Frühkindliche Sprachpolitik in Südtirol: Pamer verteidigt zweisprachige Betreuung für Kleinkinder

Zum einen ging es um die grundsätzliche Frage, wie die sprachliche Betreuung in Südtirols Kitas geregelt ist. Zum anderen stand der konkrete Fall Ratschings im Mittelpunkt, wo die Sorge im Raum steht, dass deutschsprachige Kinder nicht in ihrer Muttersprache betreut werden.
Die nun vorliegenden Antworten von Landesrätin Rosmarie Pamer sind brisant. Denn statt die muttersprachliche Betreuung gerade bei den Kleinsten unmissverständlich zu verteidigen, stellt sie sich offen hinter ein zweisprachiges beziehungsweise mehrsprachiges Modell. Wer bisher geglaubt hat, die Trennung der Sprachgruppen sei in Südtirol bereits im frühesten Kindesalter ein selbstverständlicher Grundsatz, wird durch diese Antworten eines Besseren belehrt.
„Bewusst nicht einer Sprache zugeordnet“
Besonders aufschlussreich ist eine Formulierung, die keinen Interpretationsspielraum lässt. Pamer schreibt in ihrer Antwort ausdrücklich, dass die Kinderbetreuungsdienste für null- bis dreijährige Kinder „bewusst nicht einer Sprache/Sprachgruppe zugeordnet werden“. Der Dienst sei vielmehr „zweisprachig“ beziehungsweise „mehrsprachig“. Damit ist klar: Es geht nicht um einzelne Ausnahmen oder um pragmatische Lösungen im Alltag, sondern um ein politisch gewolltes Grundmodell.
Zur Begründung verweist die Landesrätin auf das Dekret des Landeshauptmanns Nr. 42 aus dem Jahr 2017. Dieses sieht vor, dass die frühkindliche Bildung, Erziehung und Betreuung „in deutscher und italienischer Sprache“ erfolgt. Zusätzlich müsse die Fachkraft eine „alltagsintegrierte Sprachförderung und Unterstützung des Erwerbs der Zweitsprache“ gewährleisten. Mit anderen Worten: Die Mehrsprachigkeit ist hier nicht bloß Begleiterscheinung, sondern ausdrücklicher Auftrag.
Ausgerechnet bei den Kleinsten wird das Prinzip aufgeweicht
Genau hier liegt der eigentliche politische Sprengstoff. In Südtirol wird das muttersprachliche Bildungssystem seit Jahrzehnten als unverzichtbare Grundlage für den Schutz der deutschen und ladinischen Volksgruppe verteidigt. Immer wieder heißt es, Sprache sei weit mehr als nur ein Mittel zur Verständigung. Sie sei Identität, kulturelle Heimat und Grundlage der Zugehörigkeit.
Umso erstaunlicher ist es, dass dieses Prinzip ausgerechnet dort aufgeweicht wird, wo Kinder am verletzlichsten und am stärksten auf Vertrautheit angewiesen sind. Denn bei Kleinkindern geht es nicht zuerst um Sprachförderung im schulischen Sinn, sondern um Bindung, Geborgenheit und Orientierung. Gerade in diesem Alter wäre eine klare muttersprachliche Betreuung naheliegend. Stattdessen verteidigt Pamer ein Modell, das auf sprachliche Durchmischung setzt.
Ratschings zeigt, wohin die Reise geht
Wie konkret diese Linie ist, zeigt die Antwort auf die Anfrage zur Kindertagesstätte in Ratschings. Auch dort betont Pamer, dass die Kleinkindbetreuungsdienste bewusst nicht einer Sprache oder Sprachgruppe zugeordnet würden und der Dienst zwei- beziehungsweise mehrsprachig sei. Sogar der Zweisprachigkeitsnachweis sei nicht erforderlich.
Das ist bemerkenswert. Denn anstatt klarzustellen, dass deutschsprachige Kinder in einem mehrheitlich deutschen Gebiet selbstverständlich in ihrer Muttersprache betreut werden müssen, wird erneut das Modell der gemischtsprachigen Betreuung verteidigt. Wer auf ein deutliches Bekenntnis zur muttersprachlichen Betreuung gehofft hatte, findet in diesen Antworten das Gegenteil.
