Südtirol Guest Pass im Kreuzfeuer: Fairer Beitrag oder verdeckte Pflicht?

Nach der hitzigen Debatte, entfacht auch durch unseren Artikel „Südtiroler zahlen, Touristen genießen„, wird deutlich: Der Südtirol Guest Pass bewegt die Gemüter weit über die Tourismusbranche hinaus. Was als nachhaltiges Vorzeigeprojekt gedacht war, steht plötzlich im Verdacht, soziale Schieflagen zu verfestigen. Touristen fahren vermeintlich „gratis“, während Einheimische für Bus und Bahn zahlen. Ist diese Kritik berechtigt? Und wie funktioniert die Finanzierung tatsächlich? Wir haben mit Lukas Varesco, Geschäftsführer von „Südtirols Süden“, und Anton Dalvai, Präsident von „Südtirols Süden“, gesprochen.
Herr Varesco, die Debatte um den Südtirol Guest Pass ist emotional aufgeladen. Wie nehmen Sie die aktuelle Stimmung rund um das Thema wahr – innerhalb der Tourismusbranche, aber auch in der breiten Bevölkerung?
Varesco: Zunächst gilt es zu verstehen, woher der Ärger kommt und warum das Thema auch aufgeladen wird. Südtirol ist ein wohlhabendes Land, aber dieser Reichtum kommt nicht überall an. Da drückt vor allem der Schuh. Die Gästekarte ist ein Instrument mit einem hehren Gedanken dahinter. Die Karte hat die Kraft, einiges an Verkehr von der Straße auf die Schiene zu verlagern und animiert den Gast bereits bei dessen Anreise, auf das eigene Verkehrsmittel zu verzichten. Damit entlastet man Straßen, schont die Umwelt und reduziert Stress. Leider wird die Diskussion unsauber geführt, denn der Gast fährt nicht kostenlos. Im Gegenteil, es werden zusätzliche Mittel generiert, um auch Verbindungen in die entlegensten Weiler oder die Potenzierung von bestehenden Linien zu fördern. Dies kommt vor allem auch dem Einheimischen zugute. Durch die Nutzung der Öffis durch die Gäste kann das Angebot stetig ausgebaut werden und dies kommt primär den Einheimischen zugute. Das Netz wird weiterhin kontinuierlich ausgebaut, anstatt „ausgedünnt“, wie es in manch anderen Bergregionen bereits der Fall ist.
In Medienberichten, sozialen Medien und Kommentaren wird immer öfter behauptet, der Guest Pass bevorzuge Touristen gegenüber Einheimischen, da Gäste beinahe "kostenlos" mitfahren, während Südtiroler im Verhältnis für die Fahrt mehr bezahlen. Wie begegnen Sie dieser Wahrnehmung?
Dalvai: Es gibt genügend Rechenbeispiele, die eine solche Benachteiligung durchaus logisch widerlegen. Der Südtirol Pass 365 deckelt beispielsweise den Preis für Einheimische für Öffis auf 250 € im Jahr. Damit bezahlt der Südtiroler auf den einzelnen Tag gerechnet für die Fahrt nicht mehr wie der Gast. Unsere Studenten und Rentner zahlen weniger. Die Gästekarte ist hingegen ab 14 Jahren fällig und kostet immer gleich viel.
Varesco: Die Gästekarte ist allerdings auch in Tourismuskreisen nicht unumstritten. In der Tat ist es nämlich auch richtig, dass ein Gast unabhängig seiner Nutzung die Karte zahlt. Es ginge auch gar nicht anders. Würde jeder Gast für diese vermeintlich wenigen Cent die Verkehrsmittel nutzen, würde das ganze System zusammenbrechen. Es funktioniert, weil eben nicht alle diese Karte nutzen. Und man darf auch Gebiete und Gästegruppen nicht pauschal miteinander vergleichen. In unserem Gebiet arbeiten viele Betriebe mit Business-Kunden oder Reisegruppen. Wir haben aber auch ganz entlegene Orte, die kaum mit öffentlichen Verkehrsmitteln erschlossen sind, und alle müssen unabhängig vom Bedarf einzahlen. Das einem Gast zu erklären, erfordert auch eine gewisse Sensibilität und Mut. Es geht um eine Überzeugung, dass diese Investition wichtig für die Nachhaltigkeit und ein Beitrag für eine lebenswerte Zukunft ist.
