„Pädagogisch grotesk“: Lehrer-Warnung trifft Südtirols Schuldebatte

35 Jahre hat Gmür als Primarlehrerin unterrichtet. In einem von der Weltwoche veröffentlichten Leserbrief beschreibt sie, dass bei vielen Kindern nach der zweiten Grundschulklasse Lesen, Textverständnis, Wortschatz und Satzbau noch nicht gefestigt seien. Ausgerechnet dann Frühfranzösisch einzuführen, nennt sie „pädagogisch grotesk“. Ihre Frage: „Wer baut schon einen Balkon an ein Haus, dessen Wände noch feucht sind?“
Auch das politische Versprechen vom nationalen Zusammenhalt überzeugt sie nicht. Ein Drittklässler halte die Schweiz nicht zusammen, weil er französische Grußformeln beherrsche. Ihre Botschaft: Unterrichtszeit ist begrenzt. Kinder brauchen tragfähige Grundlagen – keine überfrachteten Stundenpläne im Dienst politischer Wunschbilder.
Die Grünen wollen gemeinsam auf Deutsch und Italienisch unterrichten
In Südtirol setzen sich insbesondere die Grünen um Brigitte Foppa für eine zweisprachige Schule ein, in der Kinder gemeinsam auf Deutsch und Italienisch unterrichtet werden. Die Unterrichtsfächer sollen gleichmäßig auf beide Sprachen aufgeteilt werden. Foppa kritisierte das bestehende System als „starres Trennungssystem“; die Grünen forderten eine Anpassung an die „modernen Zeiten“.
Das klingt nach Aufbruch. Doch eine Schule wird nicht dadurch besser, dass man sie als moderner verkauft. Und die deutsche Schule wird nicht dadurch zum Auslaufmodell, dass man ihre Eigenständigkeit als Trennung bezeichnet. Gmürs Kritik am Frühfranzösisch ist zwar kein wissenschaftliches Urteil über Südtirols Schulmodelle. Ihre Kernfrage bleibt aber unbequem: Wie viel zusätzliche sprachliche Anforderung verträgt ein Kind, dessen Grundlagen noch nicht gefestigt sind?
Die deutsche Schule liefert Ergebnisse
Gerade in Südtirol lohnt sich der Blick auf die Leistungen: Bei PISA 2022 lagen die deutschsprachigen Schüler in allen drei untersuchten Bereichen – Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften – vor den italienischsprachigen und ladinischen Schülern des Landes. In Mathematik und Naturwissenschaften schnitten sie zudem deutlich über dem OECD-Durchschnitt ab.
Diese Ergebnisse erklären nicht allein, warum ein Schulsystem erfolgreich ist. Sie widersprechen aber dem Bild einer überholten deutschen Schule, die erst durch einen Wechsel des Sprachmodells zukunftsfähig werden müsste. Wer Veränderungen fordert, muss sich an diesen Leistungen messen lassen. Ein politisches Bekenntnis zur Mehrsprachigkeit ersetzt keinen Nachweis besserer Bildung.
Guter Italienischunterricht gehört selbstverständlich dazu. Dafür muss Deutsch als tragende Unterrichtssprache jedoch nicht zurückgedrängt werden.
Die Büchse der Pandora
Für eine sprachliche Minderheit steht außerdem mehr auf dem Spiel als die Organisation des Stundenplans. Wird die eigenständige deutsche Schule zunehmend als überholtes Trennungsmodell behandelt, kann daraus langfristig politischer Druck entstehen, sie immer weiter durch gemischtsprachige Angebote zu ersetzen. Darin liegt die Gefahr einer Büchse der Pandora: Was zunächst als Erweiterung beginnt, könnte die muttersprachliche Schule schleichend zur rechtfertigungsbedürftigen Ausnahme machen.
Dabei gibt es bereits genügend Aufgaben: Die deutsche Schule wird von Kindern aus italienischsprachigen Familien und Zuwandererfamilien geflutet, denen oft die nötigen Deutschkenntnisse fehlen. Deren sprachliche Voraussetzungen müssen rechtzeitig festgestellt und Defizite bereits im Vorschulalter gezielt aufgearbeitet werden. Die politische Forderung muss deshalb lauten: Fehlen die notwendigen Deutschkenntnisse, sollte ein verpflichtendes Sprachförderjahr vor dem Eintritt in die erste Klasse vorgesehen werden. Alternativ sollte der Besuch der italienischen Schule infrage kommen, sofern das Kind deren Unterrichtssprache ausreichend beherrscht. Dafür wären die entsprechenden rechtlichen Voraussetzungen zu schaffen. Das Ziel muss sein, dass Kinder beim Schuleintritt dem Unterricht folgen können. Dafür müssen Bildungspolitik und Eltern frühzeitig Verantwortung übernehmen.
Es darf nicht zur selbstverständlichen Aufgabe einer ganzen Klasse werden, Versäumnisse der sprachlichen Vorbereitung aufzufangen. Auch deutschsprachige Kinder haben Anspruch auf Lernfortschritt und einen Unterricht, der sie fordert. Ihr Lerntempo und ihre Förderung dürfen nicht zur Verfügungsmasse werden. Südtirol braucht deshalb klare Prioritäten: Deutschkenntnisse rechtzeitig aufbauen, die muttersprachliche Schule stärken und ihren Bildungsauftrag sichern. Für gesellschaftspolitische Experimente ist die Bildungszeit unserer Kinder zu kostbar.






