von red 22.03.2022 18:12 Uhr

UT24 fragt nach – Heute bei RFS-Obfrau Gudrun Kofler

Seit einiger Zeit steht die gebürtige Kurtatscherin Gudrun Kofler dem Ring Freiheitlicher Studenten (RFS) als Obfrau vor. Zudem studiert die zweifache Mutter in Innsbruck Germanistik und Rechtswissenschaften. Im Interview mit UT24 spricht Kofler über die Herausforderungen, die ihr vielseitiges und abwechslungsreiches Leben mit sich bringt, die gegenwärtige Situation der Studenten, den „Wunderbegriff“ Nachhaltigkeit, Ethik-Kommissionen in Forschungsbereichen, das „lebenslange Lernen“ und vieles mehr.

LAbg. Gudrun Kofler (Foto: Alois Endl)

UnserTirol24: Frau Kofler, Sie wurden vor kurzer Zeit zur Obfrau des Rings Freiheitlicher Studenten im Vaterland Österreich gewählt. Herzlichen Glückwunsch dazu! Können Sie uns bitte einen Blick in Ihren Alltag gewähren und Ihre Arbeitsfelder und Tätigkeiten, mit denen Sie täglich konfrontiert werden, grob umreißen?

Gudrun Kofler: Vielen Dank! Im Moment bin ich mit meinem Team beschäftigt, eine professionelle Struktur aufzubauen, die es uns ermöglicht, den Ring Freiheitlicher Studenten nachhaltiger und effizienter aufzubauen. Der Fokus liegt auch darauf, wie wir es schaffen können, unsere Themen präsenter und öffentlichkeitswirksam zu platzieren. Im Moment stecken wir sehr viel Arbeit in die Vereinstätigkeit. Als Obfrau koordiniere ich die einzelnen Arbeitsfelder und bin in ständiger Absprache mit den Referenten. Dazu beantworte ich Presseanfragen und versuche, möglichst viel präsent zu sein – an der Uni und für die Studenten.

UT24: Sie studieren in Innsbruck Germanistik und Rechtswissenschaften, engagieren sich politisch, gehen einer Arbeit nach und sind Mutter von zwei Kindern. Wie bringen Sie Studium, Kinderbetreuung und Arbeit unter einen Hut, wenn Lehrveranstaltungen gekoppelt mit Kinderbetreuungsangeboten zeitlich mitunter unflexibel sind? Ist das eine Frage des guten Willens oder des viel zitierten Zeitmanagements?

Kofler: Es ist wirkliche eine große Herausforderung, all die genannten Bereiche unter einen Hut zu bekommen. Das setzt, wie Sie richtig erkannt haben, ein gutes Zeitmanagement voraus. Koordinative Aufgaben liegen mir, sodass ich es bisher gut geschafft habe, all das bewerkstelligen zu können. Aber kein Mensch der Welt kann das alles alleine schaffen. Deshalb bin ich sehr froh, im Beruflichen, Privaten und Studentischen Personen um mich herum zu haben, die mich unterstützen und dadurch auch entlasten. Den Gemeinschaftsgedanken, den ich seit jeher in privaten und beruflichen Bereichen lebe, möchte ich auch auf die neue Herausforderung, die RFS-Obmannschaft, projizieren. Nur gemeinsam kann man etwas erreichen.

UT24: Zum Universitätsleben: Wie wichtig sind die Studienvertretungen überhaupt? Wie kann den vielseitigen Interessen und Belangen der Studenten effektiver und vor allem nachhaltiger ein Ohr geschenkt werden?

Kofler: Die Arbeit der Studienvertretung ist eine sehr wichtige, welche leider oft vernachlässigt wird. Man kann auf vielen Ebenen eine sinnvolle Arbeit in der Vertretung von Studenten verrichten. Angefangen mit den Vertretungen der einzelnen Studienfächer. Hier sind wir innerhalb der Tiroler Landesgruppe gut aufgestellt. Wir haben engagierte Studienvertreter in unseren Reihen – vor allem in den linksdominierten Fächern der Geistes- und Sozialwissenschaften –, die die Belange der Studenten ernst nehmen und Lösungen finden. Es ist dabei wichtig, immer ein Ohr bei den Studenten und den wirklichen Problemen zu haben. Diese Erfahrungen helfen uns dabei zu erkennen, welche Herausforderungen und Schwierigkeiten die Studenten wirklich beschäftigt. Diese diskutieren wir dann im RFS. Die Basisarbeit ist deshalb unfassbar wichtig. Um die vielseitigen Interessen und Belange der Studenten verstehen zu können, muss man an der Basis ansetzen. Wir hören hier zu.

Foto: Christofer Ranzmaier

UT24: Oder ist hier das Wort „Nachhaltigkeit“, da vielerorts missbraucht, ein medial zu ausgelutschter Begriff?