Die Muttersprache wird zwar erwähnt – aber sofort relativiert
Zwar räumt Pamer ein, dass in der Eingewöhnungsphase die Familiensprache des Kindes beziehungsweise jene Landessprache, die dem Kind am vertrautesten ist, die Grundlage für den Beziehungsaufbau bildet. Das klingt im ersten Moment beruhigend. Doch dieser Gedanke wird in derselben Antwort gleich wieder abgeschwächt.
Denn unmittelbar danach heißt es, dass die Fachkräfte die Kinder zusätzlich auch in anderen Landessprachen ansprechen und dass die Kleinkindbetreuungsdienste in Südtirol „mindestens zweisprachige, in der Regel jedoch mehrsprachige Bildungsorte“ seien. Genau darin liegt der entscheidende Punkt: Die Muttersprache erscheint nicht als tragender Grundsatz, sondern nur mehr als ein Element innerhalb eines mehrsprachigen Gesamtkonzepts.
Frühe Mehrsprachigkeit als politisches Leitbild
Noch deutlicher wird dies dort, wo Pamer erklärt, die mehrsprachigen Kleinkindbetreuungsdienste würden die Kinder darauf vorbereiten, den „Sprachanforderungen“ nach dem Übergang in den Kindergarten vertrauensvoll begegnen zu können. Das ist eine bemerkenswerte Formulierung. Denn sie zeigt, dass hier bereits bei den Kleinsten nicht mehr allein das Kindeswohl in seiner vertrautesten sprachlichen Umgebung im Mittelpunkt steht, sondern ein pädagogisch-politisches Ziel: die frühe Gewöhnung an Mehrsprachigkeit.
Damit wird eine Entwicklung sichtbar, die viele Eltern mit Sorge betrachten dürften. Wenn selbst in der frühesten Kindheit nicht mehr die muttersprachliche Verwurzelung im Zentrum steht, sondern die Vorbereitung auf spätere sprachliche Anforderungen, dann ist das weit mehr als eine organisatorische Frage. Dann geht es um eine grundlegende Richtungsentscheidung.
Wer die Muttersprache schützen will, muss bei den Kleinsten anfangen
Gerade konservative und heimatbewusste Familien werden sich zu Recht fragen, wie glaubwürdig der politische Schutz der deutschen und ladinischen Sprache noch ist, wenn ausgerechnet im frühesten Kindesalter ein Mischmodell zum Normalfall erklärt wird. Denn der Schutz der Muttersprache beginnt nicht erst in der Schule. Er beginnt dort, wo Kinder die Welt zum ersten Mal über vertraute Stimmen, vertraute Wörter und vertraute Bindungen erfahren.
Wer wirklich will, dass Südtirols Sprachgruppen erhalten bleiben, darf das Prinzip der muttersprachlichen Betreuung nicht bei den Kleinsten preisgeben. Denn wenn schon Säuglinge und Kleinkinder „bewusst nicht einer Sprache zugeordnet“ werden sollen, dann stellt sich zwangsläufig die Frage, was vom vielbeschworenen Schutz der sprachlichen Identität überhaupt noch übrig bleibt.
Die Anfragen der Süd-Tiroler Freiheit treffen einen wunden Punkt
Mit ihren beiden Anfragen hat die Süd-Tiroler Freiheit deshalb einen neuralgischen Bereich angesprochen. Die Antworten von Landesrätin Pamer zeigen schwarz auf weiß, dass im Bereich der Kleinkindbetreuung ein Modell verfolgt wird, das nicht auf eine klare muttersprachliche Ordnung setzt, sondern auf frühkindliche Mehrsprachigkeit und sprachliche Durchmischung.
Damit ist die Debatte eröffnet. Und sie ist überfällig. Denn die zentrale Frage lautet: Wenn nicht einmal bei den Kleinsten die muttersprachliche Betreuung als unverrückbarer Grundsatz gilt, wo genau beginnt dann in Südtirol noch der ernsthafte Schutz der eigenen Sprachgruppe?






