Mobilität in Südtirol wird vom Tourismus bestimmt

Denn während politisch über Mobilität geredet wird, zeigt eine nüchterne Zahl des ASTAT etwas, das man nicht einfach wegmoderieren kann: Zwischen den täglichen touristischen Ankünften und den täglichen Ausfahrten von Pkw und Motorrädern auf dem Südtiroler Abschnitt der A22 besteht eine sehr starke Korrelation von ρ = 0,88.
Auf gut Deutsch heißt das: Wenn viele Gäste ankommen oder wieder abreisen, steigt meist auch der Verkehr auf der Brennerautobahn deutlich an. Dieser Wert beweist nicht, dass jede einzelne Verkehrsspitze ausschließlich vom Tourismus verursacht wird. Er zeigt aber sehr klar, dass der Reiseverkehr den Takt auf der A22 in hohem Maß mitbestimmt. Und genau dort beginnt die unbequeme Frage: Wenn der Verkehr so eng an touristische Bewegungen gekoppelt ist, worüber reden wir dann eigentlich, wenn wieder von „Mobilitätslösungen“ die Rede ist? Reden wir über die Lebenswirklichkeit der Einheimischen – oder verwalten wir längst ein System, das sich vor allem nach An- und Abreisetagen richtet?
Die Zahlen sind zu deutlich, um sie kleinzureden
Das ASTAT hält zudem fest, dass im Jahr 2023 – ohne die Pflichtmautstelle Brenner – insgesamt 30,8 Millionen Durchfahrten auf dem Südtiroler Abschnitt der A22 gezählt wurden. Die Mautstelle Bozen Süd lag mit über 10 Millionen Durchfahrten an der Spitze. Pkw und Motorräder machten fast 80 Prozent der gesamten Fahrten aus. Im Vergleich zu 1996 ist die Zahl der Durchfahrten um mehr als 60 Prozent gestiegen. Das allein wäre schon alarmierend genug.
Wirklich brisant wird es aber dort, wo die Statistik einen Zusammenhang offenlegt, den im Alltag ohnehin viele längst spüren: Wenn die Urlauber kommen, steigt der Verkehr – und wenn die Urlauber abreisen, steigt er wieder. Überlastete Wochenenden, Bettenwechsel und saisonale Spitzen zwingen das Land in einen zähen Verkehrstakt. Das betrifft eben nicht nur die Tourismusbranche, sondern jeden Südtiroler, der auf der Straße unterwegs sein muss.
Mobilitätspolitik klingt gut – aber wem dient sie im Alltag?
Daniel Alfreider ist seit Jahren der politische Hauptverantwortliche für Infrastruktur und Mobilität in Südtirol. Noch im Jänner dieses Jahres wurde aus der Landesregierung betont, Ziel sei die Verbesserung der Lebensqualität und die Entlastung entlang der Brennerachse. Das klingt gut. Sehr gut sogar. Nur stellt sich die Frage, warum der Alltag vieler Bürger trotzdem anders aussieht. Denn was nützen schöne Ziele, wenn sich das konkrete Verkehrsgeschehen weiterhin so stark an touristischen Strömen orientiert? Was nützt eine Mobilitätsdebatte, die modern klingt, wenn Familien, Pendler, Handwerker und Betriebe ihr Leben faktisch nach Stauwahrscheinlichkeit, Ferienbeginn und Bettenwechsel ausrichten müssen?
Genau darin liegt der eigentliche Widerspruch. Es wird über Mobilität gesprochen, als ginge es um ein planbares Gesamtsystem. Tatsächlich aber erleben viele Südtiroler ein Land, dessen Hauptachse immer öfter fremdbestimmt wirkt.
