Hände weg von Zweisprachigkeit & Proporz!

Was als scheinbar pragmatischer Vorschlag zur Behebung des Personalmangels im Gesundheits- und Sozialwesen daherkommt, ist in Wahrheit ein gefährlicher Frontalangriff auf die Säulen der Südtiroler Autonomie.
Urzì versucht, einen Betrugsfall rund um den Zweisprachigkeitsnachweis zum politischen Sprungbrett zu machen – und instrumentalisiert diesen Skandal, um die gesetzlich verankerten Minderheitenrechte infrage zu stellen. Doch der Skandal besteht nicht im System, sondern in dessen Missbrauch. Wer betrügt, begeht eine Straftat. Wer das System abschaffen will, weil es missbraucht wurde, stellt die Rechtsordnung auf den Kopf.
Wenn es nicht passt, wird die Autonomie infrage gestellt
Urzìs Gedankengang ist brandgefährlich: Weil in manchen Bereichen Personal fehlt, soll man also die Zweisprachigkeitspflicht lockern? Weil es schwierig ist, Bewerber zu finden, soll man die Proporzregelung aushebeln? Das ist nicht „pragmatisch“, das ist politische Bequemlichkeit auf Kosten der Minderheitenrechte.
Südtirols Autonomie basiert auf einem einfachen Prinzip: Gleichberechtigung durch Sprache. Die Pflicht, beide Landessprachen zu beherrschen, ist kein Selbstzweck, sondern Garant dafür, dass jeder Bürger – egal welcher Sprachgruppe – in Ämtern, Spitälern und sozialen Diensten in seiner Muttersprache verstanden und respektiert wird.
Wer hier „Ausnahmen“ fordert, rüttelt an diesem Fundament. Heute in der Sanität, morgen vielleicht in der Schule, übermorgen in der Verwaltung. Und irgendwann – das lehrt die Geschichte – steht nicht nur die Zweisprachigkeit zur Debatte, sondern die Autonomie selbst.
Minderheitenrechte sind in Stein gemeißelt
Es ist bezeichnend, dass ausgerechnet ein Vertreter des italienischen Nationalismus diese Forderung erhebt. Urzìs politische Agenda war nie die Stärkung der Autonomie, sondern stets ihre Relativierung. Hinter dem Ruf nach „Flexibilität“ steckt der alte Traum von einer einsprachigen Verwaltung, in der Minderheitenrechte zu freundlichen Empfehlungen verkommen.
Doch Zweisprachigkeit und Proporz sind keine Hemmnisse, sie sind Errungenschaften – hart erkämpft, rechtlich abgesichert und in Stein gemeißelt. Sie zu lockern hieße, das Vertrauen zu verspielen, das zwischen den Sprachgruppen über Jahrzehnte gewachsen ist.
Ein Blick zurück: Wie es war – und nie wieder sein darf
Wer heute über „Ausnahmen“ spricht, sollte sich erinnern, warum Zweisprachigkeit und Proporz überhaupt eingeführt wurden.
Vor der Autonomie gab es keine Gleichberechtigung. In Ämtern, Schulen und Spitälern herrschte Einsprachigkeit. Deutschsprachige Bürger wurden nicht verstanden, nicht bedient, nicht respektiert. Beamte kamen aus dem Süden, ohne ein Wort Deutsch zu kennen. Postbeamte, Lehrer, Richter, Polizisten – sie arbeiteten für ein Land, dessen Menschen sie sprachlich gar nicht erreichten.
Deutsche Ortsnamen verschwanden, deutschsprachige Schulen wurden geschlossen, deutschsprachige Südtiroler systematisch aus dem öffentlichen Dienst verdrängt.
Die Sprache – Träger von Identität, Kultur und Selbstwert – wurde zur Nebensache gemacht, zur Störung im Verwaltungsapparat.
Erst die hart erkämpften Rechte, allen voran Zweisprachigkeitspflicht und Proporz, schufen Gleichgewicht, Respekt und Teilhabe. Sie beendeten ein Kapitel der Ungerechtigkeit und machten Südtirol zu dem, was es heute ist: ein Modell des friedlichen Zusammenlebens.
Wer heute an diesen Säulen der Autonomie rüttelt, spielt mit dem Feuer – und riskiert, dass alte Gräben wieder aufbrechen.
Wenn also jemand ernsthaft glaubt, man könne den Fachkräftemangel lösen, indem man die Autonomie aushöhlt, dann ist nicht das System das Problem, sondern die politische Fantasie. Lösungen gibt es genug – sie heißen bessere Arbeitsbedingungen, gezielte Ausbildung, faire Löhne. Aber sicher nicht: „Zweisprachigkeit abschaffen.“
Jetzt ist nicht Zeit für Debatten – sondern für Haltung
Urzì meint: „Es ist Zeit, darüber zu sprechen.“ Viel eher ist es Zeit Haltung zu zeigen und sich entschieden gegen solche Forderungen zu stellen.
Wer in Südtirol arbeiten will, arbeitet für alle Südtiroler, nicht nur für eine Sprachgruppe. Und das bedeutet, beide Sprachen zu sprechen und die Gleichstellung der Sprachgruppen zu achten. Alles andere wäre ein Rückschritt in Zeiten, die wir längst überwunden glaubten.
Politik muss jetzt klare Kante zeigen
Es reicht nicht, den Kopf zu schütteln. Landesregierung, Landtag und Sozialpartner müssen Urzìs Vorstoß unmissverständlich zurückweisen – nicht irgendwann, sondern jetzt. Wer heute schweigt, ebnet morgen den Weg für jene, die die Autonomie scheibchenweise aushöhlen wollen.
Südtirol hat in mühsamen Jahrzehnten errungen, was heute selbstverständlich scheint. Zweisprachigkeit und Proporz sind die Säulen des Zusammenlebens. Wer daran rüttelt, gefährdet nicht nur ein Gesetz, sondern den Frieden in diesem Land.






