Alte Tirolensien neu gelesen (Teil 54)

Einleitung: Baukultur als Gedächtnislandschaft
Mit dem zu rezensierenden Werk widmet sich Bruno Mahlknecht der reichen, vielfach übersehenen Baugeschichte der Überetscher Marktgemeinde Kaltern. Dabei steht nicht allein die Architekturanalyse im Vordergrund, sondern die historische Funktion und soziale Bedeutung der adeligen Residenzen in Südtirols Süden. Der Autor verortet die dargestellten Objekte in einem überregionalen Kontext der tirolisch-habsburgischen Adelskultur, zugleich aber auch im lokalen Lebens- und Wirtschaftszusammenhang Kalterns.
Burgen und Burgruinen: Zeugnisse mittelalterlicher Machtverhältnisse
Den Auftakt bilden klassische Burganlagen wie Laimburg, Leuchtenburg und die Rottenburg, die nicht nur militärisch-strategische, sondern auch symbolische Bedeutung für die Region hatten. Besonders hervorzuheben ist die kritische Auseinandersetzung mit der sogenannten „Burg Altenburg“, deren Status als echte Burg von der Forschung angezweifelt wird. Mahlknecht beleuchtet deren archäologischen Befund wie auch die Mythenbildung um ihre Geschichte.
Schlösser und Wohntürme: Zwischen Repräsentation und Rückzug
Die Kapitel zu den Schlössern Kampan, Ringberg und Salegg machen deutlich, wie stark die Architektur des 16. bis 18. Jahrhunderts von Repräsentationsbedürfnissen des Landadels geprägt war. Gleichzeitig wird auf praktische Aspekte des ländlichen Herrensitzes eingegangen – Verwaltung, Landwirtschaft und Residenz waren eng miteinander verbunden. Die Darstellung der mittelalterlichen Wohntürme, etwa des Reinischturms oder der Türme in Pfuss und Unterplanitzing, ergänzt das Bild um Formen bürgerlich-adeliger Mischformen.
Ansitze: Der barocke Landadel und seine Welt
Den größten Abschnitt widmet Mahlknecht den zahlreichen Ansitzen, meist barocke oder frühneuzeitliche Residenzen mit einem hohen kulturhistorischen Wert. Namen wie Ebenheim, Greifenburg, von Mörl-Stefenelli oder Windegg stehen für alteingesessene Familien und deren soziale Rolle in Kaltern. Der Autor beleuchtet neben architektonischen Details auch genealogische Zusammenhänge und gibt Einblick in die oft verflochtenen Besitzverhältnisse der Adelsgeschlechter.
Anhang: Kontextualisierung und Vertiefung
Ein besonderer Verdienst des Bandes ist sein umfangreicher Anhang: Von einer begrifflichen Klärung der Begriffe Burg, Schloss und Ansitz über heraldische Studien zu Wappen und Siegeln bis hin zu einer Liste altansässiger Familien in Kaltern bietet der Band eine Vielzahl an Informationen, die nicht nur lokalhistorisch Interessierten, sondern auch Fachwissenschaftlern nützlich sein dürften. Die Abschnitte zu Pflegern, Richtern, dem „großen Zehent“ oder der Funktion des „Sindicus“ sind besonders instruktiv für die Alltags- und Verwaltungsgeschichte.
Fazit: Ein lokalhistorisches Standardwerk
Mahlknechts Buch Burgen, Schlösser und Ansitze in Kaltern ist mehr als ein Heimatbuch: Es ist ein fundiertes Werk zur Adelskultur einer spezifischen Landschaft Südtirols, das mit wissenschaftlicher Genauigkeit, aber verständlicher Sprache überzeugt. Die vielen Illustrationen und der klare Aufbau machen es zugleich zu einem wertvollen Begleiter für historisch interessierte Laien wie für Forscher. Es bietet ein fein gezeichnetes Bild vom Wandel der Adelssitze zwischen Macht, Repräsentation und privater Rückzugswelt. Ein Muss für Historiker mit Fokus auf Regional- und Adelsgeschichte, kulturinteressierte Besucher Südtiroler, Heimatforscher und genealogisch Interessierte, Denkmalpfleger und Architekturliebhaber.
Von Andreas Raffeiner
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Bruno Mahlknecht, Burgen, Schlösser und Ansitze in Kaltern, Brixen 2015.






