von Alexander Wurzer 20.07.2026 18:27 Uhr

Die Bombe von 1966: Trug der Justizpalast eine alte Wunde in sich?

Als in der vergangenen Woche am frühen Morgen die tragenden Pfeiler des Bozner Justizpalastes einknickten und der Mitteltrakt über mehrere Stockwerke in sich zusammenbrach, dachten selbst erfahrene Einsatzkräfte zunächst an eine Bombe. Zu gewaltig war der Knall, zu verheerend das Bild, das sich hinter der noch stehenden monumentalen Fassade auftat.

Die Techniker und die Berufsfeuerwehr der Landesagentur für Bevölkerungsschutz arbeiten ununterbrochen daran, die Sicherheit im Bereich um das teilweise eingestürzte Gerichtsgebäude in Bozen zu gewährleisten. (Foto: LPA/Agentur für Bevölkerungsschutz)

Eine aktuelle Explosion wurde rasch ausgeschlossen. Doch der erste Gedanke war historisch keineswegs abwegig. Denn knapp 60 Jahre zuvor war im Inneren desselben Gebäudes tatsächlich eine Bombe detoniert.

Der Anschlag vom 3. August 1966

Die Bombe war in einem Schrank versteckt worden, der sich in einem Gang des Gerichtsgebäudes befand. Das geht eindeutig aus dem stenografischen Protokoll der italienischen Abgeordnetenkammer hervor. Innenminister Paolo Emilio Taviani erklärte dort am 12. September 1966: „Am 3. August explodierte in Bozen ein Zeitzünder-Sprengsatz im Inneren eines Schranks, der sich in einem Gang des Justizpalastes befand.“

Damit ist die Explosion amtlich belegt. Taviani führte sie als Teil jener Anschlagsserie an, die Südtirol im Sommer 1966 erschütterte.

Auch Reinhard Olt erwähnt die Explosion in seinem Werk „Südtirol Chronik“. Er schrieb: „In Bozen explodierte im gut bewachten Justizpalast um 20.15 Uhr – zu einem Zeitpunkt, als kein Parteienverkehr mehr stattfand – eine Sprengladung, die schweren Sachschaden anrichtete. Aus zerstörten Rohrleitungen ausströmendes Wasser vergrößerte den Schaden und verwischte wichtige Spuren.“

  • Der Alto Adige berichtet am 4. August 1966 von der Explosion im Bozner Justizpalast (Bild: Privat)

Wer legte die Bombe?

Wer den Sprengsatz im Justizpalast tatsächlich deponierte, ist bis heute nicht zweifelsfrei geklärt. Zumindest aus den bisher öffentlich greifbaren Unterlagen ergibt sich weder ein Name noch eine gerichtlich festgestellte verantwortliche Organisation.

Kolportiert wurde, dass Südtiroler Freiheitskämpfer hinter dem Anschlag standen. Der politische und zeitliche Zusammenhang macht eine solche Vermutung nachvollziehbar. Bewiesen ist sie damit aber nicht.

Aus Tavianis Rede lässt sich ableiten, dass die italienische Regierung die Bombe in den damaligen Südtirol-Konflikt einordnete – nicht aber, wer sie konkret gelegt hatte.

Schon vor 60 Jahren ein Dorn im Auge?

Sollte der Sprengsatz tatsächlich aus den Reihen oder dem Umfeld der Südtiroler Freiheitskämpfer gekommen sein, wäre die Wahl des Ziels vermutlich kein Zufall gewesen.

Denn der Bozner Justizpalast war schon damals weit mehr als ein Gebäude, in dem Richter Urteile fällten. Er war ein steingewordenes Herrschaftssymbol des Faschismus.

Sollte die Bombe von Südtiroler Freiheitskämpfern gelegt worden sein, richtete sie sich damit nicht bloß gegen einen Schrank. Sie traf eines der deutlichsten Symbole italienischer Staatsmacht in Südtirol.

Der faschistische Justizpalast dürfte seinen möglichen Angreifern bereits vor 60 Jahren ein Dorn im Auge gewesen sein.

