Häusliche Gewalt: Eine unsichtbare Krise

Diese Zahl hat sich seit dem Jahr 2000 kaum verändert. Die Fortschritte bei der Reduzierung von Partnerschaftsgewalt sind langsam, denn in den vergangenen zwei Jahrzehnten ging die Zahl der Fälle jährlich nur um 0,2 Prozent zurück. „Gewalt gegen Frauen ist nach wie vor eine der hartnäckigsten und am wenigsten beachteten Menschenrechtskrisen weltweit“, warnt die WHO.
316 Millionen Frauen im vergangenen Jahr
Allein in den vergangenen zwölf Monaten wurden 316 Millionen Frauen von einem Partner körperlich oder sexuell misshandelt. Viele Frauen erleben nicht nur einmal in ihrem Leben Gewalt, sondern regelmäßig. Weltweit gaben rund 380 Millionen Frauen an, in den vergangenen zwölf Monaten Gewalt erlebt zu haben.
Weltweit stirbt laut offiziellen Statistiken alle zehn Minuten eine Frau oder ein Mädchen aufgrund von Gewalt innerhalb der eigenen Familie. Die WHO schätzt, dass 40 bis 70 Prozent der ermordeten Frauen in Australien, Russland, Israel, Kanada, Südafrika und den Vereinigten Staaten ihren Ehemännern oder Lebensgefährten zum Opfer fallen.
In Kolumbien wird an jedem sechsten Tag eine Frau von ihrem Partner oder Ex-Partner ermordet. In Indien wird alle 21 Minuten eine Frau vergewaltigt, wobei die Dunkelziffer dürfte weitaus höher liegen. Häusliche Gewalt ist die weltweit am häufigsten auftretende Form von Gewalt gegen Frauen.
Neuer Höchststand in Deutschland
Auch in Deutschland erreicht häusliche Gewalt einen traurigen Rekord. Im Jahr 2024 wurden 265.942 Menschen Opfer häuslicher Gewalt. Das ist ein neuer Höchststand, wie das Bundeskriminalamt (BKA) am 21. November 2025 mitteilte. Fast jedes fünfte Opfer von Gewalttaten, die in der Polizeilichen Kriminalstatistik erfasst werden, ist Opfer häuslicher Gewalt.
70,4 Prozent der Opfer sind weiblich. Zur häuslichen Gewalt zählt sowohl die Partnerschaftsgewalt als auch die innerfamiliäre Gewalt, wie Gewalthandlungen zwischen Eltern, Kindern, Geschwistern und anderen Angehörigen.
Partnerschaftsgewalt: 171.069 Opfer
Wie schon in den Vorjahren waren die meisten Opfer häuslicher Gewalt von Partnerschaftsgewalt betroffen: 171.069 Personen im Jahr 2024, ein Anstieg um 1,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Partnerschaftsgewalt trifft nach wie vor überwiegend Frauen: Rund 80 Prozent der Opfer sind weiblich. Unter den Tatverdächtigen dagegen sind Männer deutlich mit 7,7 Prozent überrepräsentiert.
Häufigstes verzeichnetes Delikt war sowohl bei weiblichen als auch bei männlichen Opfern die Körperverletzung. 132 Frauen und 24 Männer wurden im Jahr 2024 durch Partnerschaftsgewalt getötet. In Deutschland steht bei fast jedem zweiten Frauenmord ein dem Opfer nahestehender Mann im Verdacht.
Innerfamiliäre Gewalt: 94.873 Opfer
94.873 Personen waren innerfamiliärer Gewalt ausgesetzt. Darunter fallen Gewalthandlungen zwischen Eltern, Kindern, Geschwistern und anderen Angehörigen. Auch hier ist die Dunkelziffer hoch: Kinder schweigen oft aus Angst, Scham oder weil sie nicht wissen, wohin sie sich wenden können.
Nach einer weltweiten Studie des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen (UNICEF) aus dem Jahr 2014 ist nahezu jedes dritte Mädchen zwischen 15 und 19 Jahren, das in einer Partnerschaft lebt, Opfer emotionaler, körperlicher oder sexueller Misshandlung.
