von gk 02.02.2025 13:23 Uhr

Die Folterung Sepp Kerschbaumers und seine verheimlichten Briefe

Am 15. Juli 1961 wurde der Gründer und Kopf des Befreiungsausschusses Südtirol (BAS), der Frangarter Gemischtwarenhändler und Kleinbauer Sepp Kerschbaumer, verhaftet und in die Carabinierikaserne von Eppan gebracht. Dort kam er in die Hände des Leutnants Luigi Vilardo. Der ebenfalls verhaftete Josef Fontana aus Neumarkt im Unterland wurde Sepp Kerschbaumer zwei Tage später gegenübergestellt. Was er sah, war „ein Mensch in seiner tiefsten Erniedrigung.“

Sepp Kerschbaumer wurde aus seiner Familie gerissen. Vor ihm lagen Folter, Haft und Tod (Bild: Effekt Verlag).

Sepp Kerschbaumer hat das, was mit ihm geschehen war, am 1. September 1961 in einem Brief an den Landeshauptmann Dr. Magnago geschildert. Dieser Brief hatte regulär die Zensur durchlaufen, denn er trägt den Zensurstempel des Gefängnisses. Sein Inhalt war daher den italienischen Behörden bekannt und es gab daher keinen Grund für Magnago, ihn aus „Rücksichtnahme“ auf seinen Absender geheim zu halten. Der Brief findet sich heute in den SVP-Akten im Südtiroler Landesarchiv.

Bozen, den 1. 9. 1961

Lieber Herr Doktor.

Es ist wohl an der Zeit, daß ich endlich auch einmal Ihnen genau erzähle, was man so alles in den ersten 7 Tagen beim Verhör, ausgeführt von den Carabinieri in Eppan erlebt hat. Eines muß ich vorwegnehmen. Wohl die wenigsten von uns hätten sich je im Traum einfallen lassen, daß es möglich wäre, daß die verhörenden Organe mit uns in so brutaler und in vielen Fällen offensichtlich so gehässiger Form umgehen würden. Möchte Ihnen somit, so gut ich eben noch alles in Erinnerung habe, ein Bild von den unvergesslichen Erlebnissen machen, von dem, was ich an mir selbst erlebt habe, und was ich bei anderen Landsleuten mit ansehen mußte.

  • Martin Koch aus Bozen und Sepp Kerschbaumer sind verhaftet worden und werden nun eingeliefert (Bild: Effekt Verlag).

Mein erstes und das schlimmste Verhör, machte ich von meiner Gefangenname an das war von Samstag 15. 7. früh 7 Uhr, mit ein paar Stunden Unterbrechung bis zirka 3–4 Uhr Früh des Sonntags.

Dauernd die Hände hoch halten das war das allgemeine Mittel, dem wohl vielleicht die wenigsten entgangen sein dürften. Und auf die Dauer von 15–16 Stunden die ich immer mit den Händen in der Höhe (viele andere mußten diese eine der argsten Schikanen noch viel länger durchmachen) stehen mußte, wurde ich auch noch von den anwesenden Carabinieri, mitunter auch vom Herrn Leutnant der Carabinieristation selbst, mit schweren Ohrfeigen, Faustschlägen in den Rücken und in die Brust bedacht.

Als dies alles nichts fruchtete wurde ich in den unteren Raum geführt wo man an mir noch die bekannte „casetta“ ausprobieren wollte.

Nachdem aber bereits schwerwiegendes Material gegen mich bei den Carabinieri vorlag und ich aus der Tageszeitung Tags zuvor ersehen mußte, daß im Oberland schon viel aufgerollt war, gab ich das Schweigen auf. Nun mußte ich mich ja darauf gefaßt (machen), nachdem Ihnen klar wurde, daß ich alleinherrlich wissen mußte, daß ich nun für die nächsten Tage auch nicht das beste zu erwarten hatte. So ging es auch wie ich befürchtet hatte, die ersten 4 Tage und Nächte durch (Die ersten zwei Tage auch ohne Essen und Trinken.) und mit wenig Schlaf. Zudem die dauernde Drohung mit neuerlichen Schikanen.

Was ich bei anderen Kameraden sehen mußte, war einfach furchtbar. In 3 Fällen hatte ich die Betreffenden einfach nicht mehr erkannt, und erkannte sie erst wieder, als sie mir ihren Namen sagten. Das so lange stehen – Hände hoch, die vielen Schläge, zum Teil auch mit einem Eisen, Fußtritten in die Schienbeine und dergleichen alle diese Mißhandlungen, machten viele Kameraden unkenntlich.

Was die bekannte „casetta“ anbelangt, wurde der Betreffende mit nacktem Körper auf dem Rücken liegend (die Kiste war zirka 40 x 60 mit dem offenen Teil oberauf) auf die Kiste gelegt, was an sich schon schmerzlich allein sein muß, und wurde ihnen dann noch Salzwasser oder weiß Gott was das war eingeschüttet.

Was ich selbst oft erlebte, war das ausgesprochen gemeine Verhalten in Bezug auf das, was einem an Gemeinheiten und Vorwürfen ins Gesicht geschleudert wurde und dies alles geschah im Namen der Freiheit und der Demokratie.