Im Beschluss Nr. 732/2022 ist vorgesehen, dass bei Nichterreichen einer 90-prozentigen Abdeckung der Nächtigungen mit dem Südtirol Guest Pass eine verpflichtende Nächtigungsabgabe für alle Beherbergungsbetriebe eingeführt werden kann – unabhängig von ihrer Zugehörigkeit zu einem Tourismusverein. Diese Zielsetzung scheint auch einen gewissen Druck aufzubauen: Selbst Betriebe, die vom Pass kaum profitieren – etwa wegen schwacher ÖPNV-Anbindung – geben ihn lieber aus, um mögliche verpflichtende Abgaben zu vermeiden, deren Höhe und Ausgestaltung ja noch nicht näher definiert ist. Würden Sie sagen, dass dieses System bewusst auf Anreiz durch „vorweggenommene Verpflichtung“ setzt? Und wie bewerten Sie die Fairness eines solchen Modells für Betriebe mit sehr unterschiedlicher Ausgangslage?
Varesco: Das meinte ich damit. Wir haben im Unterland die „Südtirols Süden Card“ eingeführt. Das war gar nicht so einfach, da viele Betriebe diese Karte nicht wollten und nicht brauchen und es zu einer Frage der Rentabilität wurde. Wir sind kein hochpreisiges Gebiet und die Gästekarte kommt somit als direkter Kostenbeitrag hinzu. Gleichzeitig erhöhte es ungemein den Druck auf die Tourismusorganisation selbst, denn die treuen Mitglieder müssen für die abtrünnigen Nichtmitglieder deren Beitrag aus der eigenen Brieftasche bezahlen. Als Tourismusorganisation glaubten wir allerdings an die Kraft dieses Paradeprodukts und seine Wichtigkeit für Südtirol. Hier hat das Land nämlich eine Vorreiterrolle eingenommen und ist vorausgegangen. Mit der Destinationskarte „Südtirols Süden“ wurde ein tolles Produkt für Gäste geschaffen und damit konnte auch die Attraktivität des Passes für Betriebe, die mit anfänglicher Skepsis dieser Karte gegenüberstanden, gesteigert werden. Es konnten durchaus schöne Erfolge und Verbesserungen erzielt werden.
Hat sich der Guest Pass aus Ihrer Sicht bislang als wirksames Instrument zur Förderung nachhaltiger Mobilität erwiesen – etwa durch eine messbare Reduktion des Individualverkehrs oder gestiegene Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel?
Varesco: Durchaus. Es ist ein ewiges Ringen, aber ja, dank der Gästekarte haben wir eine neue Ausgangssituation und in „Südtirols Süden“ bereits einige interessante und tolle Zusatzverbindungen ermöglichen können. Wir bleiben weiter am Ball, denn diese Verbesserungen kommen nicht nur dem Gast, sondern vor allem auch dem Einheimischen zugute. Hier liegt noch viel Arbeit vor uns und die Wunschliste für eine bessere Erreichbarkeit im Unterland ist lang. Neben einem guten Angebot, das die Grundlage ist, bedarf es auch einiges an Sensibilisierungsarbeit, dass der Gast auf das eigene Auto verzichtet. Wir haben mit dem Amt für Mobilität und dem Mobilitätskonsortium wirklich gute und starke Ansprechpartner. Die „Südtirols Süden Card“ beinhaltet allerdings nicht nur die Mobilität, sondern bietet interessante Zusatzleistungen in den Bereichen Freizeit, Kultur und Wein. Das war uns wichtig, denn hier konnten wir ganz viele lokale Leistungsträger mit ins Boot nehmen, diese fördern und stärken und dem Gast einen 360 Grad-Blick auf das schöne Tal bieten.
Viele Bürger nehmen positiv wahr, dass mittlerweile auch in entlegeneren Dörfern mehr Busse fahren – ein Effekt, der dem Guest Pass zugeschrieben wird. Wird dieser Nutzen für die lokale Bevölkerung in der Diskussion unterschätzt?
