Pfiati Südtirol!

Wer heute noch so tut, als handle es sich um Einzelfälle, verschließt die Augen vor der Realität. Die Entwicklung ist klar: Südtirol verliert nicht irgendwen, sondern vor allem jene Generation, die studiert, arbeitet, Familien gründet und das Land tragen sollte. Besonders bezeichnend ist auch, wohin es viele zieht: vor allem in den deutschsprachigen Raum, nach Österreich, Deutschland und in die Schweiz. Das zeigt, dass es nicht bloß um Abenteuerlust oder einen vorübergehenden Ortswechsel geht, sondern um eine gezielte Abwanderung dorthin, wo die Perspektiven besser sind.
Hohe Lebenshaltungskosten, niedrige Löhne
Der Hauptgrund liegt auf der Hand: Südtirol ist für viele junge Menschen schlicht zu teuer geworden. Hohe Mieten, steigende Lebenshaltungskosten und ein insgesamt kostspieliger Alltag treffen auf Einkommen, die mit dieser Entwicklung nicht Schritt halten. Besonders deutlich wird das beim Berufseinstieg: Während Hochschulabsolventen laut ASGB in Italien im Schnitt auf ein Bruttojahresgehalt von rund 32.000 Euro kommen, liegen die Einstiegsgehälter in Österreich und Deutschland bei knapp 57.000 Euro, in der Schweiz sogar bei rund 90.000 Euro. Wer diese Unterschiede sieht, muss sich über die Abwanderung nicht wundern.
Gerade für junge Südtiroler ist das eine bittere Realität. Sie wachsen in einem Land auf, in dem das Leben teuer ist, sollen sich aber mit Löhnen zufriedengeben, die weit hinter jenen im benachbarten deutschen Sprachraum zurückbleiben. Wer arbeiten, sich etwas aufbauen und irgendwann eine Familie gründen will, schaut deshalb immer häufiger dorthin, wo Leistung auch entsprechend entlohnt wird. Südtirol verliert seine Jugend also nicht zufällig, sondern auch deshalb, weil sich Fleiß und Ausbildung anderswo schlicht mehr lohnen.
Auch die Bildungspolitik bindet viele junge Südtiroler nicht ausreichend an das Land
Hinzu kommt ein weiterer Punkt, der politisch viel zu selten offen angesprochen wird: die Studienmöglichkeiten in deutscher Sprache. In Südtirol verfolgt man seit Jahren den Anspruch, mit der Universität Bozen dreisprachig, modern und international aufgestellt zu sein. Das mag politisch gewollt sein und in manchen Bereichen auch seine Berechtigung haben. Gleichzeitig arbeitet man damit aber am Interesse vieler einheimischer junger Menschen vorbei, auch wenn sicher nicht aller.
Denn nicht wenige deutsche Südtiroler möchten nach der Matura ganz einfach in ihrer Muttersprache studieren. Wer ein durchgehend deutschsprachiges Studium sucht, findet ein solches Angebot im benachbarten Österreich oder in Deutschland oft leichter und klarer vor. Damit wird das Studium außerhalb Südtirols für viele zur naheliegenden Option. Der Schritt ins Ausland erfolgt dann nicht aus mangelnder Heimatverbundenheit, sondern weil die Bildungsangebote dort eher den eigenen sprachlichen und fachlichen Vorstellungen entsprechen.
Gerade darin liegt ein strukturelles Problem. Wer zum Studium weggeht, bleibt oft nicht nur für ein paar Semester fort, sondern baut sich außerhalb der Heimat ein neues Umfeld auf. Dort entstehen Freundschaften, berufliche Kontakte und erste Perspektiven für den weiteren Lebensweg. Aus einem Studienaufenthalt wird so nicht selten ein dauerhafter Lebensmittelpunkt außerhalb Südtirols. Das Land verliert dadurch junge Menschen nicht erst beim Berufseinstieg, sondern oft schon am Beginn ihres Erwachsenenlebens.
Würde Südtirol stärker auf klar deutschsprachige Studienangebote setzen, könnte man viele einheimische Studenten besser an das Land binden. Es geht also nicht darum, Internationalität grundsätzlich infrage zu stellen. Es geht darum, die eigenen jungen Leute nicht aus dem Blick zu verlieren. Wer die Abwanderung wirklich ernst nimmt, muss deshalb auch darüber sprechen, ob die heutige Hochschulpolitik tatsächlich den Bedürfnissen der einheimischen Bevölkerung entspricht.
Südtirol darf seine Jugend nicht verlieren
Wenn Südtirol diese Entwicklung aufhalten will, braucht es endlich ein Umdenken. Es braucht Löhne, die zum hiesigen Preisniveau passen. Es braucht leistbares Wohnen für junge Einheimische. Und es braucht Bildungsangebote, die die eigenen Leute im Land halten, statt an ihren Bedürfnissen vorbeizuplanen.
Denn ein Land, das seine Jugend verliert, verliert auf Dauer weit mehr als nur Einwohner. Es verliert Zukunft, Substanz und letztlich auch ein Stück seiner selbst. Südtirol darf nicht weiter zusehen, wie die eigene Jugend anderswo das Leben aufbaut, das in der Heimat immer schwerer erreichbar wird.
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