Die stille Kirchenkrise

Laut der Deutschen Bischofskonferenz traten 2024 insgesamt 321.611 Menschen aus der katholischen Kirche aus. Das sind zwar weniger als 2023 (402.694 Austritte), aber immer noch viele. 2022 war mit über 520.000 Austritten das Rekordjahr. Zum Vergleich: In den 1990er Jahren lag die Zahl bei etwa 100.000 bis 150.000 pro Jahr. Wie die Deutsche Bischofskonferenz am 27. März 2025 mitteilte, machen Katholiken nur noch 23,7 Prozent der Gesamtbevölkerung aus. Damit sind erstmals weniger als ein Viertel der Deutschen katholisch. Der Gottesdienstbesuch liegt bei nur 6,6 Prozent.
Österreich: Unter 50 Prozent
Laut Statista traten 2024 in Österreich 71.531 Menschen aus der katholischen Kirche aus. Im Rekordjahr 2022 waren es sogar 90.975 Austritte. Wie die Forschungsgruppe Weltanschauungen (fowid) berichtet, sind Ende 2024 nur noch 49,6 Prozent der Österreicher katholisch. Zum Vergleich: 1991 waren noch 82,6 Prozent der Österreicher katholisch.
Wie die österreichische Bischofskonferenz in ihrer Kirchenstatistik 2024 berichtet, gab es auch positive Zahlen: Die Gottesdienstbesuche stiegen auf 366.210 beziehungsweise 378.797 Mitfeiernde an den beiden Zählsonntagen. Trotzdem zeigt die Tendenz nach unten.
Südtirol und Italien
Laut der Plattform Libratus gab es 2018 in Südtirol gerade mal 14 offizielle Kirchenaustritte. Im gleichen Jahr waren es in Österreich 58.378. Der Unterschied ist gewaltig.
Aber wieso? In Italien gibt es keine Kirchensteuer und damit auch keine behördliche Austrittspflicht. Wie DOMRADIO.DE im April 2024 berichtete, gibt es in Italien „keinen statistisch erfassten Kirchenaustritt“. Wer der Kirche den Rücken kehren will, tut das einfach, ohne Gang zur Behörde.
Die Realität sehe aber anders aus als die Statistik: Laut dem italienischen Statistikamt ISTAT besuchen nur noch 20 Prozent mindestens einmal pro Woche die Messe. Wie die Konrad-Adenauer-Stiftung in ihrem Länderbericht „Kirchensteuer auf Italienisch“ schreibt, ist das ein Rekordtief. 50 Prozent besuchen den Gottesdienst nur noch gelegentlich oder an Festtagen, 30 Prozent gehen nie.
Wie katholisch.de im September 2020 berichtete, hat sich die Zahl der Atheisten in Italien in den vergangenen 25 Jahren verdreifacht und noch deutlicher wird es bei der Kultursteuer. Jeder in Italien lebende kann selbst entscheiden, wohin seine acht Promille der Steuern fließen. Laut der Konrad-Adenauer-Stiftung lag die Quote für die katholische Kirche zuletzt nur noch bei knapp über 30 Prozent.
Warum treten Menschen aus?
Die Gründe für Kirchenaustritte sind vielfältig und je nach Land unterschiedlich. Laut einer Umfrage von YouGov aus Juli 2023, über die die Forschungsgruppe Weltanschauungen (fowid) berichtete, nannten 49 Prozent den Missbrauchsskandal als Grund und 43 Prozent die Kirchensteuer. Das Sozialwissenschaftliche Institut der Evangelischen Kirche (EKD) befragte 1.500 ehemalige Kirchenmitglieder. Da zeigte sich ein klarer Unterschied: Bei ehemaligen Evangelischen steht die Kirchensteuer an erster Stelle (71 Prozent Zustimmung), bei ehemaligen Katholiken die Unglaubwürdigkeit der Kirche.
Die EKD-Studie zeigte aber auch: Ein Kirchenaustritt ist meist ein langfristiger Prozess. Wie die Forschungsgruppe fowid zusammenfasst: „Kirchenaustritte sind kein Naturphänomen, sondern Ausdruck einer Entfremdung der Gläubigen von der Kirche“, so Kirchenrechtsexperte Thomas Schüller. Eine Studie des Bistums Essen, über die das Portal „Du bewegst Kirche“ im Juli 2017 berichtete, identifizierte zwei Hauptmotive: „Erstens Entfremdung und zweitens fehlende Bindung“, so der Siegener Religionspädagoge, Ulrich Riegel. Kirche werde als „Institution erlebt, die aus Machtinteressen und Ränkespielen besteht“.
Bei den konkreten Anlässen stehen laut der EKD-Studie die kirchlichen Missbrauchsskandale und die Verschwendung finanzieller Mittel ganz vorne. Bei ehemaligen Katholiken spielte auch die Ablehnung von Homosexuellen eine große Rolle.
Der internationale Vergleich
Laut der Forschungsgruppe Weltanschauungen (fowid) liegt Italien mit 41 Prozent regelmäßigen Gottesdienstbesuchern (mindestens einmal im Monat) noch immer an der Spitze in Westeuropa. Deutschland liegt bei etwa 20 Prozent, Belgien bei nur 14 Prozent. Doch die Entwicklung geht überall in die gleiche Richtung: nach unten. Wie der Tagesspiegel im August 2022 berichtete, ist in Italien der wöchentliche Gottesdienstbesuch von etwa 70 Prozent Mitte der 1950er Jahre auf die Hälfte in den 1970er Jahren gefallen und sank seitdem weiter auf die heutigen 20 Prozent.
Was bedeutet das für Südtirol?
Die offiziellen Austrittszahlen geben die Realität nicht wieder. Die Menschen distanzieren sich leise von der Kirche. Sie taufen ihre Kinder vielleicht noch, heiraten kirchlich, lassen sich kirchlich beerdigen. Aber der sonntägliche Gottesdienstbesuch wird zur Ausnahme. Die Kirche reagiert. Wie religion.ORF.at am 17. September 2025 berichtete, steigt in Österreich die Zahl der Erwachsenentaufen und Wiedereintritte. 2024 wurden 5.154 Erwachsene wieder oder neu in die Kirche aufgenommen. Das ist mehr als in den Vorjahren. 453 Personen machten von ihrem Widerrufsrecht Gebrauch und nahmen ihren Austritt innerhalb der Dreimonatsfrist zurück.
Der Trend ist aber trotzdem eindeutig. Religion wird zunehmend zur Privatsache.