Eine Justitia, die alles sieht

Über dem Haupteingang des Justizpalastes thront die Göttin Justitia. Das 1939 geschaffene Relief stammt vom Trentiner Bildhauer Alcide Ticò und stellt die Gerechtigkeit gemeinsam mit der gesetzgebenden und der ausführenden Gewalt dar.

Doch die Bozner Justitia trägt keine Augenbinde, wie sie heute häufig dargestellt wird. Sie ist nicht blind. Sie sieht, wer vor ihr steht.

Eine Justitia ohne Augenbinde ist kunsthistorisch zwar keineswegs einzigartig. Im Bozner Justizpalast erhalten ihre offenen Augen jedoch eine besondere politische Bedeutung.

Denn diese Justitia sitzt nicht über dem Eingang eines neutralen Gebäudes. Sie thront auf einem Bauwerk, das gemeinsam mit dem gegenüberliegenden Haus des Faschismus den Herrschaftsanspruch des italienischen Staates sichtbar machen sollte. Über ihr steht eine Inschrift, die das italienische Imperium und die faschistische Hierarchie verherrlicht. Ihr gegenüber befand sich das monumentale Mussolini-Relief, dem ihr Blick unmittelbar zugewandt ist.

Politisch wurde die Darstellung deshalb bereits als Justitia gedeutet, deren Blick sich nicht von der Macht abwendet, sondern ihr bewusst zugewandt bleibt. Als Sinnbild einer Justiz, die genau wusste, dass sie dem faschistischen Staat zu dienen hatte.

Eine historisch belegte Absicht des Künstlers ist diese Deutung nicht. Doch im Zusammenhang mit dem gesamten faschistischen Bauensemble drängt sich die Symbolik geradezu auf.

Die verbundene Justitia soll keinen Unterschied erkennen. Nicht zwischen Arm und Reich, nicht zwischen Mächtig und Machtlos, nicht zwischen Mehrheit und Minderheit.

Die Bozner Justitia hingegen sieht alles. Und damit stellt sich eine unbequeme Frage: Waren vor dieser Justitia tatsächlich jemals alle gleich?

Eine alte Wunde im Gebäude?

Fast 60 Jahre nach der Bombe ist nun das Innere des faschistischen Machtbaus zusammengebrochen. Tragende Pfeiler knickten ein, der Schwurgerichtssaal und die vier darüberliegenden Stockwerke stürzten in die Tiefe. Gerade in diesem Bereich waren Arbeiten an den Pfeilern im Gange. Die genaue Ursache müssen Sachverständige und Ermittler erst feststellen.

Bislang gibt es keinerlei Beleg dafür, dass die Explosion von 1966 in irgendeiner Weise zum Einsturz beigetragen hat. Eine direkte Verbindung zu behaupten, wäre unseriös.

Doch die Frage darf gestellt werden. Wo genau befand sich jener Schrank, in dem der Zeitzünder-Sprengsatz explodierte? Welche Gebäudeteile wurden damals tatsächlich beschädigt? Wie wurden die Schäden repariert? Waren möglicherweise auch Wände oder tragende Bauteile betroffen? Sind die damaligen Unterlagen noch vorhanden? Und wurden mögliche Folgen der Explosion bei späteren statischen Untersuchungen berücksichtigt?

Vor allem aber: Befand sich der Anschlagsort im oder nahe jenem Mitteltrakt, der nun eingestürzt ist? Darauf gibt es bisher keine öffentlich bekannte Antwort.

Vielleicht hatte die Bombe von 1966 mit dem Einsturz überhaupt nichts zu tun. Vielleicht war die alte Wunde längst vollständig verheilt. Doch solange der genaue Explosionsort, das damalige Schadensbild und die ausgeführten Reparaturen nicht rekonstruiert sind, sollte auch diese außergewöhnliche Vorgeschichte Teil der Untersuchungen sein.

Die Fassade des Justizpalastes steht noch. Doch hinter ihr klafft nun ein gewaltiges Loch.

In einem Gebäude, das offenbar schon lange vor seinem tatsächlichen Einsturz tiefe historische Risse trug.

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