Schändung der Menschenwürde in Südtirol

Nach dem Trienter Folterprozess hatte sich die Nordtiroler Landesregierung – viel zu spät – dazu entschlossen, die ihr vorliegenden Folterbriefe an die Öffentlichkeit zu geben. Mit der Drucklegung unter einer „neutralen“ Herausgeberschaft wurde der Nordtiroler Landesarchivar und frühere Geschäftsführer des „Bergisel-Bundes“, Eduard Widmoser, beauftragt. Als Verfassername wurde das Pseudonym „Peter Mayr“, der Name eines Freiheitskämpfers von 1809, gewählt.
Die Herausgeber- und Verlegerschaft übernahm der Journalist Max Walla. Die Folter-Dokumentation wurde unter dem Titel „Schändung der Menschenwürde in Südtirol“ in der Schriftenreihe des „Mondseer Arbeitskreises“, Bd. Nr. 3, im Jahre 1964 gedruckt. Der „Mondseer Arbeitskreis“ war die gemeinsame Gründung Widmosers und Wallas und hatte den Zweck, auf überparteilicher und internationaler Ebene Informationsarbeit über Südtirol zu leisten. Von Südtiroler Seite gehörten ihm Abgeordneter Hans Dietl, Assessor Dr. Franz Wahlmüller und Senator Dr. Peter Brugger an.
Befehl zur Einstellung von ÖVP-Bundeskanzler Klaus
Kaum hatte die Ausgabe der Folterdokumentation begonnen, wurde sie auch schon wieder eingestellt. Von oben war die Order gekommen: „Halt! Kommando zurück!“ Die hohe Politik hatte eingegriffen. Es war dies die Zeit der ÖVP-Alleinregierung Klaus II mit dem mehr Mode- als Südtirol-bewussten Minister „des schönen Äußeren“, Dr. Lujo Toncic-Sorinj.
Diese Regierung strebte – mit einem ausgeboteten und grollenden Bruno Kreisky im Hintergrund – einen raschen Paketabschluss um jeden Preis an, nichts sollte dabei Rom verärgern, nichts dem Erfolg im Wege stehen, den man unmittelbar vor Augen zu haben glaubte.
Ab nun lagerten mehrere tausend Broschüren im Keller des von der Nordtiroler Landesregierung finanziell gestützten und politisch dirigierten „Bergisel-Bundes“ und wurden nicht mehr ausgegeben.
Peter Kienesberger, Oberösterreicher und Bergkamerad von Luis Amplatz, war in jenen Jahren dem Beispiel seines Freundes gefolgt und sein Mitstreiter im Südtiroler Freiheitskampf geworden. Er erinnert sich daran, wie er die politische Weisung von oben aushebelte:
Von offiziellen Vertretern des Landes Tirol zurückgehalten
„Eine der wirksamsten Werbeaktionen des Bergisel-Bundes war die Verteilung von Aufklärungsmaterial in mehreren Sprachen an dem Kassenschalter für die Besichtigung der Hofkirche und des darin befindlichen Grabmals Andreas Hofers in Innsbruck. Hans Plank, der die Kasse über Jahrzehnte führte, hat unzähligen Besuchern mit persönlichen Worten das Material in die Hände gedrückt. Er war auch ein treuer Freund des Südtiroler Freiheitskämpfers Georg Klotz.
Im Jahre 1964 habe ich etliche Exemplare der Folterbroschüre erhalten, auch im Büro des Bergisel-Bundes holte ich mir Nachschub. Die Broschüre wurde damals auch an Politiker und Journalisten versandt. Im Laufe des Jahres erfuhr ich zuerst von Plank, daß er keine Exemplare mehr bekomme, weil „von oben“ der Weitervertrieb eingestellt worden sei. Der Geschäftsführer des Bergisel-Bundes war zu diesem Zeitpunkt der höhere Landesbeamte Hofrat Dr. Erich Enthofer, damit stand der Bergisel-Bund unter der indirekten Kontrolle und Leitung durch das Land Tirol. Das Büro des Bergisel-Bundes leitete der Angestellte Karl Leipert, der zwischen seiner guten Einstellung und der Loyalität zum Arbeitgeber und wohl auch der Angst um den Arbeitsplatz hin und her gerissen wurde. Meine Versuche, von ihm direkt im Büro eine größere Stückzahl zu bekommen, scheiterten. Es gab immer nur ein Einzelstück.
