von mmh 21.09.2026 16:15 Uhr

100 Jahre Bozner Bergsteigerlied: „Wahre Heimatliebe lässt sich nicht verbieten“

Es ist die inoffizielle Hymne Südtirols, und sie entstand unter dem Druck der Zensur: Vor genau 100 Jahren, im Sommer 1926, schuf der Dichter Karl Felderer auf dem Ritten das Bozner Bergsteigerlied. Zum Jubiläum erinnert der Südtiroler Heimatbund (SHB) an die historische Bedeutung des Liedes und an seinen Schöpfer, den der SHB 1982 zum Ehrenmitglied ernannte.

Felderer Gedenktafel (Bild: SHB)

Das Lied, das in einer seiner Zeilen weltbekannt ist, gilt heute als inoffizielle Hymne Südtirols. Seine Entstehung ist laut SHB-Obmann Roland Lang untrennbar mit dem dunkelsten Kapitel der Südtiroler Geschichte des 20. Jahrhunderts verbunden, nämlich mit der Hochphase des italienischen Faschismus unter Benito Mussolini.

Das fehlende Wort

Wer den Text aufmerksam liest, findet das Wort „Südtirol“ darin nicht. Das war laut SHB kein Zufall. Im Zuge der rigorosen Italianisierungspolitik war der Name „Südtirol“, ebenso wie „Deutsch-Südtirol“, streng verboten und unter Strafe gestellt. Der Verzicht auf den Namen war deshalb notwendig, um der harten Zensur der faschistischen Behörden zu entgehen. Der SHB verweist außerdem darauf, dass im Text von schwerem Leid die Rede ist.

Eine Umschreibung, die jeder verstand

Um seine Heimat dennoch zu besingen, wählte Felderer eine geografische Umschreibung. „Statt den verbotenen Namen zu nennen, grenzte er die Region durch unverkennbare Fixpunkte ab: vom Ursprung des Flusses Eisack im Norden über die Festung Sigmundskron bis hin zur Salurner Klause, der historischen Sprachgrenze im Süden“, erklärt Lang. Jeder Einheimische habe sofort gewusst, welches Land gemeint war. Für die faschistischen Zensoren dagegen habe der Text wie ein harmloses, unpolitisches Wanderlied über eine schöne Bergregion gewirkt.

Ehrungen und Erinnerung

Für den SHB haben das Lied und sein Schöpfer einen besonderen Stellenwert. Am 4. April 1982 wurde Karl Felderer bei der 8. Bundesversammlung des SHB in Würdigung seiner Verdienste zum Ehrenmitglied ernannt. Bereits 1978 hatte er die Verdienstmedaille des Landes Tirol erhalten.

Zum Jubiläum hat die AVS-Ortsstelle Ritten die historische Schau „100 Jahre große weite Welt“ am Bahnhofsplatz in Klobenstein organisiert. Sie dokumentiert die Entstehung des Liedes im Sommer 1926 auf dem Ritten und zeigt historische Bilder und Texte aus dem Nachlass Felderers. Der SHB hebt außerdem lobend hervor, dass die Schützenkompanie Ritten 1988 beim Gasthaus Weber in Moos eine Erinnerungstafel anbrachte.

Lang: „Wahre Heimatliebe lässt sich nicht verbieten“

Zum Jubiläum betont Lang die zeitlose Botschaft des Liedes: „Karl Felderer hat mit dem Bozner Bergsteigerlied ein Meisterwerk des friedlichen Widerstands und der gelebten Heimatliebe geschaffen. In einer Zeit, in der unsere Muttersprache, unsere Kultur und selbst der Name unserer Heimat ausgelöscht werden sollten, hat er den Südtirolern eine Stimme gegeben. Dass das Wort ‚Südtirol‘ im Text nicht vorkommt, zeigt die ganze Härte der damaligen Diktatur, und gleichzeitig die Klugheit unseres Volkes, das sich seine Identität nicht nehmen ließ.“

Wenn man das Lied heute, 100 Jahre später, singe, dann nicht nur aus Freude an den Bergen, sondern auch in tiefer Dankbarkeit für jene Generationen, die die Heimat durch schwerste Zeiten getragen haben, so Lang weiter. Felderer bleibe durch sein Werk unvergessen. Als Ehrenmitglied des SHB habe er ein Vermächtnis hinterlassen, das man mit Stolz und Verantwortung in die Zukunft trage. „Das Bozner Bergsteigerlied zeigt uns: Wahre Heimatliebe lässt sich nicht verbieten.“

Der SHB ruft dazu auf, das Jubiläum zum Anlass zu nehmen, sich der eigenen Wurzeln und der Geschichte des Liedes bewusst zu werden. „Es ist mehr als nur Volksgut, es ist ein gesungenes Dokument des Südtiroler Überlebenswillens“, schließt Lang.

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