
Lukas Steinwandter
Wer von Eigenverantwortung spricht, muss sie auch gewähren

Südtirols Landeshauptmann Arno Kompatscher wandte sich am gestrigen Samstag im Namen der Landesregierung mit einem Appell an die Bürger dieses Landes. Darin lobte der SVP-Politiker die „gemeinsame Anstrengung und Disziplin“ und forderte seine Landsleute auf, „die geltenden Regeln zu respektieren und auch andere dabei zu unterstützen“. Denn jetzt, wo die Infektionszahlen wieder stiegen, „befinden wir uns wieder in einem entscheidenden Moment“.
Kompatscher lobte zurecht die Eigenverantwortung der Südtiroler. Diese bewirke langfristig mehr als Verbote. Das ist korrekt und nebenbei beschneidet eine solche Herangehensweise die Freiheit weniger krass. Doch wieso behandelt uns dann der Landeshauptmann wie Kinder?
„Halten wir zusammen, schauen wir aufeinander und respektieren wir in gegenseitigem Respekt (sic!) die Regeln“, schreibt Kompatscher. So spricht auch ein Grundschullehrer, der sich mit seiner Klasse zum nächsten Weiler aufmacht, um Bäume zu pflanzen. „Abstand halten, Hygiene beachten und Alltagsmaske tragen ist nicht schwierig“, stellt der Landeshauptmann klar. Die Lehrerin hätte gesagt: Haltet euch an die Regeln, Kinder, sie sind wirklich nicht schwierig.
Den Appell ließ Kompatscher nicht nur in den Tageszeitungen abdrucken, er schickte ihn auch an die Bürgermeister und Vereine. Im beiliegenden Anschreiben benutzte er das sogenannte Gender-Sternchen („Bürger*innen“, „Südtiroler*innen“). Dabei handelt es sich um eine Erfindung postmoderner Mannsweiber, die die Gesellschaft schlussendlich zum Nachteil aller Geschlechter, also Frauen und Männer, verändern wollen.
Die Gesellschaft für deutsche Sprache lehnte diese Schreibweise kürzlich ab mit der Begründung: „Bei seiner Verwendung entstehen nicht nur grammatisch falsche Formen (z. B. Arzt*in oder Ärzt*in), auch den Regeln der deutschen Rechtschreibung entspricht das Sternchen nicht.“ Auch andere vergleichbare Ausdrucksmittel wie der Gender-Unterstrich, der Gender-Doppelpunkt oder der Gender-Mediopunkt seien „mit den amtlichen Regeln der deutschen Rechtschreibung nicht vereinbar“.
Zurück zu Corona und Südtirol: Es war im Frühjahr verständlich, harte Maßnahmen zu ergreifen, um gegen die damals unbekannte Pandemie vorzugehen. Löblich ist auch, dass Südtirol einen leicht anderen, weniger radikalen Weg einschlug. Heute sind wir aber weiter. Noch nie in der Geschichte konnte die globale Ausbreitung eines Virus praktisch live mitverfolgt werden. Noch nie konnten so viele Daten erhoben werden.
Wir wissen, wer zu den Risikogruppen gehört und wer nicht. Wir wissen, dass das Virus Gott sei Dank nicht so tödlich ist, wie einige Experten zunächst vermutet hatten. Wir wissen aus anderen Ländern, wie das gewohnte Leben einigermaßen normal weitergehen kann, ohne dass Corona alles zugrunde richtet.
In der Goethe-Stadt Weimar in Thüringen fand vor kurzem der „Zwiebelmarkt“ statt. Innerhalb von fünf Tagen besuchten ihn laut Angaben der Stadt rund 75.000 Menschen. Das Besondere: Der sogenannte Inzidenzwert, also die Anzahl der Infizierten pro 100.000 Einwohner, stieg danach nicht an.
Der Oberbürgermeister gab zwar an, dies habe auch mit „ganz viel Glück“ zu tun gehabt. Vermutlich hing der gute Ausgang aber auch mit dem Hygienekonzept und der Eigenverantwortung der Besucher sowie Geschäftsleuten und Gastronomen zusammen. Letztere hätten „ein riesen Interesse daran, dass das funktioniert, die machen auch selber mit“.
Wer so vollmundig von Eigenverantwortung spricht wie der Landeshauptmann, der muss den Bürgern auch die Möglichkeit zur Eigenverantwortung geben. Wer zur Risikogruppe gehört, bleibt Feiern in geschlossenen Räumen aus eigenen Stücken fern. Wer als junger Bursche die Sau raus ließ und möglicherweise infiziert ist, ohne Symptome zu haben (so wie bei vielen), der wird aus Liebe seinen Großeltern erstmal nicht mehr zu nahe kommen. Wer aber Feiern beschränkt, Restaurants zwangsweise schließt und die Wirtschaft verängstigt, der sollte wenigstens zugeben, dass er den Leuten nicht traut und lieber hart durchreguliert.
Wer andere wie Kinder behandelt, darf sich am Ende nicht wundern, wenn er als streng dreinblickender Zuchtmeister mit der Rute in der erhobenen Hand wahrgenommen wird. Vor allem, wenn er Teil einer grün-weiß-roten Schlendrian-Organisation ist, die in der Corona-Krise, aber auch schon lange davor, keine bella figura gemacht hat.
Lukas Steinwandter, Jg. 1990, der Journalist aus dem Hochpustertal arbeitet als Redakteur bei der Berliner Wochenzeitung Junge Freiheit.




