Nahrungsergänzungsmittel: Sinnvolle Hilfe oder teurer Influencer-Trick?

UT24 hat dazu mit Hanna Thuile gesprochen. Sie erklärt, wann Nahrungsergänzungsmittel(NEM) wirklich Sinn machen, warum Social Media ihren Boom antreibt – und weshalb die Debatte differenzierter geführt werden sollte.
Nicht alles ist unnötig – aber auch nicht alles notwendig
Für viele Menschen gehören Supplements mittlerweile zur Morgenroutine: Magnesium, Omega-3, Kreatin oder Proteinpulver. Doch laut Hanna Thuile kommt es immer auf den individuellen Kontext an.
„In bestimmten Situationen können Nahrungsergänzungsmittel medizinisch sinnvoll oder sogar notwendig sein“, erklärt die Ernährungsexpertin. Beispiele seien Vitamin D in den sonnenarmen Wintermonaten, Folsäure während Schwangerschaft oder Kinderwunsch, Vitamin B12 bei veganer Ernährung oder Eisen bei diagnostiziertem Mangel.
Auch ältere Menschen, Personen mit chronischen Erkrankungen oder Menschen mit hohem sportlichem Pensum könnten profitieren. Gleichzeitig werde der Nutzen vieler Produkte überschätzt. „Die wissenschaftliche Evidenz ist bei weitem nicht für alle Präparate gleich gut. Vieles basiert eher auf Marketing als auf Wissenschaft.“
Besonders wichtig sei deshalb eines: nicht einfach wahllos konsumieren. „Zuerst messen, dann essen“, sagt Thuile. Blutwerte und professionelle Beratung seien sinnvoller als ein präventiver Griff zu beliebigen Kapseln aus dem Internet.
Influencer verkaufen oft mehr Lifestyle als Wissenschaft
Kaum ein Bereich boomt auf Social Media derzeit so stark wie Fitness und Ernährung. Gerade Plattformen wie Instagram, TikTok oder YouTube hätten laut Thuile großen Einfluss darauf, wie junge Menschen Nahrungsergänzungsmittel wahrnehmen.
„NEM werden oft nicht als medizinische oder ernährungsphysiologische Produkte dargestellt, sondern als Teil eines bestimmten Lifestyles oder einer Identität“, erklärt sie. Durch perfekt inszenierte Körper, Routinen und „Erfolgssysteme“ entstehe schnell der Eindruck, Supplements seien Voraussetzung für Attraktivität, Gesundheit oder Leistungsfähigkeit.
Besonders problematisch sei die Vermischung aus persönlicher Erfahrung und Werbung. Viele Influencer würden Produkte bewerben, ohne wissenschaftliche Einordnung oder transparente Kennzeichnung. Dadurch entstehe leicht Konsumdruck – vor allem bei jungen Menschen.
Trotzdem sieht Thuile Social Media nicht ausschließlich negativ. Viele Menschen würden sich dort erstmals überhaupt mit Ernährung beschäftigen. Es gebe inzwischen auch seriöse Fachpersonen mit großer Reichweite. Entscheidend sei daher vor allem Medienkompetenz: Werbung, Meinung und wissenschaftliche Fakten unterscheiden zu können.
Kreatin und Proteinpulver: Gefährlich oder nur missverstanden?
Gerade Kreatin und Proteinpulver stehen regelmäßig in der Kritik. Für Hanna Thuile gehören beide jedoch zu den vergleichsweise gut erforschten Nahrungsergänzungsmitteln.
„Vor allem Kreatin zählt zu den am besten untersuchten Sport-Supplements überhaupt“, sagt sie. Bei seriös hergestellten Produkten und sinnvoller Anwendung gelten sowohl Kreatin als auch Proteinpulver für gesunde Erwachsene grundsätzlich als sicher.
Problematisch werde es vor allem dann, wenn Produkte unkritisch konsumiert, falsch dosiert oder als Ersatz für normale Ernährung verwendet würden. Besonders Jugendliche würden oft glauben, ohne Pulver keinen Muskelaufbau erreichen zu können – obwohl ausgewogene Mahlzeiten meist vollkommen ausreichen würden.
Ein belegtes Brot, Eier oder Joghurt mit Nüssen seien ernährungsphysiologisch oft sinnvoller als der nächste Influencer-Shake.
Warum gelten Supplements als „künstlich“ – Alkohol aber als normal?
Interessant sei laut Thuile auch die gesellschaftliche Wahrnehmung. Nahrungsergänzungsmittel würden oft skeptischer betrachtet als Alkohol – obwohl Alkohol wissenschaftlich eindeutig gesundheitsschädlich sei.
„Risiken werden gesellschaftlich nicht nur nach wissenschaftlichen Daten bewertet, sondern auch nach Gewohnheit, Kultur und Emotion“, erklärt sie. Alkohol sei tief in gesellschaftlichen Ritualen verankert und deshalb normalisiert. Kapseln oder Pulver würden dagegen schnell als „unnatürlich“ wahrgenommen.
Hinzu komme, dass Nahrungsergänzungsmittel oft mit Leistungsdruck und Selbstoptimierung verbunden würden. Intensive Werbung und übertriebene Heilsversprechen hätten zusätzlich Misstrauen geschaffen.
Dabei sei die Realität deutlich komplexer: Nahrungsergänzungsmittel seien weder grundsätzlich gefährlich noch automatisch notwendig. Vielmehr brauche es einen vernünftigen, informierten Umgang damit.
Fazit: Zwischen Schwarz-Weiß-Denken und sinnvoller Ergänzung
Die Diskussion rund um Nahrungsergänzungsmittel wird oft emotional geführt. Für die einen sind sie reine Geldmacherei, für die anderen unverzichtbarer Teil eines gesunden Lebensstils. Die Wahrheit liegt – wie so oft – irgendwo dazwischen.
Supplements ersetzen keine ausgewogene Ernährung, keinen Schlaf und keinen gesunden Lebensstil. Gleichzeitig können sie in bestimmten Situationen durchaus sinnvoll sein und Menschen gezielt unterstützen.
Entscheidend ist laut Hanna Thuile vor allem eines: weg vom Schwarz-Weiß-Denken. Nicht jedes Pulver ist automatisch gefährlich – aber auch nicht jedes Produkt hält, was Influencer versprechen. Wer informiert konsumiert, auf Qualität achtet und sich nicht von Social-Media-Hypes blenden lässt, kann Nahrungsergänzungsmittel durchaus sinnvoll nutzen.