Mit den besten Grüßen

Sepp Kerschbaumer

(Wörtliche Wiedergabe des Originalbriefes. SVP-Archivalien, Landesarchiv Bozen)

  • Folterbrief von Sepp Kerschbaumer (Bild: Effekt Verlag).

SVP behielt Schreiben unter Verschluss

Dieser Bericht trägt den Zensurstempel des Gefängnisses. Den italienischen Behörden war somit der Hilfeschrei Kerschbaumers bekannt, sie wussten nun, dass Kerschbaumer die politische Vertretung der Südtiroler um Hilfe angerufen hatte. Die spätere Dauerausrede der Parteispitze der SVP, wonach man derartige Berichte nicht an die Öffentlichkeit hätte bringen dürfen, um den Häftlingen nicht zu schaden, ist in diesem Fall wie in einer Anzahl weiterer Fälle ad absurdum geführt.

Wer sich hochoffiziell bei seiner politischen Vertretung beschwert, wünscht wohl kaum, dass diese dann die Beschwerde unter der Decke hält. Magnago, der „liebe Herr Doktor“, der das Schreiben Kerschbaumers Anfang September erhielt, ging damit nicht in die Öffentlichkeit, sondern beerdigte es in den SVP-Akten. Es galt wohl, die politische Gesprächsbasis auf der „inneritalienischen Schiene“ mit Mario Scelba nicht zu zerstören, dem obersten Vorgesetzten der Folterer.

Drei Tage später verfasste Kerschbaumer zur Sicherheit ein zweites Schreiben, welches keinen Adressaten trug und aus dem Gefängnis hinaus geschmuggelt wurde. Offenbar war Kerschbaumer nicht davon überzeugt gewesen, dass sein erstes Schreiben die Zensur passieren würde:

Der 2. Brief Sepp Kerschbaumers

Gefängnis Bozen, 4. September 1961

Schildere hier die Mißhandlungen, die ich beim Verhör durch die Karabinieri von Eppan und dort selbst erleiden mußte. Sofort nach der Verhaftung am 15. Juli 1961 als ich in der Frühe um 6–7 Uhr in die Kaserne eingeliefert wurde, wurden an mich verschiedene Fragen gestellt die ich verneinte. Daraufhin wurde ich in ein anderes Lokal geführt, wo ich sofort mit Hände hoch stehen mußte, in dieser Position mußte ich von 7 Uhr früh bis 2 Uhr Nachmittag, um welche Zeit ich dann bis 6 Uhr Abends in die Zelle gesperrt wurde. Dann ging es wieder von 6 Uhr Abends bis 3 Uhr in der Früh gleich wie zuvor. So mußte ich im ganzen 16 Stunden mit erhobenen Händen stehen. Als ich die Arme nicht mehr ganz in die Höhe halten konnte, riß man sie mir wieder empor, zu alledem wurde ich in dieser Zeit immer wieder im Gesicht in der Brust und am Rücken mit der flachen Hand oder den Fäusten geschlagen, zudem wurde ich immer wieder auf das gemeinste verspottet, nicht nur ich, sondern besonders auch unser ganzes Volk samt Führung, in der letzten Zeit der Mißhandlung war ich so mit meinen Kräften danieder, daß ich mich nur mehr mit der größten Mühe aufrecht erhalten konnte. Ich schwitzte und zitterte am ganzen Leibe und war so erschöpft, daß ich nur mehr einen Wunsch hatte, nämlich zu sterben. Als ich den Karabinieri sagte, sie sollen mich frisch umbringen, wurden sie erst recht brutal.

Beim späteren Verhör wurde mir immer wieder mit der Streckbank gedroht. Dies entspricht alles der reinen Wahrheit und ich kann es gar nicht so schrecklich schildern, wie es in Wirklichkeit sich alles zugetragen hat.

Sepp Kerschbaumer, geb. am 9. 11. 1913 in Frangart

(Wörtliche Wiedergabe des Originalbriefes. SVP-Archivalien, Landesarchiv Bozen)

Auch dieser Brief war ein keineswegs geheim zu haltender Hilfeschrei

Wie es den allein Gelassenen und ihren Familien erging, schildert in sehr berührender Weise Astrid Kofler:

„In zwei, drei Tagen und Nächten sind die Männer andere geworden. Bei ihrem Anblick war jeder Vorwurf, der den Frauen auf den Lippen stand, wie weggewischt. Die Frauen hatten auch zu ertragen, dass ihre Männer gefoltert worden waren. Wenn sie den Brief liest, in dem ihr Mann die Folter beschreibt, sagt eine Häftlingsfrau, kommt ihr jetzt noch das Entsetzen, nach über 40 Jahren, nach hundertmal Lesen. Sepp Kerschbaumer, so erzählt seine älteste Tochter, die ihn als erste sehen durfte, ‚hat nur geweint‘.“

(Astrid Kofler: „Zersprengtes Leben“, Edition Raetia 2003, S. 45f)

Der obige Auszug stammt aus dem Buch „Für die Heimat kein Opfer zu schwer“ von Dr. Helmut Golowitsch.

Golowitsch, Helmut: Für die Heimat kein Opfer zu schwer. Folter-Tod-Erniedrigung. Südtirol 1961-1969. Edition Südtiroler Zeitgeschichte: Deutschland: Druckerei Brunner. 2009. ISBN: 978-3-941682-00-9

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