Der Palmesel: Von der Prozession zum Langschläfer-Titel

Der Esel, der die Geschichte schrieb
Der Palmsonntag erinnert an den Einzug Jesu Christi in Jerusalem – bescheiden, auf einem Esel reitend, begrüßt von Menschen, die seinen Weg mit Palmzweigen auslegten. Die Palmprozession ist seit dem 7. Jahrhundert belegt. Im Mittelalter ritten Dorfpfarrer dabei zunächst auf einem echten Esel mit – was nicht immer feierlich endete. Aufgrund des mitunter bockigen Verhaltens der Vierbeiner ersetzte man sie vielerorts durch hölzerne Eselfiguren auf einem Karren, mit einer Christusfigur auf dem Rücken. Man kann es dem echten Esel kaum verdenken – wer will schon stundenlang im Prozessionszug stehen?
Der Brauch verbreitete sich rasch im gesamten deutschen Sprachraum sowie in den Niederlanden und Belgien. Im ausgehenden Mittelalter hatte fast jede Pfarrei ihren eigenen Holzesel. Ein amüsantes Randdetail: Die Salzburger Erzbischöfe pflegten ihren Palmritt traditionell auf einem edlen Schimmel zu absolvieren. Standesgemäß eben.
Tirol hält die Fahne (und den Esel) hoch
Während die Aufklärung dem Brauch andernorts ein Ende setzte und viele Holzesel in Museumsecken verschwanden, hat Tirol Beachtliches bewahrt.
Thaur ist heute die einzige Gemeinde im Land, in der noch eine echte Palmeselprozession stattfindet. Im Mittelpunkt steht eine über 240 Jahre alte, fast lebensgroße Christusfigur mit beweglichen Gliedmaßen – sitzend auf einem geschnitzten Holzesel, auf einem vierrädrigen Wägelchen, das von Ministranten gezogen wird. Die Prozession führt von der Pfarrkirche über das „Romedikirchl“ bis nach Rum und zurück – begleitet von Palmbuschträgern und der Musikkapelle.
Auch Hall in Tirol hat den Brauch vor einigen Jahrzehnten erfolgreich wiederbelebt.
Wer schläft, der ist der Esel
Denn der Begriff „Palmesel“ hat eine volkstümliche Zweitbedeutung entwickelt, die bis heute lebendig ist. In vielen Familien im bayerisch-österreichischen und schwäbischen Raum gilt: Wer am Palmsonntag als Letzter aufsteht, wird den ganzen Tag als Palmesel gehänselt.
Der Ursprung liegt in der Kirchentradition – ursprünglich war es jener Bub, der als Letzter mit seinem Palmwedel in die Kirche kam. In Würzburg trieb man es noch bunter: Wer in abgetragener Kleidung zum Gottesdienst erschien, bekam einen mit Kreide eingestaubten Stoffesel auf die Jacke gedrückt – ein Stempel, den man den ganzen Tag tragen musste. Die Kleiderordnung wurde damals offenbar sehr ernst genommen.
Auch die Redewendung „aufgeputzt wie ein Palmesel“ – also übertrieben herausgeputzt – geht auf den reich geschmückten Holzesel der Prozessionen zurück.
Vom Kirchenbrauch zum Familienklassiker
Der Palmesel ist weit mehr als ein Spottname für müde Familienmitglieder. Er ist ein Stück lebendiger Kirchengeschichte, das in Tirol bis heute gepflegt wird.
Wer heute in Thaur bei der Prozession dabei sein kann, darf einen der letzten authentischen Überreste dieses mittelalterlichen Brauchtums erleben – ein Holzesel, der überdauerte, was Aufklärung, Reformation und bischöfliche Verbote nicht vernichten konnten.
Und wer heute Morgen als Letzter aus den Federn gekrochen ist? Der trägt seinen Titel mit Würde. Schließlich ist man nur einmal im Jahr Palmesel – und das darf man ruhig ausschlafen.






