Alte Tirolensien neu gelesen (Teil 79)

Hermann Wiesfleckers Monografie Meinhard der Zweite. Tirol, Kärnten und ihre Nachbarländer am Ende des 13. Jahrhunderts gehört zu den wichtigsten und grundlegenden Arbeiten der Mediävistik Mitteleuropas und stellt zudem eine der umfassendsten Darstellungen zur strukturellen und politischen Entwicklungsgeschichte des Tiroler Raumes im Hochmittelalter dar. In der zweiten, unveränderten Auflage (1995) bleibt der Charakter der ursprünglich im Jahr 1955 erschienen Publikationen gewahrt: eine quellengesättigte, synthetisierende Studie und stark analytische Studien über die Entstehung landesfürstliche Herrschaft.
Im Zentrum der Untersuchung steht Meinhard II. von Tirol-Görz, dessen Wirken Wiesflecker als entscheidenden Wendepunkt für die Ausbildung eines geschlossenen Territorialstaates interpretiert. Die zu rezensierende Publikation ist dabei keinesfalls rein biografisch angelegt, sondern verbindet politische Geschichte mit strukturhistorischen Fragen. Ausgehend von den dynastischen Voraussetzungen – insbesondere der Entwicklung der Häuser Tirol und Görz – zeichnet der Autor den Prozess nach, durch den Meinhard seine Herrschaft nicht nur konsolidierte, sondern auch ausbauen konnte.
Ein zentraler Verdienst des Buches liegt in der detaillierten und sehr guten Analyse der Territorialierungspolitik. Der Verfasser zeigt, wie Meinhard durch gezielte Erwerbungen, politische Allianzen, Lehnsbindungen sowie militärische Maßnahmen eine territoriale Verdichtung erzielte. Die Teilung der Tirol-Görzer Besitzungen (1271) erscheint hierbei als entscheidender Schritt zur Konzentration der Herrschaft auf Tirol. Ebenso wird die Einbindung Kärntens und die Pfandschaft Krains als Ausdruck einer expansiven, parallel dazu aber strategisch kalkulierten Politik wahrgenommen.
Besondere Aufmerksamkeit widmet Wiesflecker der Auseinandersetzung mit den geistlichen Fürstentümern Trient und Brixen. In den als langwierig zu beschreibenden Konflikten um Vogteirechte und Temporalien erkennt der Autor einen bedeutsamen Mechanismus landesfürstlicher Machtbildung: die etappenweise erfolgte „Säkularisierung“ kirchlicher Herrschaftsrechte und ihre Integration in die landesherrliche Gewalt. Folglich wird dem Leser klar, dass Meinhards Politik nicht bloß auf Gewalt, sondern auch auf juristischer Argumentation, Verhandlung(sgeschick) und institutioneller Angleichung beruhte.
Ein ebenso wichtiger Aspekt des Werkes liegt auf der inneren Organisation des Landes. Der Verfasser beschreibt relativ eindrücklich den Ausbau der Verwaltung, des Finanzwesens und des Rechtssystems. Die Ausbildung einer landesfürstlichen Kanzlei, die Entwicklung eines differenzierten Kammer- und Steuerwesens sowie die ersten Ansätze zu einer einheitlichen Rechtsordnung (Tiroler Landesrecht) werden als Kernelemente eines frühstaatlichen Systems interpretiert. Hervorzuheben ist die These einer „Entfeudalisierung“. Darunter versteht man die Zurückdrängung des traditionellen Adels zugunsten einer stärken vom Fürsten abhängigen Funktionselite (Familiaren, Amtsträger).
Auch die Sozialpolitik Meinhards kommt nicht zu kurz. Während der Adel in seiner Macht eingeschränkt wird, fördert der Landesfürst gezielt Städte und bäuerlich-ländlich geprägte Gemeinden. Wiesflecker deutet dies als bewusste Strategie zur Herrschaftsstabilisierung durch eine vergleichsweise breitere soziale Basis. Die Förderung von Handel, Infrastruktur und ökonomischer Entwicklung wird als integraler Bestandteil der Landesbildung verstanden.
Methodisch überzeugt das Buch durch seine außerordentliche Quellenkenntnis und die präzise Rekonstruktion komplexer politischer Zusammenhänge. Der Autor arbeitet intensiv mit vorhandenem Urkundenmaterial und verknüpft auf diese Weise detailreiche Einzeluntersuchungen mit übergreifenden Interpretationen. Dessen ungeachtet ist das Werk deutlich von den historiografischen Paradigmen seiner Entstehungszeit geprägt. Die relativ starke Betonung der „großen Persönlichkeit“ Meinhards sowie die teleologische Ausrichtung auf die Entstehung eines Territorialstaates entsprechen einem älteren Forschungsansatz, der heute gängige Perspektiven der Sozial-, Kultur- und Mentalitätsgeschichte allerdings nur in begrenztem Ausmaß integriert.
Überdies neigt Wiesflecker dazu, die Tiroler Entwicklungshistorie als relativ zielgerichteten Prozess darzustellen, in dem alterative politische Optionen oder strukturelle Kontingenzen weniger stark gewichtet werden; auch die Rolle untergeordneter Akteure bleibt teilweise im Hintergrund gegenüber der dominanten Figur Meinhards. Ungeachtet dieser keinesfalls mit böser Absicht aufgelisteten Einwände bleibt das Werk ein Meilenstein der Landesgeschichtsforschung. Seine Detailfülle, die als systematisch zu charakterisierende Stoffdurchdringung und die klare und logisch-stringente Argumentation machen es nach wie vor zu einem unverzichtbaren Referenzpunkt für die Erforschung des spätmittelalterlichen Alpenraums.
Alles in allem ist es ein klassisches, materialgesättigtes und analytisches anspruchsvolles Buch, das trotz methodischer Begrenzung durch seine Tiefenschärfe und seine umfassende Darstellungskraft weiterhin hohe wissenschaftliche Bedeutung besitzt und in keiner Tirolensien-Bibliothek fehlen darf. Es ist dem Verlag nur zu gratulieren, dass er es 1995 – in diesem Jahr jährte sich der Tod Meinhards II. zum 700. Mal – neu auferlegt hat.
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Hermann Wiesflecker, Meinhard der Zweite. Tirol, Kärnten und ihre Nachbarländer am Ende des 13. Jahrhunderts (Schlern-Schriften, Bd. 124), Innsbruck 1955 (Nachdruck 1995).