Selbst als der Grazer Südtirolprozeß herannahte und wir Angeklagten Exemplare zur Verteilung an das Gericht, die Journalisten und die Geschworenen erbaten, wagte Leipert es nicht, uns welche zu geben. Er sagte, die Weisung zur „Bunkerung“ der Broschüren sei von dem Osttiroler Nationalratsabgeordneten Franz Kranebitter in dessen Eigenschaft als Obmann des Bergisel-Bundes gekommen.
Auch der Herausgeber der Broschüre, Max Walla, den ich 1964 und 1965 mehrmals traf, war darüber empört, daß tausende Exemplare im Keller des Bergisel-Bundes ungenutzt als Makulatur und Altpapier lagerten. 1966 oder Anfang 1967 kam eine neue junge Mitarbeiterin zum Bergisel-Bund, die eine sehr gute Einstellung besaß und mit der ich persönlich eine gute Gesprächsbasis hatte. Es gelang mir, sie zu überreden – sie riskierte natürlich ihre Entlassung – den Keller des Bergisel-Bundes zu plündern, in den ohnedies nie jemand hineinschaute.
In einer Nacht- und Nebel-Aktion haben dann einige Freunde und ich die tausend Exemplare, die schon leicht feucht waren und vor sich hinmoderten, in 10er-Packungen abgeholt. Ich sorgte dafür, daß alle namhaften Politiker und Journalisten sowie eine Reihe aufrichtiger Freunde Südtirols ein Exemplar bekamen. So hatte auch ich meinen Anteil daran, einen Teil der Schweigemauer niedergerissen zu haben. Dann mußte ich erfahren, daß der Rest der Broschüren eingestampft zu werden drohte.
Auf eigene Kosten neu aufgelegt
Später wurde sogar versucht, eine Neuauflage der Folterdokumentation zu verhindern. Im Jahre 1977 wollte ich nach Verbrauch der abgehobelten Exemplare einen Nachdruck organisieren. Ich schrieb dazu Dr. Widmoser an, mit dem ich in den Sechzigerjahren immer sehr gut gewesen war, und fragte ihn, ob er wüßte, wer das Vorhaben allenfalls mitfinanzieren würde und ob ich ihn jetzt als Verfasser – anstelle des Pseudonyms „Peter Mayr“ – nennen dürfe.
Ich bekam von ihm keine Antwort. Es meldete sich aber der Anwalt der Nordtiroler Landesregierung, dessen Name mir entfallen ist, und teilte mir im Namen von Widmoser mit, daß er den Nachdruck untersage und ich mit gerichtlichen Schritten bei Zuwiderhandeln rechnen müsse.
Ich habe daraufhin Widmoser, von dem ich menschlich schwer enttäuscht war, und nicht dem Anwalt geantwortet. Ich habe ihm geschrieben, daß ich mich schon von Herzen auf den Prozeß freue, in welchem der ehemalige Bergisel-Bund-Chef dem Peter Kienesberger verbiete, die Folteruntersuchungen seiner Kameraden an die Öffentlichkeit zu bringen. Ich erwähnte unter anderen auch Anton Gostner, der wegen der Entgegennahme von Bergisel-Bund-Geldern inhaftiert, gefoltert und zu Tode gekommen war. Der leichtfertige Umgang Widmosers mit Geldüberweisungen von Innsbruck nach Bozen war nämlich die Ursache der Inhaftierung Gostners gewesen. Ich habe nie mehr etwas von Widmoser oder dem erwähnten Anwalt gehört!
Die Ursachen für dieses unverständliche Verhalten der Landesregierung sind mir nicht bekannt. Ich kann mir deren Handlungsweise nur dadurch erklären, daß man ein schlechtes Gewissen hatte und durch eine Neuauflage der Folterbroschüre die Auslösung einer Diskussion über die politischen Hintergründe der jahrelangen Unterdrückung der Dokumentation fürchtete.
Ich habe dann die Folterbroschüre auf eigene Kosten neu aufgelegt und es sind in der Folge an die 60.000 Exemplare an die Leser gelangt!“
(Peter Kienesberger, Gedächtnisprotokoll, August 2008)
Der obige Auszug stammt aus dem Buch „Für die Heimat kein Opfer zu schwer“ von Dr. Helmut Golowitsch.
Golowitsch, Helmut: Für die Heimat kein Opfer zu schwer. Folter-Tod-Erniedrigung. Südtirol 1961-1969. Edition Südtiroler Zeitgeschichte: Deutschland: Druckerei Brunner. 2009. ISBN: 978-3-941682-00-9.