Nicht der Transit allein prägt die Lage
Besonders bequem ist es, jedes Problem auf den Schwerverkehr zu schieben. Das klingt entschlossen, ist politisch anschlussfähig und hat einen offensichtlichen Gegner. Nur zeigen die ASTAT-Daten eben auch etwas anderes: Fast 80 Prozent der Fahrten auf dem betrachteten A22-Abschnitt entfallen auf Pkw und Motorräder. Wer also ehrlich über Belastung, Überlastung und Lebensqualität sprechen will, kann nicht so tun, als handle es sich ausschließlich um ein Lkw-Problem.
Das heißt nicht, dass der Transit keine Rolle spielt. Natürlich tut er das. Aber es heißt sehr wohl, dass die öffentliche Debatte zu oft dort vereinfacht, wo die Realität komplizierter ist. Wenn touristische Ankünfte und ausfahrende Pkw so eng zusammenhängen, dann ist der Verkehr eben auch Ausdruck eines Modells, das Südtirol als Ankunfts- und Durchfahrtsraum permanent unter Druck setzt.
Folgen wir längst einem Rhythmus, den andere vorgeben?
Viele Südtiroler kennen dieses Muster längst aus dem Alltag. Man fährt nicht mehr einfach dann, wenn man selbst Zeit hat. Man überlegt, ob gerade Reiseverkehr ist, ob ein Ferienwechsel ansteht, ob wieder ein „kritisches Wochenende“ droht, ob man besser früher losfährt oder lieber gar nicht. Genau darüber wird viel zu selten offen gesprochen.
Denn ein Land verliert ein Stück Selbstbestimmung im Alltag, wenn seine wichtigste Verkehrsachse immer stärker von äußeren Rhythmen bestimmt wird. Dann wird Mobilität für Einheimische nicht einfacher, sondern unsicherer. Dann wird der Alltag nicht freier, sondern abhängiger. Und dann stellt sich irgendwann zwangsläufig die Frage, ob das Gleichgewicht noch stimmt.
Bozen Süd ist kein Zufall – sondern ein Warnsignal
Dass gerade Bozen Süd das höchste Verkehrsaufkommen aufweist, ist kein statistischer Zufall. Es zeigt, wo sich die Belastung im Land besonders verdichtet. Dort treffen Pendler, Wirtschaftsverkehr, touristische Ströme und lokaler Alltag aufeinander. Genau dort wird sichtbar, wie eng Südtirols Lebensraum inzwischen mit einem Verkehrssystem verflochten ist, das immer dichter, empfindlicher und störanfälliger wird.
Und wenn dann wieder von „gezielten Maßnahmen“ die Rede ist, darf man schon die Gegenfrage stellen, ob diese Maßnahmen überhaupt noch ausreichen, um ein Problem zu bewältigen, das längst strukturell geworden ist.
Die eigentliche Debatte hat erst begonnen
Die Fragen, die sich viele Südtiroler stellen, sind eigentlich einfach: Wenn der Verkehr auf Südtirols Hauptachse in so hohem Maß dem Tourismus-Takt folgt, welche Konsequenz zieht die Mobilitätspolitik daraus? Wird dieses Problem offen benannt und ehrlich quantifiziert? Oder redet man weiter in allgemeinen Formeln über Nachhaltigkeit und Lebensqualität, während sich die Bevölkerung im Alltag an Zustände gewöhnt, die längst nicht mehr normal sind?
Genau das ist die Gefahr: dass aus Überlastung Gewohnheit wird, dass aus strukturellem Druck eine bloße Alltagsbeschwerde gemacht wird und dass am Ende alle über Mobilität reden, aber kaum jemand ausspricht, wer den Takt tatsächlich vorgibt.
Südtirol ist kein Warteraum
Südtirol ist kein Parkplatz zwischen zwei Reiseströmen, kein bloßer Korridor und keine Kulisse für An- und Abreise. Südtirol ist in erster Linie Lebensraum. Und Mobilitätspolitik, die diesen Namen verdient, muss zuerst den Menschen dienen, die hier leben. Nicht nur jenen, die hier Urlaub machen. Nicht nur jenen, die durchfahren. Nicht nur jenen, die am Papier in Strategien auftauchen.