Varesco: Ich glaube, man erkennt generell schon die Wichtigkeit und den Mehrwert des Tourismus an. Es geht ja nicht nur um die Mobilität, sondern da hängt ja viel mehr dran. Und man sollte auch differenzieren. Gerade in touristisch unterentwickelten Gebieten wie dem Unterland braucht es diesen positiven Einfluss des Tourismus für die Belebung der Orte, die Stärkung des Handwerks, den Absatz von heimischen Produkten, die Frequenzen in den Geschäften oder Gaststätten. Es herrscht sogar eine gewisse Notwendigkeit, will man in Zukunft den Dorfladen oder das Gasthaus noch aufrechterhalten.
Wie transparent ist das gesamte Finanzierungsmodell des Guest Passes für die Betriebe und für die Bevölkerung? Gibt es aus Ihrer Sicht hier Aufholbedarf, um Vertrauen zu stärken?
Dalvai: Das Finanzierungsmodell basiert auf dem Modell der Umlagefinanzierung und ist nach sehr langen Verhandlungen zwischen den Touristikern und dem Amt für Mobilität festgelegt worden. Man kann gern von einer Win-Win Situation sprechen: die Mobilität bekommt gesichert einiges an Geld und die Betriebe können die Leistung zu einem fairen Preis beziehen.
Varesco: Man kann gerne darüber diskutieren, ob der Gast zu wenig oder zu viel zahlt. Nutzt er die Karte, ist es attraktiv, das Auto stehen zu lassen. Nutzt er sie nicht, ist es eine unliebsame Zusatzausgabe. Der Gast zahlt nicht nur die Gästekarte, sondern auch eine Ortstaxe. Die Gästekarte selbst sehe ich als ein Erfolgsmodell. Dass sie allerdings zu so viel Diskussion führt, war sicher nicht im Sinne des Erfinders. Wie bereits unterstrichen, hatten auch nicht alle Hoteliers eine Freude damit und haben sich im Sinne der Nachhaltigkeit überzeugen lassen, zumindest die allermeisten, und das war schon für Südtirol ein freudiges Ergebnis.
Können Sie sich vorstellen, dass der Guest Pass in Zukunft auch Einheimischen in einer gewissen Form zugänglich gemacht wird – etwa über Jahresmodelle oder solidarisch mitfinanzierte Varianten?
Dalvai: Es gibt bereits in einigen Orten sogenannte Bürgercards, von Touristikern ausgearbeitet, die zumindest die Teilhabe an den Zusatzangeboten und zu selben Bedingungen auch den Südtirolern ermöglicht. Hier fällt mir die myCard in Brixen ein. Die Mobilitätskosten sind ein anderes Thema. Wichtig ist es, dass sich die Menschen ernst genommen und nicht wie Bürger zweiter Klasse behandelt fühlen. Dann läuft nämlich etwas schief und muss korrigiert werden.
Wenn Sie ehrlich Bilanz ziehen: Welche Punkte am Guest-Pass-Modell würden Sie selbst als verbesserungswürdig einstufen – und welche Kritik ist aus Ihrer Sicht unberechtigt oder falsch verstanden?
Varesco: Die Pauschalisierung „Der Gast fährt gratis“ stört mich doch etwas. Als Tourismusorganisation stehen wir mittendrin. Wir möchten unsere Region nachhaltig und lebenswert weiterentwickeln und unser Auftrag ist es eigentlich, alle Produkte zuerst für den Einheimischen zu denken. Denn wenn es dem gut geht oder gefällt, kommt es auch wieder beim Gast an. Bei der Gästekarte bin ich mir momentan nicht so sicher. Ein tolles Produkt wird immer wieder schlechtgeredet und man ist laufend in Erklärungsnot – bei den Mitgliedern, in den Medien, bei der Bevölkerung. Ich würde mir eine sachliche und saubere Diskussion wünschen. Vielleicht gibt es auch Vorschläge für ein anderes System, wie immer das auch aussehen könnte. Aber Aussagen wie „tourists must pay“ sind doch sehr einfach und treffen in unterschiedlichen Gebieten auch auf unterschiedliches Verständnis.






