Südtirol sei dabei ein vielbeachtetes Beispiel: „Auf der einen Seite ist es ein international hochgelobtes Modell, auf der anderen Seite sieht man, inwiefern dieses Modell auch unterwandert werden kann. Man muss für die eigene Sprache und Kultur tagtäglich kämpfen.“

Deutsch in Ungarn: Zwischen Schutz und Sprachverlust

In Ungarn, so Brenner, genieße die deutsche Minderheit einen vergleichsweise guten gesetzlichen Schutz. Bereits 1993 sei ein Minderheitengesetz verabschiedet worden, das Vertretern der Volksgruppen etwa einen Sitz im Parlament zusichert. „Der Vertreter der deutschen Minderheit sitzt mit vollem Mandat im ungarischen Parlament“, erklärte er gegenüber UT24. „Wir haben über 60 Institutionen in eigener Trägerschaft – Kindergärten, Schulen und so weiter.“

Gleichzeitig kämpfe die Gemeinschaft mit den Folgen der Nachkriegszeit. „Nach 1945 war Deutsch verboten. Jahrzehntelang konnte die Sprache nicht natürlich von Generation zu Generation weitergegeben werden“, sagt Brenner. „Dieser Sprachverlust ist zweifelsohne das größte Problem in Ungarn.“

Heute gebe es Bemühungen, die Sprache und Kultur zu revitalisieren. „Wir haben kleine, aber bescheidene Fortschritte erzielt“, betont Brenner. In den traditionellen Siedlungsgebieten der deutschen Minderheit – etwa im Raum Budapest und entlang der österreichischen Grenze – sei das Deutsche weiterhin sichtbar: zweisprachige Ortsschilder, Rundfunksendungen und kulturelle Vereine zeugen davon. „Auch wenn wir im Land zerstreut leben, ist das deutsche Element noch immer präsent“, so Brenner zu UT24.

Ungarn vor der Wahl: Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Orbán und Magyar

Ein weiteres Thema des Gesprächs mit UT24 war die ungarische Innenpolitik. Im Frühjahr 2026 steht eine Parlamentswahl an – und zum ersten Mal seit Jahren scheint Ministerpräsident Viktor Orbán ernsthafte Konkurrenz zu bekommen.

„Es ist ein Kopf-an-Kopf-Rennen“, sagt Brenner. Nach 15 Jahren Orbán-Regierung gebe es bei vielen Ungarn das Bedürfnis nach Veränderung. „Sehr viele Oppositionswähler vereinen sich jetzt hinter der neuen Partei von Péter Magyar. Es ist eine One-Man-Show ohne gefestigte Parteistrukturen, ideologisch nicht eindeutig zuzuordnen“, erläutert Brenner.

Zwar erkenne er als christlich-konservativer Politiker an, dass die Regierung Orbán in der Migrationsfrage klare Positionen vertrete, doch in anderen Bereichen gebe es Kritikpunkte. „Was Medienfreiheit und bürgerliche Demokratie betrifft, sehe ich Defizite“, sagt Brenner im UT24-Gespräch. „Ich bin in einem kommunistischen Einparteiensystem aufgewachsen und mag es nicht, wenn eine Partei 15 Jahre lang alles im Staat besetzt.“

Migrationspolitik: Breiter Konsens in der ungarischen Bevölkerung

Unabhängig vom Wahlausgang erwartet Koloman Brenner in der Migrationspolitik Ungarns keine großen Veränderungen. „Da gibt es einen sehr großen Konsens in der ungarischen Bevölkerung – das steht nicht zur Wahl, Gott sei Dank“, betont er auf Nachfrage von UT24.

Seine eigene Partei Jobbik habe bereits 2015 den Bau des Grenzzauns vorgeschlagen. „In der Migrationsfrage waren wir uns mit Herrn Orbán immer einig“, sagt Brenner. Eine mögliche Regierung unter Péter Magyar werde diesen Kurs voraussichtlich fortsetzen, ist er überzeugt.

Gleichzeitig kritisiert Brenner im UT24-Gespräch die europäische Politik gegenüber Ungarn. „Dass wir einen Teil der uns zustehenden EU-Gelder nicht bekommen, ist in meinen Augen zum Teil politisch motiviert. Aber manche Kritikpunkte – etwa Demokratieabbau oder Korruption – sind durchaus handfest“, räumt er ein.

Mehr Engagement der EU beim Minderheitenschutz gefordert

Zum Abschluss des Gesprächs mit UT24 richtet Brenner einen Appell an die Europäische Union: „Ich wünsche mir, dass die EU den Minderheitenschutz als Grundrecht in den sogenannten Kopenhagener Kriterien verankert“, so Brenner.

Bislang sei der Schutz nationaler Minderheiten nur im Europarat rechtlich geregelt – nicht aber auf EU-Ebene. „Es wäre wichtig, dass die EU selbst sagt: Wir erkennen die Bedeutung regionaler Sprachen und Identitäten als Kulturgut Europas an, das es zu schützen und zu bewahren gilt.“

  • UT24-Redakteur Hannes Innerhofer beim Interview mit Koloman Brenner.
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