Kofler: Es ist schon so, dass der Begriff „Nachhaltigkeit“ nur mehr zu einer Floskel geworden ist. Was Menschen darunter verstehen ist sehr divers. Für uns bedeutet Nachhaltigkeit die Möglichkeit, Strukturen zu schaffen, von denen alle profitieren und auch der Blick in die Zukunft eine wichtige Rolle einnehmen muss. Wir leisten hochschulpolitische Arbeit nicht nur für uns selbst, sondern auch für künftige Generationen. Eben weil wir Prinzipien haben. Diese gehen den politischen Mitbewerbern oft ab.

UT24: Aus welchem Grund und in welchen Forschungsbereichen, die Verantwortung mit sich bringen, sind Ethik-Kommissionen realistisch? Oder sind das, je nach Tagespolitik, Forderungen, die keinesfalls umsetzbar und beinahe aus der Luft gegriffen sind?

Kofler: Ethik-Kommissionen sind eine wichtige Instanz, wenn es um bedeutende ethisch-moralische Fragen geht, welche einen großen Eingriff in das persönliche Leben haben. Beste Beispiele sind medizinische Fragestellungen, wie etwa jene der Impfpflicht.

UT24: In fast allen Studiengängen gibt es eine Studieneingangsphase. Nach außen wird das als Orientierungshilfe angesehen. Sehen Sie das auch so oder stellt diese ein Hindernis am Anfang des Studiums dar oder gar eine Legitimation für K.o.-Prüfungen?

Kofler: Die Studieneingangsphase wird in den einzelnen Studiengängen sehr unterschiedlich gehandhabt. In einigen Studienbereichen wird diese Phase tatsächlich der Orientierung und Findung gewidmet. Anderenfalls dient sie oftmals nur zur Druckerzeugung. Das heißt: Student XY muss die Lehrveranstaltungen XY positiv abschließen, damit er weiterstudieren kann. Das verfehlt meiner Meinung nach aber den Kern einer Orientierungsphase. Hier bedarf es einer echten personellen Betreuung und Unterstützung, auch einer didaktischen Aufbereitung. Zudem ist es wichtig, dass der Übergang von Schule zu tertiärer Bildung professionell begleitet und aufbereitet wird. Das ist in Österreich absolut nicht gegeben. Hier gibt es viel Handlungsbedarf.

Gudrun Kofler – Foto: Christofer Ranzmaier

UT24: Vielerorts heißt es, dass heutzutage ein Studium systematisch krank macht und dass die studentische Wirklichkeit dafür sorgt, Leistungsdruck, strukturell gefördertes Konkurrenzdenken und beabsichtigte Stresssituationen zu kreieren. Können Sie das bestätigen?

Kofler: Studenten müssen heutzutage sehr viel leisten und koordinieren. Das beginnt schon dabei, dass ein reiner Fokus auf das Studium aus finanzieller Sicht nahezu unmöglich geworden ist. Nur wenige Studenten haben das Glück, über ausreichend finanzielle Mittel zu verfügen, um sich nur um das Studium kümmern zu können.

Die meisten Studenten müssen Nebenjobs annehmen, um die immer steigenden Mietpreise in den Städten und steigende Lebenserhaltungskosten decken zu können. Allein dies produziert schon ungemein viel negativen Stress. Hinzu kommt der Druck im Studium selbst. Wir leben in einer Leistungsgesellschaft: Wer nicht liefert, verliert. Was für das Arbeitsleben gilt, gilt auch für das Studium. Wir unterstützen diesen Gedanken grundsätzlich, dass Leistung auch etwas wert sein muss und soll. Aber leider werden Studenten vielfach als privilegierte Bürger kategorisiert und den Problemen und Herausforderungen dahinter, widmet man sich zu selten. Gerade in den vergangenen Lockdown-Semestern hat sich gezeigt, wie psychisch belastend ein Studium bzw. die Situation darum (finanziell, wohn- und arbeitsbedingt) sein kann.

UT24: Ist die akademische Welt ein Beweis dafür, dass die heutige Wirtschaft nur devote und hörige Ausbeutungsobjekte generiert haben möchte?

Kofler: Das würde ich so nicht sagen. Sicherlich ist es so, dass die Wirtschaft möglichst schnell ausgebildete Personen haben will, die dann für wenig Geld Jobs erledigen können. Aber die Wirtschaft ist ein großes Feld und nicht alle Firmen agieren gleich. Es ist demnach wichtig, dafür zu sorgen, dass wir alle ein Einkommen haben und gut leben können. Da sind Wirtschaft, Politik und Gesellschaft gleichermaßen gefordert.

UT24: Oft werden die Universitäten mit dem Vorwurf konfrontiert, dass eigene Meinungen kaum gefragt oder dass sie linkslastig seien. Andersdenkende werden ignoriert und verfallen in einen ungewollten Reaktionismus. Wie bedeutend ist es, stets den Blick über den Tellerrand zu wagen, andere und neue Denkweisen zu tolerieren und aufzunehmen?

Kofler: Beschleunigt durch die 1968er-Bewegung kam es dazu, dass die Hochschulen immer mehr zu Orten gelebter Ideologie wurden. Es bildete sich ein Kern von reaktionären Studenten, welche heute die Meinungshoheit für sich beanspruchen. Das sieht man besonders an der Arbeit in den ÖH-Gremien. Das ist viel mehr ideologische Projektarbeit als studentische Vertretung.