Digitale Gewalt nimmt massiv zu
Auffällig ist sowohl bei der Partnerschaftsgewalt als auch der innerfamiliären Gewalt ein massiver Anstieg der Straftaten im digitalen Raum. Im Kontext von Partnerschaftsgewalt stieg die Anzahl der Opfer von digitaler Gewalt gegenüber dem Vorjahr um 10,9 Prozent auf 4.876 Opfer. Im Rahmen der innerfamiliären Gewalt nahm digitale Gewalt sogar um 20,4 Prozent auf 2.027 Opfer zu. Auch im digitalen Raum nimmt die Gewalt gegen Frauen weltweit zu: Eine Befragung von 14.000 Mädchen und Frauen aus dem Jahr 2020 zeigt, dass 58 Prozent von ihnen in sozialen Medien bereits beschimpft, bedroht, sexuell belästigt oder gedemütigt wurden. In Deutschland sind es sogar 71 Prozent.
Die Dunkelziffer ist hoch
Die Studienautoren der WHO gehen davon aus, dass weit mehr Frauen von Gewalt betroffen sind, weil viele nicht darüber reden wollen oder können. Emotionaler Stress und Frustration aufgrund existenzieller Sorgen finden häufig ein Ventil in häuslicher Gewalt, die durch beengte Wohnverhältnisse zusätzlich befördert wird. In Deutschland laut einer Studie des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ):
- 35 Prozent der Frauen haben körperliche oder sexuelle Gewalt erlebt
- 25 Prozent haben Gewalt durch aktuelle oder frühere Beziehungspartner erlebt
- 42 Prozent haben psychische Gewalt erlebt (Einschüchterung, Verleumdungen, Drohungen, Psychoterror)
- 56 bis 80 Prozent der Betroffenen haben psychische Folgebeschwerden wie Schlafstörungen, Depressionen oder Ängste
Ländlicher Raum besonders betroffen
Eine Studie aus den Vereinigten Staaten und weiteren Ländern beobachtete den Zusammenhang zwischen sozialräumlicher Infrastruktur und Häufigkeit der Gewalterfahrungen. Demnach erfahren signifikant mehr Frauen im ländlichen Raum häusliche Gewalt und berichten von größeren Verletzungen als Befragte im urbanen Kontext.
Prävention massiv unterfinanziert
Trotz zunehmender Belege für wirksame Strategien zur Prävention von Gewalt gegen Frauen warnt der WHO-Bericht vor einem drastischen Rückgang der Finanzierung solcher Initiativen. Gerade in einer Zeit, in der humanitäre Notlagen, technologische Umbrüche und wachsende sozioökonomische Ungleichheit die Risiken für Millionen von Frauen und Mädchen weiter erhöhen. Im Jahr 2022 wurden nur 0,2 Prozent der weltweiten Entwicklungshilfe für Programme zur Prävention von Gewalt gegen Frauen bereitgestellt. Die Mittel werden bis 2025 voraussichtlich weiter sinken. „Dies ist eine massiv unterfinanzierte Reaktion auf eine massive Krise“, kritisiert die WHO.
Wo es Fortschritte gibt
In einigen Ländern wurden Fortschritte erzielt. Kambodscha beispielsweise setzt ein nationales Projekt um, das die Gesetzgebung zur häuslichen Gewalt aktualisiert, die Bereitstellung, Qualität und den Zugang zu Dienstleistungen verbessert, Frauenhäuser saniert und digitale Lösungen in Schulen und Gemeinden nutzt, um Prävention, insbesondere bei Jugendlichen, zu fördern.
Ecuador, Liberia, Trinidad und Tobago sowie Uganda haben detaillierte nationale Aktionspläne entwickelt. Doch weltweit gesehen sind die Fortschritte minimal. Immer mehr Länder sammeln Daten, um politische Entscheidungen zu treffen, doch es bestehen weiterhin erhebliche Lücken.
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