von lif 12.03.2026 10:22 Uhr

Das Sterbe-Muster: Was die Zahlen verraten

In Portugal sterben im Winter 28 Prozent mehr Menschen als im Sommer. In Finnland sind es zehn Prozent. Ein Paradox, das Wissenschaftler auf eine überraschende Ursache zurückführen.

Bild: APA/dpa

Wie das Statistische Bundesamt in seinem monatlichen Bericht zu Sterbefällen zeigt, erreichen die Sterbezahlen in Deutschland in den Monaten Dezember bis März jeweils Höchststände. Laut Statista sterben in den Wintermonaten rund zehn Prozent mehr Menschen als in den restlichen Monaten. Im Gegensatz dazu liegt die Sterberate in den Monaten August und September um sieben Prozent niedriger.

In Deutschland waren 2014 laut dem Statistischen Landesamt Baden-Württemberg die meisten Todesfälle im Dezember, gefolgt von den Monaten März, Januar und April. Die wenigsten starben im Juni, September und im August. Wenn man berücksichtigt, dass die Monate unterschiedlich lang sind, waren Dezember und März die Monate mit der höchsten Sterblichkeit pro Tag.

Je wärmer, desto tödlicher

Laut einer Studie im Journal of Epidemiology and Community Health aus dem Jahr 2003 leiden südeuropäische Länder unter der höchsten Wintersterblichkeit. Portugal führt die Liste mit 28 Prozent Übersterblichkeit im Winter an, gefolgt von Spanien und Irland mit jeweils 21 Prozent. Finnland hingegen verzeichnet nur zehn Prozent. Der Grund für dieses Paradox: schlechte Wohnisolierung. Wie die Studie zeigt, gibt es einen „starken, positiven Zusammenhang mit der Umgebungstemperatur und einen starken negativen Zusammenhang mit der Wärmeeffizienz“. Mit anderen Worten bedeute das, dass in südlichen Ländern die Häuser schlecht isoliert sind, weil milde Winter erwartet werden. Die Menschen leiden dort stärker unter der Kälte in ihren eigenen vier Wänden als Finnen, die in gut isolierten Häusern leben.

Eine aktuellere Studie in Scientific Reports vom Februar 2024 bestätigt dies: „Regionen mit warmen Wintern und kalten Sommern zeigten die höchste Anfälligkeit für Temperaturabfall während des Winters.“

Die gefährlichsten Stunden

Auch die Tageszeit spielt eine Rolle. Laut einer Analyse auf phongnhaexplorer.com ereignen sich die meisten Todesfälle in den frühen Morgenstunden, genauer gesagt zwischen 4 und 11 Uhr. Der Gipfel liegt dabei zwischen 6 und 10 Uhr. Wie das wissenschaftliche Fachbuch „Wach-Schlaf-Rhythmus und Aufmerksamkeit“ von Springer beschreibt: „Die meisten Menschen werden zwischen 3 und 5 Uhr früh geboren und um diese Uhrzeit sterben sie auch.“ Der Grund dafür sei, weil der Körper um diese Zeit am schwächsten ist. Alle Vitalfunktionen sind reduziert.

Besonders gefährlich sind die Morgenstunden für Herzinfarkte. Wie Welt der Wunder berichtet, ereignen sich 40 Prozent der tödlichen Herzinfarkte zwischen 6 und 12 Uhr. Verantwortlich dafür sei ein Protein namens Klf15, der Taktgeber des Herzens. In den Morgenstunden sorgt es für einen erhöhten Zufluss von Kalium in die Herzmuskelzellen und lässt so den Blutdruck ansteigen. Laut belgischer Statistik (Statbel) sterben 29,1 Prozent aller Menschen morgens und 27,3 Prozent nachmittags. Mitten in der Nacht zu sterben ist dagegen seltener.

Das September-Phänomen

Eine Besonderheit gibt es in Mittelmeerländern. Wie eine Studie im „Canadian Medical Association Journal“ zeigt, tritt in fünf europäischen Mittelmeerländern ein „September-Phänomen“ auf: Die niedrigste durchschnittliche tägliche Sterblichkeit ereignet sich im September.

In Griechenland trat die niedrigste Sterblichkeit in 89 Prozent der untersuchten Jahre im September auf, in Italien in 72 Prozent der Jahre und in Spanien in 80 Prozent. Die Forscher vermuten, dass viele anfällige Menschen bereits während sommerlicher Hitzewellen sterben. Das erklärt die niedrigere Sterblichkeit im September.

Warum der Winter tötet

Wie eine Studie in PMC (PubMed Central) zeigt, können etwa zwei Drittel der kältebedingten Sterblichkeit auf ischämische Herzerkrankungen und zerebrovaskuläre Erkrankungen zurückgeführt werden. Atemwegserkrankungen machen einen weiteren bedeutenden Anteil aus. Laut dem Statistischen Landesamt Baden-Württemberg wird die höhere Sterblichkeit im Winterhalbjahr im Wesentlichen darauf zurückgeführt, dass der Organismus aufgrund der Kälte geschwächt sein kann und es deshalb häufiger aufgrund von Herz-Kreislauf- und Atemwegserkrankungen zu Todesfällen kommt. Davon sind insbesondere ältere Menschen betroffen.

Der Zusammenhang zwischen Winterwetter und Sterblichkeit ist messbar: Nach Angaben des Deutschen Wetterdienstes hatte sich Mitte Januar 2013 bis Anfang April winterliches Wetter in ganz Deutschland durchgesetzt. Die Folge waren deutlich höhere Sterbefallzahlen. In den Monaten Januar und Februar 2014 blieb dagegen richtiges Winterwetter aus und die Sterbefallzahlen lagen deutlich niedriger.

Die Auswirkung auf die Lebenserwartung

Wie eine Studie in PMC vom Mai 2025 zeigt, reduziert saisonale Übersterblichkeit die Lebenserwartung bei Geburt im Durchschnitt um 1,14 Jahre bei Männern und 0,8 Jahre bei Frauen. Das entspricht europaweit etwa 400.000 Todesfällen pro Jahr. Die stärksten Winter-Sterblichkeitsbeiträge fanden sich in Portugal, Bulgarien und Spanien. Todesfälle in der älteren Bevölkerung (65+) waren der Haupttreiber dieser Auswirkung: Rund 70 bis 90 Prozent der Reduktion der Lebenserwartung waren auf höhere Altersgruppen zurückzuführen.

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