Wir sehen diese Entwicklung sehr kritisch, waren die Hochschulen im 19. Jahrhundert doch Orte der Vielfalt und wahre Motoren für demokratische Entwicklungen. Leider wurden diese Prinzipien großteils aufgegeben. Gerade deshalb MUSS man sich in diesem Bereich unserer Meinung nach auch engagieren. Man darf den Linken dieses Feld keinesfalls kampflos überlassen. An den Hochschulen wird nicht nur um die Deutungshoheit gerungen, sondern sie sind auch Ausbildungsstätten für künftige Lehrer und Pädagogen sowie Journalisten. Alles Bereiche, in denen unsere Gesinnungsgemeinschaft ins Hintertreffen geraten ist. Es ist längst Zeit für eine Gegenbewegung.

Foto: Christofer Ranzmaier

UT24: Dürfen sich Universitäten und Fachhochschulen auch gesellschaftspolitischer Fragestellungen annehmen oder sollen sie nur ein Ort des Wissenstransfers nach Lehrbüchern und des strengen Abfragens von Wissen verkörpern?

Kofler: Aus unserer Sicht sollten gerade die Hochschulen Orte des Austausches und der Diskussion sein. Wissenschaft setzt Diskurs voraus. Studieren ist keine Aneignung von Fakten und Wiedergabe in Prüfungen. Das Studium ist ein wichtiger Lebensraum, gerade für junge Menschen. Hier entwickelt man sich persönlich weiter. Deshalb ist es so wichtig, gesellschaftspolitischen Fragestellungen Platz zu gewähren. Nur so entwickeln wir uns weiter.

UT24: Wer lernt zu lernen, zeichnet sich durch seine Flexibilität und den Mut aus, mit Herausforderungen umzugehen. Zudem bekommt man durch das Lernen das nötige Rüstzeug, Problemstellungen methodisch anzugehen und autonom lösen zu können. Wieso ist es wichtig, immer zu lernen, auch wenn es hie und da Fehler und Rückschläge gibt?

Kofler: Wie man aus diesen einleitenden Worten schon gut erkennen konnte, ist Lernen ein lebensnotwendiger Prozess.

Der Mensch entwickelt sich im Laufe seines Lebens immer fort. Gerade der Begriff des „lebenslangen Lernens“ kommt immer mehr in den Fokus der wissenschaftlichen Auseinandersetzung. Im Leben sind wir mit unterschiedlichen Herausforderungen konfrontiert. Um diese bewältigen zu können, brauchen wir ein geeignetes Rüstzeug. Dieses erwerben wir aus Lernprozessen. Diese können positiv und negativ ausfallen. Aber aus jeder Erfahrung heraus, lernen wir etwas für die Zukunft.

UT24: Was raten Sie jenen Zeitgenossen, die sich schwer tun, ihre vorhandenen Fähigkeiten zu stärken, weiterzuentwickeln und neue zu entdecken und ihre individuelle Lage im sozialen und beruflichen Kontext möglichkeits- und lösungsorientiert zu reflektieren?

Kofler: Man sollte sich zuerst darüber Gedanken machen, was man kann und was einen auszeichnet. Welche Fähigkeiten besitze ich? Welche Stärken habe ich? Was kann ich besonders gut? Was zeichnet mich aus? Das sind Fragen, die sich jede Person stellen muss. Denn daran kann man ansetzen Strategien zu entwickeln, die dazu führen, dass man sich neu orientiert und aufstellt. In uns allen stecken viele Ressourcen, die oftmals nicht wahrgenommen werden.

UT24: Eine private Schlussfrage: Frau Kofler, als Enkelin des Freiheitskämpfers Georg Klotz und Nichte der langjährigen Landtagsabgeordneten Eva Klotz haben Sie Heimat, Traditionen und Geschichte in ihrer DNA. Können Sie auch einmal für einen Tag unpolitisch sein?

Kofler: Das ist eine sehr spannende Frage und die Antwort lautet: Nein. (zwinkert) Im Grunde ist ja alles politisch, was rundherum um uns passiert. Wenn es jetzt nur um Parteipolitik geht – ja, da kann man schon mal für einen Tag abschalten, aber Politik an sich ist nichts, was man weg- oder ablegen kann. Wenn man ein politischer Mensch ist, wie ich es bin, dann macht man sich ja ständig Gedanken um die Entwicklungen, verfolgt aktuelle Berichterstattung und gräbt mancherorts auch tiefer, als vielleicht andere, die nicht in der Politik tätig sind oder sich nicht so dafür interessieren. Das ist aber eine Wahl, die man trifft und so lebt man auch. Man interessiert sich eben besonders für den Lauf der Dinge, will sich mit manchem nicht abfinden oder zufriedengeben und möchte sich daher auch selbst aktiv einbringen. Für mich bringen der persönliche Einsatz und das Wissen, nicht untätig zu sein, sehr viel Freiheit mit sich.

Interview: Andreas Raffeiner

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