4-Tage-Woche: Ja oder Nein?

In Italien arbeiten Tausende Beschäftigte nur noch vier Tage pro Woche und das bei vollem Gehalt. Lamborghini macht es in der Produktion, Intesa Sanpaolo bietet es 28.500 Mitarbeitern an und auch in Südtirol laufen erste Versuche. Die Frage ist nicht mehr ob, sondern wie die 4-Tage-Woche funktionieren kann.
Deutschland testet mit überraschenden Ergebnissen
45 deutsche Unternehmen haben zwischen Februar und August 2024 sechs Monate lang die 4-Tage-Woche getestet. Die wissenschaftliche Begleitung übernahm die Universität Münster unter Leitung von Prof. Julia Backmann. Der im März 2026 veröffentlichte Update-Report von „4 Day Week Global“ zeigt, dass rund 70 Prozent der Unternehmen weitermachen wollen, 20 Prozent kehren zur 5-Tage-Woche zurück und zehn Prozent sind unentschlossen.
Die wirtschaftlichen Kennzahlen blieben trotz 20 Prozent weniger Arbeitszeit stabil. „Wenn man weniger Zeit reinsteckt und damit das Gleiche erreicht, ist die Produktivität sogar gestiegen“, erklärt Studienleiterin Backmann gegenüber dem ZDF. Der Krankenstand sank, die Mitarbeiterzufriedenheit stieg deutlich. Es gibt aber auch Kritik. „Die Effekte kommen nicht nur durch die Arbeitszeitreduktion selbst, sondern durch ein Maßnahmenpaket zustande“, warnt Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in der FAZ. Ob sich die Produktivitätssteigerung langfristig halten lässt, ist offen.
Großbritannien: 65 Prozent weniger Krankheitstage
Bereits 2022 testeten 61 britische Unternehmen sechs Monate lang die 4-Tage-Woche. Das Ergebnis laut einer Studie der Universitäten Boston und Cambridge: 56 von 61 behielten das Modell bei. Die Krankheitstage gingen um 65 Prozent zurück, die Mitarbeiterfluktuation sank um 57 Prozent und der Umsatz stieg um 1,4 Prozent. So führten Anfang 2025 laut „Guardian“ 200 britische Unternehmen die 4-Tage-Woche ein.
Italien: Start machte Lamborghini
Ende 2023 sorgte Lamborghini für Aufsehen, denn das Unternehmen führte als erster Autobauer in Europa die 4-Tage-Woche in der Produktion ein,. Die Gewerkschaften FIOM und FIM-CISL sprachen von einer „historischen Vereinbarung“. Dabei wechseln die Mitarbeiter in zwei Schichten zwischen einer 5-Tage- und einer 4-Tage-Woche, was 22 Arbeitstage weniger pro Jahr ergibt. Beschäftigte im Dreischichtbetrieb sparen sogar 31 Tage bei vollem Lohn ein. Zusätzlich schuf Lamborghini 500 neue Jobs und erhöhte den Bonus von 332 Euro (2022) auf 2.200 Euro (2026). Im Juni 2025, nach eineinhalb Jahren, zog das Unternehmen eine positive Bilanz.
Intesa Sanpaolo, Italiens größte Bank, bietet seit 2023 28.500 Mitarbeitern die Wahl: entweder vier Tage mit neun Stunden (36 Stunden) oder fünf Tage mit 7,5 Stunden (37,5 Stunden) pro Tag. 70 Prozent nutzen die 4-Tage-Option. Die Bank meldet höhere Motivation, Zufriedenheit und Produktivität.
Auch der Brillenhersteller Essilor Luxottica testete seit November 2023 das Modell. Ab Januar 2026 gilt es laut Handelsblatt für einen ganzen Produktionsstandort mit über 3.500 Mitarbeitern: 20 Freitage pro Jahr bei gleichem Gehalt. Das Unternehmen erzielte 2024 einen Umsatz von 26,5 Milliarden Euro.
Und Südtirol? Erste Schritte
Stefan Perini vom Arbeitsförderungsinstitut AFI sieht Potenzial: „Das Modell kann in Südtirol funktionieren“, erklärt er gegenüber SALTO. Allerdings müsse man sich die Branche genau ansehen. Dienste wie Pflege oder medizinische Versorgung seien schwieriger umzusetzen. Perini warnt vor zu starker Individualisierung: „Es besteht die Gefahr eines Arbeitsmodelle-Dschungels.“
Konkrete Beispiele: Die SMC IT AG startete im Januar 2024 ein sechsmonatiges Pilotprojekt mit 32 Stunden pro Woche. Die Südtiroler Landesverwaltung führte im November 2024 eine 4,5-Tage-Woche ein. Auf südtirolerjobs.it werben derzeit 83 Stellenanzeigen mit der 4-Tage-Woche.
Zum Vergleich: In ganz Deutschland werben laut Bertelsmann-Stiftung nur 0,12 Prozent der Stellenanzeigen mit diesem Modell. Der Fachkräftemangel könnte das ändern. 81 Prozent der deutschen Vollzeiterwerbstätigen wünschen sich laut Hans-Böckler-Stiftung (2023) eine Arbeitszeitverkürzung und 73 Prozent davon bei gleichem Lohn.
Die kritischen Stimmen
Das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) sieht das Modell skeptisch. „Es scheint illusorisch, den vollen Lohnausgleich durch zeitnahe Produktivitätsfortschritte zu realisieren.“ Das Produktivitätswachstum in Deutschland liege bei 0,93 Prozent pro Jahr. Geht es so weiter, wäre erst 2048 das nötige Wachstum erreicht, um eine 25-prozentige Arbeitszeitreduktion auszugleichen.
Die große offene Frage: Wie wirkt sich der Druck innerhalb der vier Arbeitstage langfristig aus? „Vielleicht gibt es erst sehr viel später einen Kreativitätsabfall oder die Verdichtung der Arbeit führt doch irgendwann zu Stress“, gibt Enzo Weber vom IAB zu bedenken. Eine Studie in der Zeitschrift für Arbeitswissenschaft bestätigt: Die Effekte auf Produktivität sind uneinheitlich, die Personalplanung wird komplexer.
Ein Modell für die Zukunft?
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Wo die 4-Tage-Woche getestet wurde, zeigten sich positive Effekte. Mitarbeiter sind zufriedener, seltener krank und wechseln den Arbeitgeber weniger oft. Die Produktivität bleibt meist stabil oder steigt. Aber es gibt keinen Automatismus. Die erfolgreichen Pilotprojekte waren begleitet, gecoacht und wissenschaftlich ausgewertet. Die Unternehmen mussten Prozesse anpassen, Meetings kürzen, Arbeitsabläufe optimieren. Die 4-Tage-Woche funktioniert nicht einfach so. Sie muss gut vorbereitet sein.
Ob sie sich flächendeckend durchsetzt, hängt von der Branche, der Unternehmenskultur und der Bereitschaft zu Veränderungen ab.






