von Alexander Wurzer 21.03.2026 13:00 Uhr

Pflegeeinstufung: Das Problem ist bekannt – die Soforthilfe wurde trotzdem abgelehnt

In Südtirol wartet niemand aus Bequemlichkeit auf eine Pflegeeinstufung. Wer darauf wartet, steht meist ohnehin längst unter Druck. Familien organisieren Betreuung, stemmen Kosten, verzichten auf Freizeit, Schlaf und oft auch auf Einkommen. Und genau in dieser Lage sagt die Politik den Betroffenen sinngemäß: Ja, das Problem ist da – aber den Antrag, der rasch Entlastung bringen sollte, lehnen wir trotzdem ab. Genau das ist der Skandal.

APA/Adobe Stock

Denn die Lage ist seit Langem bekannt. Laut offizieller Mitteilung des Landes lag die durchschnittliche Wartezeit bereits 2025 bei 4,75 Monaten; insgesamt belief sich die Bearbeitungszeit ab Antragstellung auf etwas weniger als sieben Monate. Je nach Bezirk gab es dabei erhebliche Unterschiede. Anfang Februar 2026 berichtete Rai Südtirol zudem unter Berufung auf eine Landtagsanfrage, dass landesweit weiterhin rund sieben Monate und mehr gewartet werde. Eigentlich sollte eine Pflegeeinstufung laut Gesetz innerhalb von 60 Tagen erfolgen.

Die Mehrheit kennt das Problem – und sagt trotzdem Nein

Trotz dieser bekannten Lage hat der Landtag am 11. März 2026 einen Oppositionsantrag zur Verkürzung der Wartezeiten abgelehnt. Laut den öffentlich berichteten Angaben stimmte die Opposition geschlossen dafür, die Regierungsparteien dagegen. Bei 17 zu 17 Stimmen galt der Antrag als abgelehnt.

Das ist der politische Kern des Falles: Die Mehrheit bestreitet das Problem nicht. Sie bestreitet nicht die monatelangen Wartezeiten. Sie bestreitet nicht die Überlastung. Sie lehnt aber genau jene Übergangslösung ab, die den Druck auf betroffene Familien kurzfristig mindern sollte.

Die offizielle Begründung klingt ordentlich – für Betroffene klingt sie bitter

Die offizielle Linie der Mehrheit lautet: Eine Wiedereinführung der Einstufung von Amts wegen für offene Anträge sei problematisch, weil dadurch öffentliche Mittel ausbezahlt würden, ohne dass der tatsächliche Pflege- und Betreuungsbedarf vorher individuell überprüft worden sei. Eine solche Lösung komme nur in außerordentlichen Situationen wie während der Corona-Pandemie in Betracht. Außerdem würde eine pauschale Amtseinstufung das Problem nicht lösen, sondern nur verschieben, weil die fachliche Einstufung später ohnehin noch gemacht werden müsse. Formal mag das sauber klingen. Politisch ist es eine Ohrfeige.

Denn was heißt das in der Praxis? Es heißt: Obwohl man weiß, dass Familien monatelang warten, obwohl man weiß, dass das System überlastet ist, obwohl man weiß, dass pflegebedürftige Menschen und Angehörige genau in dieser Zeit finanziell und organisatorisch am Anschlag sind, lehnt man eine Notlösung ab, weil sie nicht ideal ist. Seit wann muss eine Notlösung ideal sein, um in einer Notlage vertretbar zu sein?

Die Zahlen machen die Ablehnung noch brisanter

Anfang Februar wurde öffentlich berichtet, dass von den im Jahr 2025 eingereichten 7.421 Gesuchen noch 3.374 offen gewesen seien. Das ist kein Randproblem mehr. Das ist ein Rückstau, der sich direkt auf Familien auswirkt. Gleichzeitig blieb es bei nur 17 Einstufungsteams.

Wenn ein System bei tausenden offenen Gesuchen steckt, wenn selbst offizielle Stellen durchschnittliche Wartezeiten von vielen Monaten ab Antragstellung nennen, dann ist der Ruf nach einer raschen Überbrückung keine Übertreibung, sondern die logische Folge eines offensichtlichen Missstands.

Die Landesregierung verspricht Besserung – aber nicht schnell

Pamer sagt öffentlich, zusätzliche Teams seien geplant, Auswahlgespräche hätten bereits stattgefunden, doch Kündigungsfristen, Abkommandierungen und die notwendige Einschulung verzögerten den Start. Neue Teams sollen in den kommenden Monaten schrittweise dazukommen. Auch andere angekündigte Verbesserungen, etwa ein vereinfachter Bewertungsbogen oder die automatische Pflegeeinstufung bei Demenzdiagnosen, sind laut Rai noch nicht oder nicht vollständig umgesetzt.

Genau darin liegt der Widerspruch: Die Politik sagt selbst, dass die Entlastung nicht rasch kommen wird. Gerade deshalb wäre eine Übergangslösung für viele Betroffene naheliegend gewesen. Stattdessen wurde sie abgelehnt.

Familien brauchen keine perfekte Theorie – sie brauchen jetzt Entlastung

Natürlich kann man argumentieren, dass eine automatische oder pauschale Einstufung verwaltungstechnisch unsauber ist. Natürlich kann man darauf hinweisen, dass eine individuelle Prüfung grundsätzlich sinnvoll bleibt. Aber all das beantwortet nicht die eigentliche Frage: Was passiert in der Zwischenzeit mit den Menschen, die jetzt Hilfe brauchen? Wer wegen eines Rückstaus im System in der Luft hängt, hat wenig davon, dass irgendwann vielleicht neue Teams kommen.

Die politische Botschaft, die nach dieser Abstimmung hängen bleibt, ist deshalb verheerend: Ja, wir kennen das Problem. Ja, wir wissen, dass Familien warten. Ja, wir wissen, dass das System derzeit nicht rechtzeitig funktioniert. Aber die beantragte Soforthilfe wollen wir trotzdem nicht. Das ist nicht bloß unglücklich. Das ist ein politisches Armutszeugnis.

Jetzt
,
oder
oder mit versenden.

Es gibt neue Nachrichten auf der Startseite