von gk 24.06.2024 15:12 Uhr

„Verflucht sei die Mutter, die dich geboren“

Am 17. Juli 1961 hatte das Verhängnis auch Tramin erreicht. Der 31-jährige Bauernsohn Alois Gutmann vom Maratscherhof in Söll oberhalb Tramin wurde verhaftet und in der Carabinierikaserne in Eppan furchtbar geschunden, wobei sich die Folterer lachend auf einen Freibrief ihres Innenministers Scelba beriefen. In einem aus dem Gefängnis herausgeschmuggelten Brief schilderte Luis Gutmann, was ihm in der Carabinierikaserne widerfahren war.

Luis Gutmann (ganz links im Bild) wurde mit seinen Kameraden (nach dem Carabiniere von links nach rechts) Sigmund Roner, Otto Petermair, Franz Riegler und vielen anderen Leidensgenossen in Mailand vor Gericht gestellt (Bild: Effekt Verlag).

Bozen Gefängnis 18.11.1961
Verhörs Methoden bei den Carabinieri von Eppan 1961.

Ich wurde am 17.7.1961 um 5h Abends in Tramin verhaftet u. sogleich nach Eppan gebracht woh Oberleutnant Villardo die Verhöre durchführte oder besser gesagt leitete. In Eppan mit dem Auto angekommen, als ich ausstieg wurde ich, ohne Wissen um was es sich handelte, wie ein Fußball durch Fausthiebe u. Schuhtritte durch einen schmalen Gang in ein Zimmer oder besser gesagt Follterkammer gestosen, dort mußte ich auf Haptachtstellung u. mit erhobenen Händen mitten im Zimmer stehen u. unaufhörlich schlug man mir von allenseiten mit Fäuste auf Kopf u. Oberkörper u. Schuhtritte an Füßen u. Oberschenkel, das ging eine schöne Zeit so weiter bis sie mir endlich gesagt haben was man von mir will.

Als ich nur flüchtig oder garnichts anwortete u. ihnen damit zu verstehen gab daß ich bei solchen Vorgängen überhaupt nicht sprechen werden, machte man mich gleich nackt ausziehen und dann schlug man mit aller Gewalt auf mich los, es war fast unerträglich, man beschimpfte u. bespottete mich sowie unsere Nationalität auf so einer brutalen u. mörderischenweise, das ich es nicht getraue niederzuschreiben. Es werden so zk. zwei Stunden vergangen sein bis man mich endlich das erste mal bewußtlos niederschlug. Wie lange ich dann auf dem Boden lag weiß ich nicht, als ich wieder zu mir kam, befand ich mich mitten in einer Wasserlache, wahrscheinlich hat man mich mit kaltem Wasser übergossen um mich aufzuwecken. Andere waren mit meinem Kopf beschäftigt, in den man mir eine Säure in Mund u. Nase goß. Andere haben mir durch starke Fußtritte auf Oberschenkel und Beine gewaltige Hiebe vesetzt. Der ganze Körper sowie Mund Hals u. Nase schmerzten mich so, als hätte ich alles eine Brandwunde.

 

  • Folterbrief von Luis Gutmann. Die Nummer 21 am Beginn des Briefes bedeutet, dass ihn die SVP als 21. eingelangten Folterbrief registriert hatte (Bild: Effekt Verlag).

Als man mich aufforderte aufzustehen u. ich nicht imstande war riß man mich mit Gewalt auf ich mußte Hosen u. Jacke anziehen u. ihnen nachgehen, nur mit harter Mühe mich an Mauer u. Geländer stützend vermochte ich ihrer Aufforderung zu volgen, mit harter Mühe in ein anderes Zimmer angelangt, mußte ich aus zk. 10cm Entfernung in eine sehr starke elektrische Lampe schauen. Nach einer halben Stunde zk. wurde mir ein Mann vorgestellt den ich wirklich nicht kannte! Darauf schleppte man mich wieder in die alte Folterkammer dort wurde ich wieder nackt ausgezogen u. es hagelte wieder unaufhörlich Fausthiebe ins Gesicht auf den Kopf u. Oberleib sowie Fußtritte woh man nur dazukam, bis ich wider bewußtlos zu Boden fiel. Als ich nach einiger Zeit wider zu mir kahm, fühlte ich wieder wie man mir Säure immer die selbe wie oben genannt in den Mund u. Nase goß man zog mich dann nackt auf dem großen Bretterboden umher so daß ich eine große Wunde am linken Oberschenkel davontrug, man zog mich an meinen Kopfhaaren, man spuckte mich ahn.

Ich habe sie mit der wenigen Kraft die ich noch hatte gebeten, man möge mich gleich umbringen, dann wäre ich wenigstens von aller Qual erlöst, man spottete mich dabei aus u. sagte mich lachendem Gesicht das würde mir gefallen, das machen wir ganz langsam. Ob ich nicht gehört hätte das man mit uns tun kann was sie wollen, u. sie hätten (Carta bianca). Das haben sie mir nicht nur einmal gesagt. Ich glaubte es sei die letzte Stunde für mich. Ich schämte mich den Augenblick als Mensch gebohren worden zu sein. Mann riß mich wieder vom Boden auf, ich konnte mich nur mit ganz harter Mühe auf den Füßen halten. Die gemeinsten und prutalsten Schimpfwörter warf man mir wider ins Gesicht, wie (Ccruchi) ihr verfluchten Deutschen u. verflucht sei die Mutter, die dich gebohren, auch von allen anderen, u. noch vieles andere. Auf einmal verspührte ich einen sehr starken Schlag auf meiner linken Brustseite, ich weis nicht mit was man mir den Schlag zufügte, ich taumelte abermals zu Boden u. weiß wider eine schöne Zeit lang nichts mehr, als ich wider zu mir kahm ging es erst richtig los.

