Schüler als Nachwuchs für die Finanzwache?

In Südtirols Schulen geht es längst nicht mehr nur um Unterricht. Immer öfter werden sie auch zum Schauplatz gesellschaftlicher, politischer und institutioneller Botschaften. Nun liegt UT24 ein Schreiben vor, das eine neue Qualität erreicht: Es geht um die gezielte Bewerbung eines Wettbewerbs der italienischen Finanzwache – über die deutsche Schulverwaltung.
Was steht im Schreiben?
Unterzeichnet wurde das Schreiben von Inspektor Piero Di Benedetto. Darin werden Direktoren, Koordinatoren der Berufsorientierung sowie Koordinatoren der Gesellschaftlichen Bildung über ein Vorhaben der Finanzwache informiert.
Die Finanzwache plane demnach eine Reihe von Informationsveranstaltungen, entweder direkt an den Schulen oder am Provinzkommando in Bozen. Dabei solle nicht nur der Wettbewerb vorgestellt werden. Auch die institutionellen Aufgaben der Finanzwache sollen im Rahmen der Gesellschaftlichen Bildung thematisiert werden.
Besonders bemerkenswert ist dabei, dass im Schreiben ausdrücklich um eine „breite Bekanntmachung“ des Angebots ersucht wird. Damit beschränkt sich die Rolle der Schule nicht mehr bloß auf eine passive Weiterleitung von Informationen.
Das Angebot richtet sich laut Schreiben an Schüler der 4. und 5. Klassen. Möglich sei sowohl die Teilnahme ganzer Klassenverbände als auch einzelner interessierter Schüler. Für Besuche in Bozen könne das Provinzkommando bei Bedarf sogar die Organisation des Transports mit dem Bus unterstützen.
Zweisprachige Finanzer gesucht
Der eigentliche Kern des Schreibens liegt jedoch an anderer Stelle. Ziel des Vorhabens sei es, „eine ausreichende Anzahl an zweisprachigen Bediensteten der Finanzwache zu sichern“. Der Wettbewerb werde erstmals in Südtirol durchgeführt und solle „die Teilnahme von zweisprachigem Personal erleichtern“.
Das Vorhaben werde, so heißt es weiter, von der Südtiroler Landesregierung in Form eines Kooperationsabkommens unterstützt. Die Landesregierung habe die Bedeutung dieses Angebots kürzlich im Rahmen einer Sitzung ausdrücklich bekräftigt.
Damit ist die Grenze zur staatlichen Nachwuchswerbung überschritten. Schüler sollen nicht nur über einen Beruf informiert werden. Sie sollen offenbar gezielt für ein italienisches Staatsorgan interessiert werden – und das ausgerechnet über die deutsche Schulverwaltung.
Natürlich braucht Südtirol zweisprachige Beamte. Gerade bei staatlichen Behörden mit Bürgerkontakt ist es notwendig, wenn dort auch deutschsprachige Südtiroler arbeiten. Aber dieses Argument darf nicht als Freibrief dienen, Schulen zur Rekrutierungsfläche für staatliche Sicherheits- und Finanzorgane zu machen.
Die Schule ist kein Rekrutierungsbüro
Gerade in Südtirol ist diese Grenze besonders sensibel. Die deutsche Schule ist kein beliebiger Veranstaltungsraum. Sie ist ein zentraler Bestandteil des Minderheitenschutzes und der Autonomie. Sie hat junge Menschen zu bilden, nicht sie für staatliche Strukturen verfügbar zu machen.
Wenn die Finanzwache Nachwuchs sucht, kann sie Wettbewerbe ausschreiben, Anzeigen schalten und Informationsmaterial veröffentlichen. Aber warum muss die deutsche Schulverwaltung dafür den Türöffner spielen? Warum sollen Direktoren und Koordinatoren dieses Vorhaben an Schulen mittragen? Das ist keine harmlose Verwaltungsroutine. Das ist politisch höchst problematisch.
Wo bleiben solche Initiativen für Pflege und Gesundheit?
Noch fragwürdiger wird das Ganze mit Blick auf die Prioritäten. Südtirol leidet seit Jahren unter Personalmangel in Bereichen, die für die Bevölkerung unmittelbar systemrelevant sind: Pflege, Gesundheitsdienst, Betreuung, soziale Dienste.
Dort fehlen Menschen, die Patienten versorgen, alte Menschen pflegen, Familien entlasten und soziale Einrichtungen am Laufen halten. Gerade für solche Berufe wären offensive Initiativen an Schulen nachvollziehbar und dringend notwendig.
Vor diesem Hintergrund wirkt es geradezu grotesk, wenn ausgerechnet für die Finanzwache eine derart strukturierte Initiative über die Schulverwaltung beworben und organisatorisch unterstützt wird. Brauchen junge Südtiroler wirklich eine schulisch flankierte Werbetour der Finanzwache? Oder bräuchte dieses Land nicht viel dringender eine klare Offensive für Pflege, Gesundheitsdienst, Handwerk, soziale Berufe und jene Tätigkeiten, die den Alltag der Menschen unmittelbar sichern?
Di Benedetto antwortet nicht
Um Antworten auf diese und weitere Fragen zu finden, hat UT24 Inspektor Piero Di Benedetto kontaktiert. Wir wollten unter anderem wissen, ob es aus seiner Sicht zu den Aufgaben der deutschen Bildungsdirektion gehört, Nachwuchs- und Rekrutierungsinformationen staatlicher Sicherheits- und Finanzorgane aktiv an Schulen weiterzuleiten.
Ebenso wollten wir wissen, auf welcher Grundlage die Schulverwaltung dieses Vorhaben unterstützt und wie dies mit der institutionellen Neutralität der Schule vereinbar ist.
Eine Rückmeldung von Di Benedetto blieb bislang aus. Gerade das macht die Sache nicht weniger brisant. Denn die Frage steht weiter im Raum: Werden Südtirols Schulen hier lediglich über eine berufliche Möglichkeit informiert – oder werden Schüler gezielt als Nachwuchs für staatliche Strukturen angeworben?
In einem Land, in dem Schule, Sprache und Autonomie untrennbar miteinander verbunden sind, ist das keine Nebensache. Es ist eine Grundsatzfrage.