Man hob mich immer noch nackt auf einen Tisch woh eine Kiste oder besser gesagt Holzkoffer stand hinauf u. dort legte man mich auf den Rücken nieder sodaß Kopf u. Füße nach unten hingen. Von Zeit zu Zeit reckte man mich so, daß ich vor Schmerz fast verzweifelt bin u. dazu noch das Gefühl hatte, man würde mich mitten entzwei reisen. Immer wieder in derselben Position u. nackt goß mir einer wider die selbe Flüssigkeit bzw. Säure in Mund u. Nase, so das ich mich am Erstickungstode nahe fühlte. Nicht genug damit! Andere machten sich über mein Geschlechtsteil her, rißen mir Haar aus dort, zogen an meinem Geschlechtsglied u. machten sich darüber lustig u. ich hörte dabei wider die menschunmöglichsten Wörter fallen, das alles trotzdem ich nur mehr röcheln konnte vor Erschöpftheit. Es ist fast unmöglich das alles in Worten niederzuschreiben wie es einer fühlte.

Das alles hat zk. 6-7 Stunden ununterbrochen gedauert. Ich war so zugerichtet das ich halb von Sinnen wahr u. auch mein Todesurteil unterschrieben hätte falls man mir das vorgelegt hätte. Kurz gesagt ich wahr am Ende meiner Kräfte. Nachher schlaflose Nächte immer wider Drohungen, Verhöhre am laufenden Band ich wurde immer wider gerufen wenn sie einen neuen brachten u. mußte ihm sagen er müsse sprechen sonnst geht es ihm wie mir u.  mußte erzählen wie es mir ergangen ist.

Meinen Ortskameraden Albin Zwerger kannte ich nicht mehr als ich ihn sah. So war auch er zugerichtet. Ich wurde dann, Wochen nach dem ich ins Bozner Gefängnis eingeliefert wurde, nach ärztlicher Untersuchung u. Feststellung von starken schmerzen und vermutlich einen Rippenbruch ins Gefängnisspital von Trient überführt und untersucht. Ich mußte in Trient sagen woh ich mir das getan habe u. somit weiß ich heute noch nichts von Ergebnis. Wahrscheinlich negativ??

So hat man mich u. viele andere meiner Kameraden u. Leidensgenossen verhört. Mit Faust u. Schuhiebe, Foltertisch, Säuere, schlaflose Nächte u. stundenlanges stehen u. viel anderes noch. Das wahren die Methoden von solchen die ihm Jahre 1961 für Freiheit u. Menschenrechte ihren Tron behaupten wollen. Ich habe meine Mißhandlungen vor Gericht zur Anzeige gebracht.
Ich stehe zu allen was hier im Brief steht jederzeit gerade! Ich bin bereit das hier nidergeschriebene unter Eid zu bestetigen.

Alois Gutmann

In den Akten des Referates „S“ der Nordtiroler Landesregierung in Innsbruck findet sich eine maschinschriftliche Kopie eines weiteren undatierten Folterbriefes von Luis Gutmann mit dem handschriftlichen Vermerk „Original auf Klosettpapier aus dem Gefängnis“. Das Original war wahrscheinlich an Außenminister Dr. Kreisky weitergeschickt worden.

Dieser Brief gibt im Wesentlichen die obig geschilderten Qualen wider, ergänzt diese jedoch noch durch die Schilderung, wie sein erbärmlicher Anblick und sein Zustand dazu benützt wurden, andere Häftlinge einzuschüchtern und geständnisreif zu machen:

„Nun warf man mich vom Tisch herunter und setzte mich auf einen Stuhl. Kurz darauf führte man mir Kerschbaumer vor, der mir sagte ich müßte reden, sonst brächten sie mich noch um. Darauf fragte ich was ich überhaupt sagen sollte? Und wie er mir dann erzählte: Hätte ich dann durch weitere Mißhandlungen etwas gestanden. Ich selbst erinnere mich dessen nicht mehr.“

Auch die folgenden Tage und Nächte in Eppan waren noch ein Albtraum:

„Immer wieder wurde ich gerufen, wenn wieder ein neuer Häftling ankam. Ich mußte diesen nur erzählen, wie es mir ergangen war, was ich mitmachen mußte, ich mußte sie auffordern zu sprechen, ansonsten erginge es ihnen wie mir. Acht bis zehn Namen weiß ich heute noch genau, denen ich das sagen mußte, und ich sagte es ihnen auch, teils aus Erschöpfung und teils aus Angst das nochmal mitmachen zu müssen, was ich mitgemacht habe und hätte man mir das Todesurteil vorgehalten, ich hätte auch dies unterschrieben.. Auf diese Weise kam es durch völlige Willenslosigkeit und in den Todesängsten zu meinen Geständnissen.“

 

 

Der obige Auszug stammt aus dem Buch „Für die Heimat kein Opfer zu schwer“ von Dr. Helmut Golowitsch.

Golowitsch, Helmut: Für die Heimat kein Opfer zu schwer. Folter-Tod-Erniedrigung. Südtirol 1961-1969. Edition Südtiroler Zeitgeschichte: Deutschland: Druckerei Brunner. 2009. ISBN: 978-3-941682-00-9

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